Maria Leitner war eine sozialkritische Journalistin und Schriftstellerin. Auch ihre Bücher waren meist im Reportage-Stil geschrieben, mit authentischen Berichten über Menschen aus aller Welt und über deren Lebensumstände.
Maria Leitner wurde am 19. Januar 1892 in Varazdin bei Zagreb, im damaligen Österreich-Ungarn geboren, als Tochter eines Baustoffhändlers. Sie wuchs zweisprachig in Budapest auf. Nach ihrem Besuch in der Ungarischen Königlichen Höheren Mädchenschule studierte sie in Wien und Berlin Kunstgeschichte und absolvierte anschließend ein Praktikum im Berliner Kunsthandel und im Verlag von Paul Cassirer. In dessen Verlag für Kunst und Literatur erschienen damals Zeitschriften wie PAN, Weiße Blätter oder eine von Lajos Hatvany mitfinanzierte Monatszeitschrift für ungarische Kunst und Wissenschaft namens Jung-Ungarn.
Copyright: Aus "Elisabeth, ein Hitlermädchen - Erzählende Prosa, Reportagen und Berichte", Aufbau Berlin, 1985
Ab 1913 arbeitete sie als Journalistin für die Budapester Boulevardzeitung Az Est – auf Deutsch Der Abend – und berichtete nach Beginn des Ersten Weltkriegs als Korrespondentin auch für andere Budapester Zeitungen aus Stockholm.
Nach Kriegsende schloss sie sich zusammen mit ihren Brüdern den ungarischen Kommunisten an. Nach dem Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik im Sommer 1919 mussten die Geschwister aus Ungarn fliehen. Maria Leitner emigrierte zunächst nach Wien. Als sie im Sommer 1920 als Beobachterin am 2. Kongress der kommunistischen Jugend Internationale in Moskau teilnahm, lernte sie dort Willi Münzenberg kennen. Der bot ihr eine Mitarbeit als Berichterstatterin und Übersetzerin in seinem Berliner Verlag an.
Aber sie konnte bald auch ihre Beiträge in den Zeitungen und Zeitschriften des Ullstein-Verlags unterbringen.1925 reiste sie im Auftrag des Ullstein-Verlags in die USA und durchquerte Nordamerika von Ost nach West und von Nord nach Süd, reiste aber auch nach Südamerika und durch die Inselwelt der Karibik. In dieser Zeit nahm sie rund 80 Jobs an, verdiente Geld etwa als Dienstmädchen, Zigarrendreherin oder Zimmermädchen in Hotels, um so über das Leben einfacher Menschen authentisch berichten zu können. Daraus entstanden sozialkritische Reportagen aus eigenem Erleben, über die etwas andere Seite des damals bewunderten „American Dream“. Sie erschienen unter dem Titel „Unbekanntes Amerika“ in der Illustrierten UHU und auch in der Roten Fahne aus Wien. Diese Reportagen wurden 1932 in dem Buch „Eine Frau reist durch die Welt“ zusammengefasst und später noch mit großem Erfolg in der Budapester Zeitung Népszava veröffentlicht.
Zu Beginn der 30er Jahre schrieb sie dann Reportagen für mehrere Medien, darunter die Welt am Abend oder die Arbeiter-Illustrierte, die in Münzenbergs Neuem Verlag erschienen. Zum Beispiel über die Politik der NSDAP auf dem flachen Land und die dort so entstandenen „Hitler-Dörfer“. Dann ihre Artikelreihe „Frauen im Sturm der Zeit“, vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und einer dadurch grassierenden Massenarbeitslosigkeit. Beschreibungen vom Leben einiger Berlinerinnen zwischen ihrer Arbeitsstätte, der Stempelstelle und ihrem Zuhause. Diese Serie erschien in Münzenbergs Welt am Abend. In der feministischen Frauenzeitschrift Der Weg der Frau setzte sie sich für bessere Frauenrechte ein und kämpfte gegen das bestehende Abtreibungsverbot. Nicht zu vergessen ihre regelmäßigen kleinen Glossen für Ullsteins Tageszeitung Tempo.
Nach der Machtergreifung Hitlers kam sie 1933 sofort auf „Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ - auch ihre Bücher wurden verbrannt. Dennoch blieb sie noch einige Zeit illegal in Deutschland und recherchierte über die geheimen Kriegsvorbereitungen. Daraus entstandene Artikel wurden in den deutschsprachigen Exil-Zeitungen Das Wort, verlegt in Moskau, in der Pariser Tageszeitung oder von der in Prag erscheinenden Neuen Weltbühne gedruckt.
Schließlich aber setzte sie sich nach Paris ab und versuchte sich als Schriftstellerin über Wasser zu halten. So schrieb sie für die Pariser Tageszeitung den Fortsetzungsroman „Elisabeth ein Hitlermädchen“. Darin beschrieb sie den Alltag der Jugendlichen in Nazi-Deutschland, die Manipulation junger Mädchen durch andauernde Nazi-Propaganda im „BDM Bund Deutscher Mädchen“, im Arbeitsdienst oder bei befohlenen Nazi-Aufmärschen.
1940 wurde Maria Leitner von den Franzosen im Camp de Gurs interniert, von wo ihr die Flucht nach Marseille gelang. Dort lebte sie unter ärmlichsten Bedingungen im Untergrund und versuchte vergeblich, ein Visum für die USA zu bekommen. Ohne Erfolg, trotz des Einsatzes von Theodore Dreiser, der Maria Leitner 1938 in Frankreich beim „Dritten Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ kennengelernt hatte und mit dem sie seither im Briefverkehr stand. Auch Oskar Maria Graf, der sich bereits seit 1938 im amerikanischen Exil befand, wandte sich an die Hilfsorganisation „American Guild for Cultural Freedom“ mit der Bitte, man möge doch Maria Leitner unbedingt unterstützen. Er bürge für die Kollegin, „sie sei eine sehr aktive antifaschistische Schriftstellerin, die nur wenige kennen ... Sie ist nicht nur eine gute Schriftstellerin, sondern eine der mutigsten und bescheidensten Frauen, die wir haben.“
Nichts half, vielleicht auch, weil links verortete oder dem Kommunismus nahestehende Personen in den USA ohnehin nicht sonderlich willkommen waren. Ihr letztes Lebenszeichen ist ein Brief vom 20. Mai 1941 an Theodore Dreiser, der vor einiger Zeit in dessen Nachlass entdeckt wurde.
Maria Leitner, die selbst ihr kleines Hotelzimmer nicht mehr bezahlen konnte und zunehmend unter Verfolgungswahn litt, wurde Ende 1941 denunziert und von der Polizei in eine Marseiller Psychiatrie eingeliefert. Dort starb sie am 14. März 1942 - ausgehungert und total erschöpft.
Quellen:
Biographie auf fembio.de
Biographie bei der Gesellschaft für Exilforschung
Volker Weidermann: Was geschah mit Maria? /ZEIT Feuilleton vom 27.3.2024
Bücher:
Maria Leitner: Hotel Amerika / Reclam 2024