Der britische Schriftsteller, Essayist und Journalist George Orwell reiste im Februar 1945 als Reporter nach Paris und danach ins befreite Köln. In den folgenden Monaten schrieb er seine berühmt gewordenen und vor Ort recherchierten Berichte über die Nachkriegslage in Deutschland und Österreich. Als Schriftsteller hatte er bis dato vor allem literarische Reportage-Romane und Essays verfasst. Seinen Roman „Farm der Tiere“ schloss er mit einem Nachwort zur Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit, wie er sie forderte: „Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
George Orwell wurde unter seinem bürgerlichen Namen Eric Arthur Blair am 25. Juni 1903 in Motihari geboren, in der indischen Provinz Bengalen, wo sein Vater im Kolonialdienst tätig war. Das Pseudonym George Orwell nahm er erst später als Autor an. Er wuchs bei seiner Mutter in England auf und besuchte dort eine Privatschule. Schon 1914 veröffentlichte die Lokalzeitung in Oxfordshire ein Gedicht des Elfjährigen zum Ersten Weltkrieg: „Awake! Young Men of England“. Ab Mai 1917 war er King‘s Scholar am Eton College, wo Aldous Huxley zu seinen Lehrern gehörte.
1922 trat er in den kolonialen Polizeidienst von Burma ein, verließ diesen aber 1927, aus Ekel über das dortige Herrschaftsgebaren der Briten. Zunächst arbeitete er als freiberuflicher Journalist in London und schrieb Artikel über seine Erlebnisse in der kolonialen Polizei sowie seinen ersten Roman über diese Zeit (Burmese Days).
Picture of George Orwell which appears in an old accreditation for the Branch of the National Union of Journalists (BNUJ) (1943)
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1928 ging er nach Paris und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1929 erkrankte er dort an einer schweren Lungenentzündung, die er in einem Armenspital auskurieren musste und kehrte anschließend nach England zurück. Hier lebte er wieder zeitweise bei seinen Eltern in Suffolk, arbeitete als Lehrer und begann erneut Essays zu verfassen. Diese veröffentlichte er in The Adelphi, einem Literatur-Magazin seines Freundes Richard Rees. Und schrieb unter dem Pseudonym George Orwell weiterhin Bücher wie „Down and out in Paris and London“ (Erledigt in Paris und London) – Bücher, die damals allerdings nicht sonderlich erfolgreich waren.
In diesen Jahren litt er immer wieder unter Lungenentzündungen, beendete darum seine Lehrtätigkeit und widmete sich verstärkt seiner Schriftstellerei. Gerade weil er selbst in großer Armut lebte, recherchierte er die Lage von Menschen in den Elendsvierteln und schrieb darüber die Sozialreportage „The Road to Wigan Pier“. Ein Schulterschluss mit dem englischen Industrieproletariat. Deswegen verdächtigte die Polizei ihn wegen kommunistischer Aktivitäten; dabei hatte er lediglich die Arbeitsbedingungen in den Industriegebieten Nordenglands kritisch hinterfragt, analysiert und zu Reportagen verarbeitet.
Ende 1936 reiste Orwell nach Barcelona, um sich als Freiwilliger auf Seiten der Republikaner und zusammen mit anderen Angehörigen der sozialistischen ILP Independent Labour Party am spanischen Bürgerkrieg zu beteiligen. Dort traf er mit Ernest Hemingway und André Malraux zusammen und arbeitete zeitweise in deren Korrespondentenbüro. Nach einem Halsdurchschuss an der Front, und angesichts seiner Erfahrungen mit dem inzwischen von sowjetischen Politkommissaren durchgesetzten autoritär-stalinistischen Stil innerhalb dieser Freiwilligen-Brigade, kehrte er via Frankreich nach England zurück. Und wusste von nun an, für was er stand: für einen demokratischen Sozialismus und gegen jeglichen Totalitarismus.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs besprach er in der New English Weekly die gerade erschienene englische Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ und ging dabei mit dem Verfasser noch relativ nachsichtig um. Bezeichnete aber den von Hitler angestrebten Lebensraum im Osten als ein hirnloses Reich, in welchem nur noch mehr junge Männer zu Soldaten erzogen und anschließend zu Kanonenfutter gemacht würden.
