Wolfgang Menge

Der Journalist, Drehbuchautor und Talkshow-Moderator Wolfgang Menge holte als Pionier des Reality-TV die Wirklichkeit ins Fernsehen. Auch seine unterhaltsamen Fernsehserien, wie „Ein Herz und eine Seele“ mit dem Ekel Alfred Tetzlaff, waren amüsante Familien-Satiren über die Gemütslage im kleinbürgerlichen Spießertum der 70er Jahre, mit all den dort herrschenden Vorurteilen und Nachwehen aus der Vergangenheit.

Wolfgang Menge wurde am 10. April 1924 als Sohn eines Kaufmanns und dessen jüdischer Frau in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er in Hamburg-Blankenese. Er machte dort sein Abitur, begann eine kaufmännische Lehre und wurde als 17-jähriger „Mischling ersten Grades“ zur Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt. Von dort kämpfte er sich mit gefälschten Entlassungspapieren nach Hamburg zurück und bekam nach Kriegsende kurzen Ärger wegen einiger Schwarzmarktgeschäfte.

Als Folge des unter den Nazis erlebten Rassenwahns verließ er Deutschland und ging nach London. Dort lernte er bei einem Exil-Journalisten das in Großbritannien übliche Handwerk eines parteilosen und unabhängigen Journalismus. Beide arbeiteten für den German News Service, einem Vorgänger der Deutschen Presse-Agentur dpa

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1949 wurde Menge für kurze Zeit Reporter beim Hamburger Abendblatt; kündigte aber bereits im Oktober 1950, aus Protest gegen einen tiefbraunen Gastautor des Blattes, aus dessen Feder der Propagandaroman „Hitlerjunge Quex“ stammte. Darum wechselte er zur BZ nach Berlin, bis er ab 1954 für DIE WELT als Auslandskorrespondent aus Ostasien berichtete – mit Sitz in Tokio und Hongkong.

Mitte der 50er Jahre kehrte er in die Bundesrepublik zurück und begann für den NDR zu arbeiten. Zunächst schuf er die wöchentlichen Satiresendungen „Adrian und Alexander“ , später im Fernsehen als „Hallo Nachbarn“ fortgeführt, sowie erste Krimi-Spielszenen für den NDR-Hörfunk. Daraus entstand dann ab 1958 die TV-Serie „Stahlnetz“: 22 Sendungen bis 1968, von Jürgen Roland zumeist mit Menges Drehbüchern inszeniert, immer auf der Basis realer Begebenheiten. Die Stahlnetz-Folgen wurden damals zu echten Straßenfegern. Und für die späteren „Tatort-Krimis“ erfand er die Figur des smarten Zollfahnders Kressin.

1969 nahm Menge mit seinem Drehbuch für „Die Dubrow Krise“ vorweg, was 20 Jahre später Wirklichkeit wurde – die deutsche Wiedervereinigung – und wurde damit im wahrsten Sinne des Wortes zu einem „Televisionär“. Denn auch die quotenbesessene Zukunft der TV-Sender hatte er schon 1970 kommen sehen und in „Das Millionenspiel“ als Real-Satire dramatisiert. Oder sein damals noch fiktiver Doku-Thriller „Smog“, in dem er die Folgen einer Umweltkrise im Ruhrpott realistisch beschreibt. Was ihm auch Zugang zum Kinofilm eröffnete: So lieferte er die Drehbücher für die Konsalik-Adaption „Strafbataillon 999“ sowie für mehrere Edgar-Wallace-Krimis.

Zwischen 1973 und 1976 entstanden die 25 Folgen seines größten TV-Erfolgs, der Serie „Ein Herz und eine Seele“. Mit Heinz Schubert als Sozi-Hasser und Dauer-Nörgler Alfred Tetzlaff, einem so chauvinistischen wie reaktionären Spießbürger, der in gewohnter Stammtischmanier abfällig über die SPD und ihren Kanzler Willy Brandt, über Ausländer und Juden herzog und sich dabei mit Frau, Tochter und Schwiegersohn andauernd anlegte. Aus Aktualitätsgründen wurden die einzelnen Folgen immer erst kurz vor ihrem Ausstrahlungstermin aufgenommen, um so die jeweils vorherrschende kleinbürgerliche Gemütslage in der allgemeinen Bevölkerung ironisch widerspiegeln zu können. Auch das wurde ein Straßenfeger.

Zurück zum Fernsehen, wo er als Moderator in „3 nach 9“ – Mutter aller Talkshows – ab 1974 bis 1982 zusammen mit Marianne Koch und anfangs auch mit Gert von Paczensky die Gäste empfing und befragte. Menge mit Pfeife im Mund, damals sein Markenzeichen. Auch für den SFB moderierte er dann ab 1983 erfolgreich mehrere Talk-Formate, darunter „Leute“ aus dem Café Kranzler mit Gästen wie Wolfgang Neuss oder Nina Hagen.

Menge war mit der ZEIT-Journalistin Marlies Menge verheiratet; das Ehepaar hatte drei Söhne und lebte in Berlin-Zehlendorf und in Braderup auf Sylt.

Wolfgang Menge wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Adolf-Grimme-Preis, mit einem Bambi und mit dem Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk. Und 2010 wurde er mit einem Stern auf dem „Boulevard der Stars“ in Berlin geehrt.

Am 17. Oktober 2012 starb Wolfgang Menge im Alter von 88 Jahren in Berlin und wurde dort auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf beigesetzt.

Der frühere Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Klaus von Dohnanyi beschreibt seinen Freund so: „Wolfgang Menge war der humanste Zyniker, der mir in meinem langen Leben begegnet ist: Er hatte die Welt gesehen, wie sie eben ist, illusionslos wärmte er dennoch immer einen Funken Hoffnung.“ Und die damalige ARD-Vorsitzende Monika Piel würdigte Wolfgang Menge „als einen der ganz Großen der deutschen Fernsehunterhaltung mit einem Lebenswerk, das im deutschen Fernsehen seinesgleichen sucht.“

(hhb)

 

Quellen:

Gundolf S. Freyermuth: Kinojahre eines Televisionärs / Film Dienst 2009

Der Mann, der die Wirklichkeit ins Fernsehen holte / SPIEGEL Kultur 18.10.2012

Wolfgang Menge – Regisseur, Drehbuchautor / Deutsches Filmhaus

Wolfgang Menge: Visionär der deutschen Fernseh-Unterhaltung / NDR 17.10.2022

Matthias Iken: Der Erfinder des Straßenfegers / Hamburger Abendblatt 6.4.2024

 

Bücher:

Gundolf S. Freyermuth: Wer war WM? Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk / Kadmos Verlag, Berlin 2024