Peter Merseburger

Peter Merseburger war nicht nur in den Augen seiner Kollegen ein kritischer wie streitbarer Aufklärer. Als Chefredakteur und Leiter der Sendung „Panorama“ sowie der Hauptabteilung Zeitgeschehen im NDR vertrat er einen investigativen Journalismus und löste damit gelegentlich heftige Kontroversen aus. Damit wurde er aber auch zum Vorbild einer ganzen Nachkriegsgeneration von nun wieder selbstbewussten Journalisten. Auch seine Berichterstattung später als Fernseh-Korrespondent aus Ostberlin vermittelte der bundesdeutschen Öffentlichkeit in den Jahren vor der Wende gut recherchierte Einblicke in den Alltag der DDR. Und wurde sogar jenseits der Mauer von vielen interessiert wahrgenommen.

Peter Merseburger wurde am 9. Mai 1928 als Sohn einer Beamtenfamilie im thüringischen Zeitz geboren. Den Krieg erlebte er zuletzt auch noch als Flak-Helfer. Nach seinem Abitur in Leipzig studierte er Germanistik, Neuere Geschichte und Soziologie zunächst an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, wechselte aber bald an die Philipps-Universität in Marburg.

Nach Abschluss seines Studiums absolvierte er ein Volontariat bei der Hannoverschen Presse und ging anschließend zum NDR. 1956 wurde er Redaktionsmitglied der Neue Ruhr-Zeitung und arbeitete von 1960 bis 1965 für den SPIEGEL in Hamburg.

 

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Copyright: ullstein bild - Brigitte Friedrich

Danach kehrte er zum NDR zurück, wo er von 1967 bis 1975 das Polit-Magazin „Panorama“ moderierte und leitete. Für „Panorama“ wehrte er sich immer wieder gegen versuchte Zensur-Interventionen aus der Politik, der Wirtschaft oder von den Gewerkschaften. Denn bei „Panorama“ zeigte man in diesen Jahren Sympathien für die Studentenbewegung, für die gesellschaftliche Liberalisierung der sozial-liberalen Koalition oder Willy Brandts Ostpolitik. Was „Panorama“ zwar einerseits hohe Einschaltquoten brachte, aber auch Abneigung und Widerspruch aus konservativeren Gruppen. Die CDU forderte für Merseburger darum sogar ein Bildschirmverbot.

Kurze Rückblende: Zu Beginn der 70er Jahre eskalierte der Streit um die Frage einer Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Erinnern wir uns: Im Juni 1971 bekannten 374 Frauen im Stern, dass sie abgetrieben hätten. Initialzündung für eine Diskussion, die natürlich auch in „Panorama“ fortgesetzt wurde. 1974 protestierte die gesamte „Panorama“-Redaktion durch Streik gegen einen Intendanten-Beschluss, durch den ein Beitrag von Alice Schwarzer aus dem Programm genommen werden musste. Darin wurde eine medizinische Abtreibung gezeigt. Die Frauenbewegung, die von Alice Schwarzer unterstützt wurde, forderte damals die komplette Abschaffung des Abtreibungs-Paragrafen 218. Die katholische Kirche machte massiv Stimmung dagegen und trat für einen generellen Schutz des Fötus ein. CDU/CSU befürwortete eine „Indikationsregel“, die Schwangerschaftsabbrüche nur aus medizinischen bzw. ethischen Gründen zulassen sollte, etwa nach Vergewaltigungen. Letztlich setzte sich die von SPD und FDP vorgeschlagene „Fristenlösung“ durch, die Abbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche ohne Strafandrohung zuließ.

1977 ging Merseburger als ARD-Korrespondent und Studio-Leiter nach Washington D.C. 1982 wechselte er nach Ostberlin und startete von dort die Sendereihe „Deutsches aus der anderen Republik“. Darin vermittelte er den Westdeutschen ihnen bisher kaum bekannte Einblicke in den anderen Staat. Aber auch die Ostdeutschen erfuhren aus Merseburgers Reportagen ihnen bisher oft unbekannte Tatsachen aus ihrer Republik.

1987 wurde er ARD-Korrespondent in London, bis er dann 1991 im Alter von 63 Jahren in einen vorgezogenen Ruhestand ging, um sich von nun an als freier Publizist gelegentlich wieder zu Wort zu melden.

Vor allem aber schrieb er in den folgenden 30 Jahren zahlreiche viel beachtete Biografien, über Kurt Schumacher, Willy Brandt, Rudolf Augstein oder Theodor Heuss. Und geschichtsbewusste Bücher über die USA, den Mythos Weimar, über die DDR und die Bonner Republik. Dafür erhielt er mehrere Bücher- und Literaturpreise.

Peter Merseburger, der zuletzt abwechselnd in Berlin und Südfrankreich lebte und als Schriftsteller arbeitete, starb am 15. Februar 2022 im Alter von 93 Jahren in Berlin.

In einem Nachruf vieler seiner Berufskollegen heißt es: Peter Merseburger verstand sich als kritischer Aufklärer, der die Vernunft als Maßstab für seine Arbeit als Journalist und Autor ansah. In seiner Zeit als Chefredakteur und Leiter der Sendung Panorama hat er eine nachfolgende Generation von Journalistinnen und Journalisten geprägt. Auf Eingriffe ins Programm wusste er klug und wirksam zu reagieren und schaffte damit seinem Team einen großen Freiraum für die journalistische Arbeit. Er war ein unabhängiger Kopf und ließ sich von keiner Seite instrumentalisieren. Auch in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Washington und London und als Korrespondent in Ostberlin hat er Maßstäbe gesetzt. Seine Bücher zeigen einen Publizisten, der mit Intellekt, historischer Gründlichkeit und präzisem Stil schrieb.“

(hhb)