Der Mut, es einfach zu versuchen Manchmal beginnt eine große journalistische Karriere in einer Telefonzelle. Bei Klaus Liedtke war es genau so. Ende der 1960er-Jahre griff der junge Redakteur aus Dortmund zum Hörer und rief beim stern an – direkt beim Chefredakteur Henri Nannen. Was wie eine kühne Geste wirkt, war in Wahrheit der Auftakt zu einer Laufbahn, die den deutschen Journalismus über Jahrzehnte prägen sollte. „Man hat ja nichts zu verlieren“, sagte Liedtke später. Dieser Satz ist mehr als ein Zitat. Er ist ein Prinzip.
Geboren 1944, begann Liedtke seinen Weg zunächst fernab der großen Reportagen – mit einer Ausbildung zum Industriekaufmann. Doch schon früh zog es ihn in den Journalismus. Über die Westfälische Rundschau führte ihn sein Weg 1968 zum stern. Dort wurde er zu dem, was man heute einen Reporter im besten Sinne nennt: Einer, der hinausgeht, hinschaut, nachfragt – und erzählt.
Als Auslandskorrespondent berichtete Liedtke aus den USA, aus Krisengebieten, aus dem Vietnamkrieg. Seine Geschichten waren nah dran, oft unter Risiko entstanden, immer getragen von dem Anspruch, Wirklichkeit sichtbar zu machen. Dass er dabei zeitweise sogar in Gefangenschaft geriet, gehört zu den Erfahrungen, die seine Arbeit prägten – und seine Haltung schärften.
Über zwanzig Jahre lang formte er die Auslandsberichterstattung des stern, zunächst als Reporter, später als Leiter des Ressorts. 1986 rückte er in die Chefredaktion auf. In einer Zeit großer politischer Umbrüche verantwortete er Titelgeschichten, die bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben sind – von Tschernobyl bis zur deutschen Wiedervereinigung.
Copyright: Zeitzeugenportal, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Doch Liedtke war nie nur Chronist des Weltgeschehens. Er war auch Gestalter. 1999 übernahm er die Chefredaktion von National Geographic Deutschland und prägte das Magazin ein Jahrzehnt lang. Gleichzeitig engagierte er sich für die Zukunft des Journalismus: Als Mitbegründer der Initiative investigate! förderte er junge Reporterinnen und Reporter und setzte sich für gründliche, faktenbasierte Recherche ein – lange bevor der Begriff „Qualitätsjournalismus“ zum Schlagwort wurde.
Sein Wirken reichte dabei über den Journalismus hinaus. Liedtke engagierte sich für Umwelt- und Naturschutz, arbeitete mit internationalen Organisationen zusammen und verstand Journalismus stets auch als Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.
Als Klaus Liedtke im August 2025 im Alter von 81 Jahren starb, verlor der deutsche Journalismus nicht nur einen herausragenden Reporter und Chefredakteur, sondern auch eine Haltung: die Überzeugung, dass gute Geschichten Mut brauchen – und die Bereitschaft, den ersten Schritt zu machen.
Sein Vermächtnis lässt sich nicht nur in Stationen oder Titeln messen. Es liegt in der Haltung, die er vorgelebt hat: neugierig bleiben, sich etwas zutrauen, dranbleiben.
Oder, mit seinen eigenen Worten: Einfach machen.
Quellen
Wie sehen Sie denn aus, Herr Liedtke? / medium magazin 2013
Gregory Lipinski: Auch Ex-Sternchef Klaus Liedtke regt sich über Magazin-Beitrag auf / Meedia vom 18.1.2022
Köpfe-Klaus Liedtke / Hamburg Media School 2025
Cornelia Fuchs: Ehemaliger stern-Chefredakteur Klaus Liedtke verstorben / stern am 21.8.2025
Klaus Liedtke / im Zeitzeugenportal
weitere Quellen
https://www.digitalcluster.hamburg/de/mediathek/take-me-home-country-roads
https://www.facebook.com/groups/hadeln/posts/3412545742229470/
https://netzwerkrecherche.org/programme/jahreskonferenz/2013/speakers/1241.de.html
Bücher + Schriften
Klaus Liedtke: Stern EXTRA: 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland / G+J 1989