Günter Matthes wurde am 31. Dezember 1920 in Leipzig geboren und dabei, wie er später ironisch anmerkte, „mit Böllern und Freudenfeuern in der Welt willkommen geheißen.“ Seine Schulzeit auf dem humanistischen „König-Albert-Gymnasium“ schloss er 1939 mit Abitur ab und studierte im Jahr darauf zwei Trimester Jura. Während des Zweiten Weltkriegs war er zunächst Flakhelfer und musste anschließend Wehrdienst leisten. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft wurde er von den Briten 1946 nach Berlin entlassen. Dort musste er im beschädigten „Meereskunde-Museum“ am Bahnhof Friedrichstraße zunächst einen studentischen Arbeitseinsatz leisten und erhalten gebliebene Exponate sortieren. Als er sich weigerte, in die „richtige“ Partei einzutreten, wurde er vom Studium ausgeschlossen.
In Westberlin arbeitete er ab 1948 als Journalist für den Berliner Kurier. 1952 wurde er Lokalchef beim Tagesspiegel. Zwei Jahre später, ab 1954 schrieb er unter seinem Markenzeichen „-thes“ die tägliche Kolumne „Am Rande bemerkt“ für das Blatt. Die wurde bald darauf zum Muss-Lesestoff in Westberlin. Haug von Kuenheim, der bei Günter Matthes ab 1962 als Volontär das journalistische Handwerk lernte, beschreibt ihn als unaufgeregten, ja scheuen Kollegen, der lieber seine eigenen Wege suchte und VIP-Empfänge, Vernissagen, Premieren und auch Pressekonferenzen mied. Bloß keine zu große Nähe zu den Mächtigen zulassen. „Die Nähe“, schrieb der Berliner Journalist Jürgen Engert über Günter Matthes, „verzerrt die Proportionen, die Ferne läßt sie deutlich hervortreten. Die Mächtigen interessieren ihn nicht. Ihnen auf die Finger zu sehen, das ist allein wichtig.“ Auch ihm angetragene Ehrenämter lehnte er konsequent ab.
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Aber immer wusste er, wie seine Stadt, wie Berlin tickte. Der gebürtige Sachse fühlte sich in dieser Stadt, in seinem Berlin zuhause. Er wurde zum allseits anerkannten Vorbild auch für andere Chefs in Lokalredaktionen. In seiner Kolumne „Am Rande bemerkt“ beschrieb er liebevoll das Besondere, das Lokalkolorit seiner Stadt – wie hier zum Beispiel eine „Berliner Kurpromenade“: „Der Wind kommt von Nordwest und bläst genau in den Großen Wannsee. Die Wellen klatschen an die Uferpromenade, von der aus die Sonntagsspaziergänger das farbenfrohe, bewegte Bild der zahllosen eleganten Segler, der respektheischend stampfenden Motorschiffe und der winzigen Paddelboote mit der Selbstverständlichkeit des Einheimischen betrachten. Man sollte aber auch einmal in Gedanken den Ortsfremden spielen, sich auf eine der hübsch placierten Bänke setzen und so tun, als sähe man das zum erstenmal. (...) Wenn das die einzige schöne Ecke Berlins wäre, aber davon gibt es Hunderte. Machen wir uns eigentlich die Mühe, sie alle zu entdecken? An der Riviera waren Sie natürlich schon. Über die Wannseebrücke sind Sie schon häufig gesaust. Die Frau hat vielleicht gesagt: ‚Sieh mal, wie hübsch, die vielen Segelboote!‘ Aber haben Sie wirklich schon einmal wenigstens eine Stunde Kuraufenthalt an der Uferpromenade genossen? Sie sparen dabei sogar das Ansichtskarten-Schreiben.“
Nach der Wiedervereinigung zog er sich 1990 im Alter von 70 Jahren aus der täglichen Redaktionsarbeit zurück, trat aber unmissverständlich dafür ein, dass Berlin wieder deutsche Hauptstadt werde: „Die Idee, Berlin könne irgendwann eine Großstadt im Bundesland Brandenburg mit der Hauptstadt Potsdam sein, ist geschichtswidrig.“ Und auch im Unruhestand schrieb er an jedem Sonntag seine Kolumne, nun als seine Betrachtungen „Von Tag zu Tag“.
1966 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 1979 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1991 die Ernst-Reuter-Plakette, die höchste Auszeichnung Berlins.
Am 21. November 1995 starb Günter Matthes, plötzlich und unerwartet. Der damalige regierende Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen schrieb in einem Nachruf: „Sein kritisches Wort war meinungsbildend in der Stadt. Leicht gemacht hat er es niemandem, sich selbst am allerwenigsten. Günter Matthes war einer, der immer wieder Maßstäbe setzte, der den Dingen wahrhaft auf den Grund zu gehen vermochte.“
(hhb)
Erinnerungen an den großen -thes; Tagesspiegel online am 21.11.2005
Haug von Kuenheim: Günter Matthes – der Lokalchef des Berliner „Tagesspiegel“ wird siebzig; ZEITonline am 28.12.1990
Bücher:
Günter Matthes: Am Rande bemerkt … nicht nur für Berliner; Verlag Der Tagesspiegel Berlin, 1960
Günter Matthes: Berliner Spitzen; Verlag Der Tagesspiegel Berlin, 1976
Günter Matthes: Menschen, Macht und Meinung. Betrachtungen eines Journalisten aus vier Jahrzehnten; Argon Verlag Berlin, 1990