Der österreichische Journalist, Publizist, TV-Moderator, Buchautor und politischer Aktivist Günther Nenning war ein unkonventioneller Querdenker, der aber immer Brücken zwischen Marxismus und Christentum bauen wollte und sich dabei selbstironisch als „Rot-Grün-Halbschwarzer“ bezeichnete. Jahrzehntelang war er unbequemer Beobachter des öffentlichen Lebens in Österreich.
Günther Nenning wurde am 23. Dezember 1921 in Wien geboren. Seine Eltern waren Sozialdemokraten, der Vater ein Gemeindebeamter. Nach seiner Matura am Realgymnasium Stubenbastei im Jahr 1940 musste er noch fünf Jahre Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht leisten und kam anschließend in amerikanische Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung begann er in Graz Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften zu studieren und erwarb zwei Doktortitel: 1949 den Dr. phil. und 1959 den Dr. rer. pol.
Bereits während seines Studiums hatte er begonnen, journalistisch zu arbeiten, zunächst als Redakteur für die Neue Zeit, einer sozialistischen Tageszeitung in Graz. Ab 1958 wurde er ihr stellvertretender Chefredakteur.
1959 wechselte er zur von Friedrich Torberg herausgegebenen Kulturzeitschrift FORVM nach Wien und wurde im Jahr darauf ihr Mitherausgeber. Was er süffisant so kommentierte: „Der konservative Torberg hat sich gesagt, eine österreichische Zeitschrift braucht an Roten; und des war i.“
1965 löste er Torberg als Eigentümer und Chefredakteur ab und änderte den Titel in NEUES FORVM. Nenning öffnete das Blatt auch nach links und beendete Torbergs rabiaten Antikommunismus. So konnte er die Auflage von zuvor knapp 3.000 auf nun 30.000 Exemplare verzehnfachen. Von da an wurde im Blatt mehr über aktuelle Tagesthemen berichtet – man diskutierte über die österreichische Verfassung und Neutralität, über Fragen zur Vergangenheitsbewältigung und über unterschiedliche Meinungen zur sexuellen Revolution, über den Aktionismus in der jungen Generation, aber auch über den im Land zunehmenden Terrorismus.
Als 1970 die „Philosophie im Boudoir“ des Marquis de Sade mit Kommentar abgedruckt wurde, kam es im noch stockkonservativen Österreich zur Beschlagnahme dieser Ausgabe durch das Innenministerium und zum Aushangverbot für mehrere Folgenummern. Dagegen setzte sich Nenning juristisch zur Wehr. Zumindest das Aushangverbot wurde als verfassungswidrige Vorzensur aufgehoben und in Folge überhaupt jegliche Medienzensur.
1973 wurde das Eigentümerverhältnis des NEUEN FORVM geändert – die Kulturzeitschrift kam auch in den Besitz eines Vereins der Redakteure und Verlagsangestellten und erhielt einen Redaktionsbeirat. Nenning aber blieb Geschäftsführer des Verlages und geschäftsführender Chefredakteur. Auf ähnliche Weise entstand in jenen Jahren auch die SPIEGEL-Mitarbeiter KG in Hamburg.
1973 gründete Nenning noch die Jugendzeitschrift Neue Freie Presse – Unabhängige Zeitschrift für Abhängige, die allerdings schon zwei Jahre später wegen rechtlicher und finanzieller Probleme eingestellt werden musste. Seit Beginn der 70er Jahre arbeitete Nenning auch als Kolumnist für das gerade gestartete Nachrichtenmagazin profil und für die auflagenstärkste österreichische Tageszeitung, die Kronen Zeitung.
Damals begann Nennings publizistische Kooperation mit der Verlagsgruppe Dichand und mit deren Kronen Zeitung, in der Zeit einer erfolgreichen Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf. Oder ab 1984, als er das sog. „Konrad-Lorenz-Volksbegehren“ gegen den Bau eines Wasserkraftwerks im Landschaftsschutzgebiet Hainburger Auen publizistisch unterstützte. In diesen Jahren hatte Nenning begonnen, das NEUE FORVM auf eine fundamentalistische grüne Linie zu trimmen, was fast zum Konkurs geführt hätte. Damals verließ er das FORVM und verkaufte seine Verlags-Anteile.
1985 wurde Nenning aus dem Österreichischen Gewerkschaftsbund ÖGB ausgeschlossen, wo er seit 1950 Vorsitzender der Sektion Journalisten gewesen war und Vizepräsident der Gewerkschaft Kunst, Medien und Freie Berufe KMFB. Angeblich, weil er eine eigene Mediengewerkschaft habe gründen wollen. Höchstwahrscheinlich lag der Grund jedoch in seinem Engagement gegen den Bau des Donaukraftwerks Hainau. 1990 wurde er vom ÖGB rehabilitiert und für seine 40jährige Mitgliedschaft geehrt.
