Dagobert Lindlau wurde am 11. Oktober 1930 in München geboren. Sein Vater war Architekt. Über seine Kindheit sagte er, er sei „trotz Krieg, Mangel, Hunger und Bomben ein glückliches, wenn auch ‚schwer erziehbares‘ (Schulakte) Kind“ gewesen. Bei einem Fliegerangriff auf München 1944 erlitt er schwere Verletzungen und Verbrennungen und kam laut Krankenakte in „moribundem Zustand“ in eine Klinik. Dort blieb er insgesamt drei Jahre, ehe er auf Krücken laufend entlassen wurde. Er konnte mehrere Klassen im Gymnasium überspringen und machte dann nach eigener Aussage „zeitgerecht ein miserables Abitur“, sei aber nie nach dem Zeugnis gefragt worden.
Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim „Würmtalboten“, ein amtliches Mitteilungsblatt, das in München-Pasing erschien. Er berichtete über Lokalpolitik, schrieb Leitartikel, verfasste Filmkritiken und redigierte den Gottesdienstkalender. Danach arbeitete er als Regie-Assistent bei der amerikanischen Filmgesellschaft „Princess Pictures“. Immer noch auf Krücken laufend, übte er mit internationalen Stars Texte, lernte Filme schneiden, schrieb Drehbücher und verfasste nebenbei Kurzgeschichten, die in der Münchner Illustrierten, der Stuttgarter Zeitung und in der Quick veröffentlicht wurden.
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1954 kam er als Fernsehreporter zum Bayerischen Rundfunk (BR) und konnte schon Berufserfahrung mitbringen. „Ich wusste, wie man schneidet, und ich kann mich noch erinnern, wie man gejubelt hat im Sender, weil der erste Film synchron war.“ In seinen Erinnerungen spricht er von „geradezu märchenhaften Zuständen“ in den Anfangszeiten des Fernsehens. Der damalige Fernsehdirektor Prof. Clemens Münster schickte den Nicht-Akademiker Lindlau zum Interview mit dem Frankfurter Sozialphilosophen Max Horkheimer. Das Gespräch wurde abends zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Quoten spielten noch keine Rolle. Professor Münster sei der Ansicht gewesen, „die Leute sollen ohnehin nicht dauernd vor dem Apparat sitzen“.
Münster verteidigte seinen Reporter auch, als Lindlau Mitte der 60er Jahre eine Serie über Chirurgie mit international anerkannten Experten produzierte, die einen Proteststurm insbesondere bei der Bundesärztekammer hervorrief.
Dagobert Lindlau zählte zu den Mitbegründern des ersten TV-Magazins „Anno“, mit dem der BR im Oktober 1960 auf Sendung ging. Zwei Jahre späte wurde daraus die Sendung „Report“. 1965 wurde er Chefreporter des Senders und blieb es bis 1992. Er berichtete in Reportagen aus den USA, Japan und Nahost, häufig aus Krisengebieten. Aber auch als Sportreporter war Lindlau unterwegs bei Eishockey, Säbelfechten und Skispringen. Von 1975 bis 1987 moderierte er den Weltspiegel, außerdem die „NDR Talk Show“ und „III nach 9“ bei Radio Bremen.
Mit seinen Reportagen erregte er regelmäßig Aufsehen. Nach dem Attentat palästinensischer Terroristen auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München und der fehlgeschlagenen Befreiungsaktion auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck wiesen Lindlau und sein Team nach, dass die Waffen der Polizei für einen solchen Einsatz völlig untauglich waren. Nach diesem Bericht kam er in Kontakt mit der neu gegründeten Anti-Terror-Einheit GSG 9. Als die Spezialeinheit während der Schleyer-Entführung im Herbst 1977 in Geheimmission nach Mogadischu aufbrach, um die Geiseln aus der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ zu befreien, und erste Meldungen darüber die Runde machten, moderierte Lindlau für die ARD einen „Brennpunkt“, in dem er einen möglichen Einsatz der Spezialtruppe dementierte, um die Entführer weiter in Sicherheit zu wiegen. „Es war eine furchtbare Fälschung, ... für einen Reporter so ungefähr beruflich das Schrecklichste, was er überhaupt machen kann. Nur das war eine Zwangslage ... Das haben die Zuschauer offenbar begriffen ... bei dieser Fälschung habe ich nicht eine einzige Beschwerde gekriegt.“
1981 machte Dagobert Lindlau das organisierte Verbrechen in Deutschland zum Thema. Er hatte dazu ausführlich in den USA recherchiert. Die Sendung „Die Bedrohung“ mit seinem Kollegen Dr. Hans Lechleitner wurde zum Publikumsrekord. Politik und Kriminalfachleuten sprachen daraufhin dagegen von Hirngespinsten und Panikmache. Sein 1987 erschienenes Buch „Der Mob – Recherchen zum Organisierten Verbrechen“ wurde zum Bestseller, inzwischen hatten die Ermittler bei Polizei und Justiz die Brisanz des Problems erkannt.
Unerschrocken und listig brachte Lindlau umstrittene Themen ins Programm. So bei den Protesten gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) im bayerischen Wackersdorf. Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (SPD) unterstütze den Widerstand. Ein Interview mit ihm im Bayerischen Rundfunk schien aussichtslos. So lud Lindlau den Politiker in seine Talkshow bei Radio Bremen ein.
Für seine Arbeit wurde der streitbare Journalist dreimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, 1986 als „Besondere Ehrung für hervorragende Verdienste um das Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland“. Mit seinen Eigenschaften, Eigenheiten sei Lindlau ein ziemlich unbequemer Mann und insofern dem Idealbild vom kritischen Journalisten nahe, hieß es in der Begründung. 1992 ging Lindlau beim BR in den Ruhestand. In seinem 2006 erschienen Buch „Reporter – eine Art Beruf“ schilderte er die spannendsten Ereignisse und Erfahrungen seines Reporterlebens und äußerte sich kritisch zum Zustand der Medien.
Dagobert Lindlau starb am 30. November 2018 in Vaterstetten. Mit ihm verliere der Bayerische Rundfunk „einen unbeugsamen, unverrückbaren und unerschrockenen Journalisten“ hieß es im Nachruf des Senders. „Sagen, was ist, ob es gefällt oder nicht, dies war sein Prinzip.“
(ms)