Die Psychologin Ilse Obrig arbeitete schon während ihres Studiums als Rundfunkredakteurin, blieb anschließend dabei und schuf mehrere populär gewordene Hörfunkserien für Kinder. Später entwickelte sie die „Kinderstunde“ für das ARD-Fernsehen. Außerdem schrieb sie zahlreiche Sach- und Kinderbücher.
Ilse Obrig wurde am 21. Februar 1908 in Elberfeld geboren. Schon während ihres Psychologie-Studiums begann sie 1928 für den Kinderfunk im Mitteldeutschen Rundfunk MIRAG in Leipzig zu arbeiten. 1932 wurde sie mit ihrer Dissertation über „Kinder erzählen angefangene Geschichten weiter“ von der Universität Leipzig zum Dr. phil. promoviert und setzte ihre Arbeit bei der MIRAG fort.
Ab 1936 arbeitete sie als Autorin und Sprecherin für die populäre Kindersendung „Familie Fröhlich“ beim Reichssender Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie von 1945 bis 1949 am Aufbau des Kinderfunks beim Berliner Rundfunk in Ost-Berlin beteiligt. Dort startete sie Sendung „Sonntagskinder“ und gründete zusammen mit Max Specht verschiedene Kinder-Singgruppen mit funkaffinen Namen wie „Funkspatzen“, „Zwitscherlinge“ oder „Piepmätze“.
Als der Berliner Rundfunk zunehmend ideologisiert und politisch zensiert wurde, ging sie 1950 in den Westteil der Stadt zum RIAS und setzte dort die Sendung „Sonntagskinder“ ohne politische Eingriffe fort. Die genauen Gründe dafür schilderte sie in einem Interview, das im DRA Deutsches Rundfunkarchiv (siehe unten als Quelle) zu hören ist.
Ilse Obrig mit ihren Leipziger Rundfunkkindern
Copyright: Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv / Karl Matthes
Im November 1952 etablierten Obrig und Specht am Berliner Wannsee das „Klingende Haus“ – ein kulturelles Zuhause für etwa 250 Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren aus Ost und West. Ein neuartiges Institut für musische Erziehung, das auch ausländische Gäste wie Astrid Lindgren als Gast besuchte.
1951 entwickelte Ilse Obrig während der Testphase des deutschen Fernsehens beim NWDR in Hamburg die erste deutsche Fernsehsendereihe für Kinder: die „Kinderstunde“. Als im Jahr darauf am 25. Dezember der reguläre Fernsehbetrieb begann, wurde diese Sendung nun wöchentlich an jedem Mittwoch zwischen 16 und 17 Uhr ausgestrahlt. Nachdem bald auch noch der Dienstag und Donnerstag dazu kamen, gestaltete sie die nun zusammen mit weiteren Moderatoren. Sie befand sich bei ihren Beiträgen immer im Kreis von Kindern – man unterhielt sich, sang und spielte miteinander oder bastelte.
Ab 1954 nach der Gründung des SFB Sender Freies Berlin wurde Dr. Ilse Obrig dort die leitende Redakteurin des Kinderfunks und Kinderfernsehens. Ihr Ziel war es, immer als Beispiel zu wirken – wie ihre Spielstunden im Fernsehen, die zum Mitmachen oder zu ähnlicher Beschäftigung aus eigenem Antrieb anregen sollten. Dadurch wurden ihre „Kinderstunden“ lange Zeit zum Maßstab für andere.
1959 hatte sie den Anstoß für eine Abendsendung mit Gutenachtgeschichten und einer Sandmännchen-Figur gegeben – „Sandmännchens Gruß“. Davon hatte man in der DDR offenbar Wind bekommen und schuf dort parallel eine eigene Sandmännchen-Sendung, die neun Tage vor dem westdeutschen Sandmann auf Sendung ging und mit ihrem Puppenspiel zu der dann berühmter gewordenen Sendung „Unser Sandmännchen“ wurde.
Ilse Olbrig, selbst kinderlos, wurde zur „Mutter des deutschen Kinderfernsehens“ und blieb bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1973 auf Sendung.
1973 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuzes am Bande ausgezeichnet und erhielt zudem die Hans-Bredow-Medaille.
Ilse Obrig starb am 3. Oktober 1978 in West-Berlin an den Folgen eines Unfalles.
(hhb)
Quellen
Anfänge des Kinderfernsehens – Die Kinderstunde mit Dr. Ilse Obrig
Ilse Obrig - Fünf Jahrzehnte für den Kinderfunk / DRA Deutsches Rundfunkarchiv
Kinderstunde mit Ilse Obrig / Fernsehmuseum Hamburg
Ilse Obrig gestorben / MDR am 3.101978
Volker Petzold: Ilse Obrig zum 100. Geburtstag
Schmidbauer, Michael 1987: Die Geschichte des Kinderfernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation. Schriftenreihe Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, Bd. 21, München: De Gruyter Saur.
Bücher + Schriften
Ilse Obrig: Kinder, wir basteln / Franckh’sche Verlagsbuchhandlung 1935+1969
Ilse Olbrig: Familie Fröhlichs Wunderbuch – Reime, Spiele, Rätsel und Lieder für Mutter und Kind / Verlag Abel & Müller, Leipzig 1940
Ilse Olbrig: Kinder, wir wollen Theater spielen / Franckh’sche 1941
Ilse Obrig: Dackel Lüttje und das Katzenkind / 1950
Ulse Obrig: Sepp und Sabine auf der Gemsealm / Deutsche Verlagsges. 1952
Ilse Obrig: Kinder, wir spielen / Franckh’sche 1954
Ilse Obrig: Bunt und froh ist unsere Welt – Kinderspiele aus ganz Europa / Franckh‘sche 1960
Ilse Obrig: Überall ist Kinderland - Kinderspiele aus aller Welt / Franckh’sche 1961
Ilse Obrig: Theater spielen macht Spaß! Kemper Verlag 1962
Ilse Obrig: Freude mit Kindern – Spiele, Lieder, Bastelarbeiten
Ilse Obrig: Wir feiern Kindergeburtstag / Falken-Verlag 1972+1998
Ilse Obrig: Wir freuen uns auf Weihnachten / Goldmann