Proteste gegen Ungereimtheiten gehörten zum Leben von Günther Nenning und damit auch zu seinem publizistischen Selbstverständnis. 1964 hatte er das Rundfunkvolksbegehren zur Reform des Rundfunks unterstützt, der bis dato als reines Sprachrohr für die regierenden Politiker angesehen wurde. Was 1967 dann zu einem neuen Rundfunkgesetz führte. In den 60/70er Jahren beteiligte er sich an den Protesten gegen den Vietnam-Krieg. Für die 1968er-Bewegung unterstützte er deren emanzipatorische Bestrebungen. Auch das Thema Europa stand für ihn als Mitherausgeber der Zeitschrift Europäische Perspektiven früh im Blickpunkt. 1978 wandte er sich als Mentor der Grünen mit ihnen gegen das geplante Kernkraftwerk und ab 1984 hatte er eine führende Rolle bei den Protesten gegen das Wasserkraftwerk. Er jedenfalls nahm solche Fragen und Anliegen der Bevölkerung ernst, gerade wenn sie von den etablierten Parteien und Institutionen einfach abgetan wurden – und verhalf ihnen zu einer angemessenen Öffentlichkeit. So konnte er Menschen zu gemeinsamen Zielen einen, nicht unbedingt zur Freude der etablierten Parteien. Doch seine klare Einstellung dazu lautete:
„Dass ich’s nur gestehe: Ich bin für Volksabstimmungen jeglicher Art, fast ohne Ausnahme. Daher bin ich den Demokraten ziemlich verdächtig – bei Demokraten nämlich, die da sagen: ‚Man kann doch die Leut nicht einfach abstimmen lassen, das ist verantwortungslos‘.“
Ab Mitte der 70er Jahre arbeitete Nenning weitgehend als freier Journalist für weltanschaulich recht unterschiedliche Blätter wie die Neue Kronen Zeitung, Die Presse, profil, SPIEGEL und DIE ZEIT in Hamburg oder die Weltwoche in Zürich.
Außerdem war er von 1976 bis 1985 Gastgeber und Moderator der Diskussionssendung „Club 2“ des ORF, die wegen ihrer Aktualität und Themenbrisanz sehr populär war. In den folgenden Jahren wurde er auch gern in ARD Talkshows eingeladen, die er dann mit Zitaten von Marx oder Marcuse spickte, aber auch mit Bibelzitaten.
Nie hatte Nenning sich gescheut, ihm wichtig erscheinende Themen provokativ aufzugreifen und auch Kritik in den eigenen Reihen zu üben. Weshalb er wahrscheinlich 1985 als damals störender Umweltaktivist aus der SPÖ ausgeschlossen und von ihrem zuvor abgewählten Kanzler Bruno Kreisky als „Wurstel“ bezeichnet wurde. Später machte die SPÖ Nennings Rauswurf wieder rückgängig.
Nenning führte Regie bei mehreren Fernsehfilmen und TV-Dokumentationen. Sein mit Wolfgang Lesowsky verfasstes Theaterstück „Elefantenhochzeit“ zum Thema Pressefreiheit wurde erstmals 1981 im Schauspielhaus Graz aufgeführt, mit einer Bühnenmusik von Georg Kreisler.
Günther Nenning, der lebenslang umstrittene Publizist, starb am 14. Mai 2006 im Alter von 84 Jahren in Waidring/Tirol.
(hhb)
Quellen
Günther Nenning / Wien Geschichte Wiki
Schinnerl: Nenning, Günther / Austria-Forum
Das schrieb Günther Nenning für DIE ZEIT
Irene Suchy: 100 Jahre Günther Nenning / ORF
Erhard Stackl: Günther Nenning an den Folgen eines Sturzes gestorben – Ein Nachruf / Der Standard vom 4.7.2006
Thomas Steinmaurer: Österreichs Mediensystem – Ein Überblick / Demokratiezentrum Wien
Bücher
Günther Nenning: Anschluß an die Zukunft. Österreichs unbewältigte Gegenwart und Vergangenheit / 1963
Günther Nenning: Richter und Journalisten / 1965
Günther Nenning: Öffnung und Untergang: Thesen über den Weg zum Sozialismus / Europa-Verlag 1966
Günther Nenning: Grün-Kraft / Orac 1985
Günther Nenning: Grenzenlos deutsch. Österreichs Heimkehr ins falsche Reich / Knesebeck & Schuler 1988