Štefan Lux

Štefan Lux war ein in der k.u.k. Monarchie geborener jüdischer Autor, Journalist, Schauspieler und Jurist, der sich aus Protest gegen den Antisemitismus und die Judenverfolgungen im Dritten Reich 1936 während einer Generalversammlung des Völkerbundes in Genf vor den Augen der dort versammelten Delegierten erschoss.

Štefan Mathias Lux wurde am 4. November 1888 als Sohn eines k.u.k.-Notars geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Preßburg, dem heutigen Bratislava. Anschließend studierte er in Budapest Rechtswissenschaften, widmete sich danach allerdings der Schauspielerei und Schriftstellerei. Vor dem Ersten Weltkrieg spielte er auf verschiedenen Bühnen in Berlin und Wien. Außerdem veröffentlichte er 1911 unter seinem Pseudonym Peter Sturmbusch einen ersten Gedichtband, für den er gute Rezensionen bekam.

Im Krieg diente Lux als Offizier in einem ungarischen Regiment und wurde mehrfach schwer verwundet.

 

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Copyright: Arnold Hahn - Před zraky národů : Proč umřel Stefan Lux? : Jeho život, čin a poslední dopisy / gemeinfrei

Nach Kriegsende zog Lux, nun tschechoslowakischer Staatsbürger, zurück nach Berlin und traf dort auf eine wachsende Judenfeindlichkeit. Dagegen wollte er filmisch vorgehen und gründete eine Filmproduktion. Deren einziger Spielfilm hieß „Gerechtigkeit“ – darin ging es um die jüdische Geschichte. Als erster Kinofilm richtete er sich zudem gegen den um sich greifenden Antisemitismus – mit Ernst Deutsch, Fritz Kortner und Rudolph Schildkraut in den Hauptrollen. Trotz dieser Starbesetzung kam der Film allerdings nie in die Kinos: Eine bereits geplante Premiere wurde durch den Kapp-Putsch verhindert, und angesichts der daraufhin zunehmenden konterrevolutionären Unruhen verließ den Finanzier des Filmprojekts, einen Kaufhausmagnaten, der Mut dazu. Danach arbeitete Lux als freier Journalist und Drehbuchautor.

Nach der Machtübernahme der Nazis zog er sich mit seiner Familie nach Prag zurück und betrieb dort kurzzeitig ein jüdisches Theater. Daneben wurde Lux zunehmend politisch aktiv und versuchte als freiberuflicher Journalist wenigstens die Leser von linksbürgerlichen Prager Zeitungen und von deutschsprachigen Emigrantenblättern mit seinen Artikeln und Aufrufen gegen den sich verstärkenden Nationalsozialismus aufzurütteln. Allerdings ohne ein positives Echo – nicht einmal aus der politischen Klasse.

Also beschloss er, die Weltöffentlichkeit auf andere Weise aus ihrer Lethargie zu reißen. Als akkreditierter Journalist besuchte Stefan Lux am 3. Juli 1936 in Genf die dortige Völkerbundversammlung, wo nach Mussolinis Überfall auf das Kaiserreich Abessinien an diesem Tag über Sanktionen gegen das faschistisch geführte Italien beraten werden sollte. Allen Anwesenden wurde schnell klar, dass vom Plenum keine durchgreifenden Maßnahmen gegen die Völkerrechtsverletzungen durch den Aggressor beschlossen werden würden.

Darum wollte Lux ein Zeichen radikaler Art setzen, gegen die absehbare Lethargie dieses Gremiums. Weder gegen Menschenrechtsverletzungen und dem Einsatz von Giftgas in Abessinien noch gegen die zunehmende Judenverfolgung in Deutschland und die in seinen Augen weiteren Gefahren durch den Nationalsozialismus waren spürbare Gegenmaßnahmen aus Genf zu erwarten.

Schon am 30. Juni hatte Lux eine Sitzung besucht, in welcher Abessiniens Kaiser Haile Selassie einen flammenden Hilfsappell an die dort versammelten Nationen richtete – begleitet von Pfiffen und Schmähungen ausgerechnet italienischer Journalisten.

Darum der Aufschrei in Richtung der Delegierten: „Dies ist das Ende!“ Dann richtete er seine Pistole gegen die Brust und drückte ab. Schwer verletzt brach er zusammen, wurde noch in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er in der Nacht zum 4. Juli starb.

Kurz vor seinem Suizid hatte Štefan Lux mehrere Briefe geschrieben, darunter eine hellsichtige Mahnung an den britischen Außenminister Sir Anthony Eden sowie wohl eine Kopie davon an den Chefredakteur des Manchester Guardian: „Ihr werdet vor Ruinen stehen!“

Im Krankenhaus soll er noch gesagt haben: „Ich muss sterben, damit mein Opfer Früchte trägt.“ Doch auch diese Hoffnung ist nicht aufgegangen, sondern mit ihm gestorben. In der damaligen deutschen Presse wurde seine Tat als die eines jüdischen Fanatikers und Geisteskranken abgetan.

Andernorts würdigte man den Suizid von Štefan Lux als verzweifeltes Fanal an die Weltöffentlichkeit.  So schrieb der Moment in Warschau dazu am 5. Juli 1936: „Er hat keine Heldentat begangen. Er hat sich an niemandem gerächt, er hat auf niemanden geschossen, er hat keine tödliche Bombe geworfen. Um die öffentliche Meinung aufzurütteln, hat er seinem Leben ein Ende gesetzt“. Und in Prag hieß es in der Selbstwehr: „Der Schuss richtete sich gegen einen der größten Feinde jeder kultivierten universellen Empfindung: gegen die Feigheit.“

(hhb)

 

Quellen:

Štefan Lux: Der vergessene Widerstandskämpfer / Arolsen Archives 14.10.2021

Rüdiger Strempel: Der Mann, der mit seinem Selbstmord Hitler stoppen wollte / SPIEGEL vom 2.7.2016

Fanal gegen den Nationalsozialismus / Deutschlandfunk Kultur am 4.4.2020

Jan Haarneyer: Mit seinem Selbstmord wollte er Hitler stoppen / Hamb. Abendblatt 14.5.2020

Bücher:

Volker Weidermann: Ostende 1936. Sommer der Freundschaft / Taschenbuch btb Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014 - Seite 92

Rüdiger Strempel: Lux. Gegen den Nationalsozialismus und die Lethargie der Welt / Osburg Verlag 2020