Siegfried Maruhn

Der deutsche Journalist und Autor Siegfried Maruhn war nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Wiederaufbau einer freien und demokratischen Presse beteiligt. Als Redakteur arbeitete er zunächst für die Neue Zeitung, dann als Ressortleiter Innenpolitik für die WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung und schließlich von 1970 bis 1988 als Chefredakteur.

Siegfried Maruhn wurde am 13. April 1923 in Tilsit/Ostpreußen geboren. Er besuchte die Liebig-Oberschule in Frankfurt/Main bis zum Abitur. 1941 wurde er eingezogen, erlebte den Krieg in Afrika und geriet in amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1946 zurückkehrte.

Von 1947 bis 1949 arbeitete er in Bad Nauheim als Redakteur bei News of Germany, einer Zeitschrift für die amerikanische Zivilverwaltung in ihrer Besatzungszone. Danach war er bis 1952 Chef vom Dienst bei der Frankfurter Ausgabe der Neuen Zeitung.

1952, im Alter von 29 Jahren, kam Maruhn zur WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung, als Ressortleiter Innenpolitik. Der damalige WAZ-Chefredakteur ► Erich Brost hatte das Talent Maruhns früh erkannt und kündigte ihn damals sogar auf der Titelseite mit diesen Worten an: „Den Namen wird man sich merken müssen.“

Von nun an blieb Maruhn in seinem weiteren Journalistenleben der WAZ treu. 1958 wurde er stellvertretender Chefredakteur und dann von 1970 bis 1988 ihr Chefredakteur. Maruhn war ein schnell schreibender Profi, der die Redaktion der WAZ so führte, wie er es einst von seinen amerikanischen Vorbildern gelernt hatte: strikte Trennung von Nachricht und Meinung – und die Nachrichten klar und verständlich für jedermann. Alles weder im Stil einer BILD-Zeitung und auch nicht einer FAZ. So konnte er mit seinem Blatt auch die Leser kleinerer Zeitungen am Rand des Ruhrgebietes auffangen, wenn die in wirtschaftliche Not gerieten. Entweder sicherte man deren Überleben durch Kooperation oder fusionierte. So machte Maruhn die WAZ zur größten Zeitung des Ruhr-Reviers.

Als Chefredakteur war er so liberal wie tolerant – kein Problem, wenn unterschiedliche Meinungen im Blatt geäußert wurden: „Es stört mich nicht, ja, ich halte es für einen Vorteil, wenn in den Meinungsspalten auch voneinander abweichende Haltungen vertreten werden“, erklärte er 1979 in einem Vortrag. Auf die Digitalisierung der Medienwelt stellte er sich und das von ihm geleitete Blatt frühzeitig ein. Die Journalisten konnten bald auf iPads zurückgreifen, die ihnen eine schnelle Art des Geschichtenerzählens ermöglichten, für die Reporter sogar direkt von vor Ort.

Selbst als leitender Journalist hatte er kein Problem damit, sich im Rheinisch-Westfälischen Journalistenverband zu engagieren: denn „Journalisten benötigen eine schlagkräftige Interessenvertretung, die sich nicht nur um ihre materiellen Ansprüche kümmert, sondern auch ihre Freiheit verteidigen müsse.“ Dort setzte er sich auch für eine gute und effektive Journalistenausbildung ein.

Als Maruhn 1988 mit 65 Jahren offiziell in den Ruhestand ging und die WAZ-Chefredaktion an Ralf Lehmann weitergab, erfüllte er sich dennoch einen Traum und ging als Washington-Korrespondent bis 1992 in die USA, wo er als freier Journalist und Buchautor tätig blieb.

Siegfried Maruhn starb am 14. Januar 2011 im Alter von 87 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in einem Essener Krankenhaus.

Die Geschäftsführung der WAZ Mediengruppe, Bodo Hombach und Christian Nienhaus, würdigten die journalistische Leistung und die menschliche Vorbildfunktion von Maruhn: „Er hat bedingungslos nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit gestrebt, Ausgewogenheit ist für ihn nicht nur Arbeitsmethode, sondern Lebensstil gewesen.“

 

(hhb)

 

Quellen

Ulrich Reitz: Zum Tode von Siegfried Mahruhn / WAZ vom 14.1.2011

Stefan Laurin: Eine Legende ist gestorben / Ruhrbarone vom 15.1.2011

Ehemaliger WAZ-Chefredakteur Siegfried Maruhn gestorben / newsroom.de 17.1.11

Trauer um Siegfried Maruhn / Medienmoral NRW

 

Bücher + Schriften

Siegfried Maruhn: Anfänge des regionalen Zeitungswesens – in: Pioniere der Nachkriegs-Publizistik / Deutscher Ärzte-Verlag Köln, 1986

Siegfried Maruhn: Staatsdiener im Unrechtsstaat / VfSt Verlag für Standesamtswesen, 2002