Theodor Lessing

Theodor Lessing war ein deutscher Philosoph, Publizist und Schriftsteller. Als Journalist hat er verschiedene Skandale kommentiert und einige sogar mit heraufbeschworen; denn seine spitze Feder konnte er nur schwer bändigen, wenn es darum ging, tatsächliche oder vermutete Fehlleistungen von Kollegen, der Polizei oder von Politikern anzuprangern.

Geboren wurde Karl Theodor Richard Lessing am 8. Februar 1872 in Hannover als Sohn einer assimilierten jüdischen Arztfamilie. Er war ein mäßiger Schüler, der seine Schule, das hannoversche Ratsgymnasium, als eine „auf deutschtümelnde Phrasenhaftigkeit aufgebaute Verdummungsanstalt“ bezeichnete. Sein Abitur musste er daher in Hameln machen. Danach begann er zunächst ein Medizinstudium, wechselte aber bald zu Literatur, Philosophie und Psychologie und promovierte über den russischen Logiker Afrikan Spir. Eine geplante Habilitation scheiterte zunächst am Widerstand gegen Juden.

Während seiner Studienzeit in München ergriff Lessing 1895 mit einem Pamphlet öffentlich Partei für Oskar Panizza, der dort wegen seines Theaterstücks „Das Liebeskonzil“ vor Gericht stand und zu einer einjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Panizzas in der Schweiz verlegte antikatholische Satire rief bei Theodor Fontane oder Detlev von Liliencron Begeisterung hervor – Thomas Mann hingegen, der Panizza während seiner Studienzeit in München kennengelernt hatte, hielt das Werk für eine „blasphemische Geschmacklosigkeit“. „Das Liebeskonzil“ war der sicherlich größte Literaturskandal der 1890er Jahre. Lessings Diktum dazu: „Fragen der Kunst gehören nicht vor bürgerliche Gerichte.“

 

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Copyright: Will Burgdorf Fotografie

Nach seinem Studium schlug Lessing sich als Aushilfslehrer durch und schrieb in den Jahren 1906 bis 1907 Theaterkritiken für das Göttinger Tageblatt. 1907 habilitierte er sich doch noch an der Königlich Technischen Hochschule Hannover und wirkte dort als Privatdozent für Philosophie. Seine Polemiken aus dieser Zeit kennzeichnen ihn als unangepasst, ja exzentrisch, und schadeten zweifellos seiner professoralen Seriosität. Wie etwa seine scharfzüngige Satire über den jüdischen Kritiker Samuel Lublinski und dessen Buch „Die Bilanz der Moderne“. Was dazu führte, dass Thomas Mann für Lublinski Partei ergriff, denn der hatte seinen Roman „Buddenbrooks“ sehr gut beurteilt. Als Lessing, der Lublinski nicht für einen berufenen Kritiker für jene Zeit hielt, dem „Moralgroßmäulchen Tomi“ Mann ähnlich polemisch antwortete, hatte Deutschland einen weiteren Literaturskandal.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Lessing freiwillig für den militärärztlichen Dienst und diente als Lazarettarzt. Und verfasste das Buch „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“, mit dem er klar Position gegen den Krieg bezog. Die Militärzensur verhinderte das Erscheinen – das Werk wurde erst 1919 veröffentlicht.

Nach dem Krieg kehrte Lessing an die Hochschule zurück und baute in Hannover-Linden eine Volkshochschule auf. Daneben wurde er publizistisch tätig, schrieb Artikel, Essays und Feuilletons für republikanisch-demokratische Blätter wie das Prager Tagblatt oder den Dortmunder Generalanzeiger. Und warnte vor dem verlogenen Umgang mit der Geschichte, vor der zunehmenden Ausbeutung der Natur und dem um sich greifenden Ungeist in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

1925 berichtete er über den Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann. Er enthüllte dabei, dass Haarmann lange Zeit als Spitzel für die hannoversche Polizei tätig gewesen war. Was diese in einem trüben Licht erscheinen ließ und dazu führte, dass er als Prozessbeobachter ausgeschlossen wurde.

Und am 25. April d.J. veröffentlichte er eine Charakterstudie über Paul von Hindenburg im Prager Tagblatt. Der war Kandidat für die Reichspräsidentenwahl – als eine Art „Ersatzkaiser“. Lessings im Klartext geschriebene Studie endete so: Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“

Danach war er zur Hassfigur für deutsch-nationale und völkische Kreise geworden, Studenten gründeten einen „Kampfausschuss“ gegen ihn und störten seine Vorlesungen. Im Juni 1926 musste er seine Lehrtätigkeit endgültig einstellen.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten nahm er noch am Berliner Kongress „Das Freie Wort“ teil, floh kurz danach am 1. März nach Marienbad in die Tschechoslowakei und arbeitete von dort für verschiedene deutschsprachige Exil-Zeitungen. Sudetendeutsche Zeitungen verbreiteten im Juni die Nachricht, das Deutsche Reich habe eine Belohnung für diejenigen ausgesetzt, die Lessing entführen und den deutschen Behörden übergeben würden. Am 30. August schossen daraufhin drei nationalsozialistische Attentäter durch das Fenster auf den am Schreibtisch sitzenden Mann und trafen ihn mit zwei Schüssen im Kopf. Er wurde noch ins Spital gebracht, starb dort aber am Tag darauf.

Das nationale Kampfblatt Niederdeutsche Zeitung konnte tags darauf in Lessings Heimatstadt Hannover vermelden: „Nun ist auch dieser unselige Spuk weggewischt.“ Und Joseph Goebbels, der 80.000 Reichsmark auf den Kopf von Lessing ausgesetzt hatte, dröhnte am 2. September auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP, dass „dieses Joch nun erfolgreich abgeschüttelt worden sei“. Die Mörder konnten nach Deutschland flüchten und bekamen neue Identitäten.

Durch Mord wurden - und werden bis heute! – unangepasste oder unliebsame Journalisten weiterhin nicht nur mundtot gemacht.

 

(hhb)