Jan Neruda

Jan Neruda war ein böhmischer Journalist und Schriftsteller. Im Verlauf seines Lebens schrieb er mehr als 2.000 Feuilletons, vor allem Genreskizzen, Reisebeschreibungen und Kunstkritiken. In seinen Milieubeschreibungen und Reiseberichten schilderte er anschaulich das zeitgenössische Leben in jenen Tagen. Er gilt als Begründer des tschechischen Feuilletons.

Jan Nepomuk Neruda wurde am 9. Juli 1834 in Prag als Sohn einer Kleinhändlerfamilie geboren. Sie betrieb in Prag einen sogenannten Greißlerladen, eine Art Kiosk zum Verkauf von Lebensmitteln. Trotz der ärmlichen Familienverhältnisse durfte er das Prager Akademische Gymnasium besuchen und danach einige Semester Philologie und Jura an der Karls-Universität studieren. Danach arbeitete er kurze Zeit als beamteter Militärbuchhalter, dann als Lehrer und freier Mitarbeiter einiger Tageszeitungen.

1856 wurde er Lokalredakteur beim deutschsprachigen Tagesboten aus Böhmen. 1859/60 war er Redakteur der Zeitung Obrazy zivota (Lebensbilder) und ab dem Jahr darauf arbeitete er als Feuilleton-Redakteur der Zeitung Cas (Die Zeit). 1862 wurde Neruda Feuilletonist und Kritiker für die Zeitung Hlas (Die Stimme) und von 1865 bis 1891 dann Redakteur bei der liberal-demokratischen tschechischen Zeitung Národni Listy.

 

article picture

Copyright: Jan Vilímek (1860–1938) – Národní knihovna České republiky, Volné dílo, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149008240

Zwischen 1867 und 1877 veröffentlichte er in verschiedenen Prager Zeitschriften seine psychologisch-realistischen Milieuskizzen über jene Kleinbürger, die im Prager Stadtteil Kleinseite lebten, links der Moldau und unterhalb der Prager Burg. Diese Erzählungen wurden 1878 in dem Büchlein „Kleinseitner Geschichten“ gesammelt und veröffentlicht.

Als Journalist fühlte er sich einer tschechischen nationalen Wiedergeburt verpflichtet und hatte darum immer wieder mit der rigiden Pressezensur im österreichischen Kaiserreich gegen diese Nationalbewegung zu tun. Als er 1871 von wem auch immer als Verräter der Nation denunziert wurde, verließ er Prag vorübergehend und bereiste mehrere europäische Länder, über die er seine berühmt gewordenen Reiseberichte verfasste.

Neruda befasste sich in seinen Feuilletons mit fast allen Themen – mit der Politik und dem Alltagsleben, mit kulturellen Ereignissen und seinen Reiseerlebnissen. „Hundert Gesichter braucht ein Feuilletonist,“ schrieb Neruda, „er muss Dichter, Philosoph, Gelehrter, Humorist, Kritiker, ein Mann voller Gefühl, dann wieder ein Mann mit steinernem Herzen sein, aber um nicht zu langweilen, nicht eintönig zu sein, oder was man ihm sonst noch oft vorwirft, darf er von allem wiederum nur eine Prise besitzen. Der Feuilletonist muss selbst ein Mosaik wie sein Feuilleton sein.“

Zeitlebens litt Neruda unter Finanznöten, für die er auch die Prager Juden mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten verantwortlich machte. Er prangerte sie in seinen Texten ebenfalls als Gegner der tschechischen Nationalbewegung an.

Von chronischen Krankheiten ausgezehrt und zuletzt bitterarm starb Jan Neruda am 22. August 1891 im Alter von nur 57 Jahren. In Prag ist nach ihm eine Straße benannt, die hinauf zum Hradschin führt.

Der chilenische Nobelpreisträger für Literatur (1971) Neftali Ricardo Reyes Basoalto wählte den Nachnamen seines Pseudonyms Pablo Neruda in Erinnerung an Jan Neruda.

(hhb/ms)

 

Quellen:

Neruda, Jan: Österreichisches Biographisches Lexikon

Annette Kraus: Jan Neruda – Begründer des tschechischen Zeitungsfeuilletons / Deutschlandfunk am 22.8.2016

 

Bücher:

Jan Neruda: Kleinseitner Geschichten / Vitalis 2005

Jan Neruda: Geschichten aus dem alten Prag / Reclam 2013