Ab 1941 betreute er in der Südostasien-Abteilung der BBC das englischsprachige Rundfunkprogramm für Indien und schrieb weiterhin Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Nach seinem Ausscheiden aus der BBC wurde er 1943 Feuilletonchef der Tribune und beobachtete, sammelte und analysierte sowohl britische, deutsche wie sowjetische Kriegspropaganda. In diesen Jahren wurde er vom britischen Geheimdienst MI5 überwacht, wegen seiner angeblich „fortgeschrittenen kommunistischen Ansichten“.
Ab 1945 berichtete er als Kriegsreporter für das Sonntagsblatt Observer, aber auch für die Tribune oder die Manchester Evening News vom Vormarsch der Westalliierten – aus dem befreiten Paris, aus Köln, Stuttgart, Nürnberg oder dem ländlichen Bayern.
Am 3. März 1945 informierte er seine Landsleute durch den Observer darüber, dass in den von Deutschen einst besetzten Gebieten wie Belgien oder Frankreich krassere Rachegedanken zu vernehmen seien – ähnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg mit Forderungen nach Gebietsabtretungen und großen Reparationen. In Amerika und Großbritannien sei man da deutlich versöhnlicher gestimmt.
Entsetzt ist er am 24. März 1945 über das Ausmaß der Zerstörungen in Köln durch die Bombardierungen: „Das Zentrum, das einmal berühmt für seine romanischen Kirchen und seine Museen war, ist nur noch ein Chaos von gezackten Ruinen.“ Seine Folgerung aus dem bis dato vor Ort gesehenen und erlebten konnte man am 8. April erneut im Observer lesen. Seine Meinung dazu: Aus Deutschland auf der Basis des diskutierten Morgenthau-Plans ein agrarisches Elendsgebiet zu machen, das würde ganz Europa schwächen.
In den Wochen danach warnt er in seinen Berichten vor drohenden Ernährungskrisen in ganz Europa und vor kollektiver Schuldzuweisung. Und sieht hellsichtig die Gefahr eines Auseinanderbrechens der bisherigen alliierten Einigkeit in Ost und West – auch im besetzten Österreich. Weil Stalin klarere Ziele verfolge.
Im August 1945 erschien sein satirisches und anti-stalinistisches Buch „Animal Farm – Farm der Tiere“, eine Parabel auf das Scheitern der russischen Revolution durch Verrat der sozialistischen Ideale. Eine Abrechnung Orwells mit dem totalitären und mörderischen Stalinismus in der UDSSR. Sowie sein Essay „Die Pressefreiheit“, das der Diogenes-Verlag dem Büchlein in dankenswerter Weise beigefügt hat.
Im Juni 1949, kurz vor seinem Tod, erschien dann sein berühmter Zukunftsroman „1984“, das düstere Bild eines Überwachungsstaates. An dieser satirischen Utopie hatte er seit 1936 immer wieder geschrieben und viele Erfahrungen und Erkenntnisse aus den zurückliegenden Jahren darin verarbeitet, in denen sich moderne Industriegesellschaften spürbar in Richtung Totalitarismus bewegt hatten.
George Orwell starb am 21. Januar 1950 an einer Lungenblutung in London, im Alter von nur 46 Jahren.
(hhb)
Quellen:
George Orwell Biographie
Eva Pfister: Prophet des Schreckens. George Orwell zum hundertsten Geburtstag / Deutschlandfunk 4.9.2023
https://www.inhaltsangabe.de/autoren/orwell/#biografie-lesen
Bücher:
George Orwell: Erledigt in Paris und London / Diogenes Verlag, 2007
George Orwell: Der Weg nach Wigan Pier / Diogenes Verlag, 2023
George Orwell: Reise durch Ruinen – Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945 / C. H. Beck textura, 2023
George Orwell: Farm der Tiere – Animal Farm / Diogenes Verlag 2017
George Orwell: 1984, Anaconda Verlag, 2021
George Orwell: Tage in Burma, Dörlemann, 2021
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Einleitung zu "Die Pressefreiheit – The freedom of the Press"
Durch seine persönlichen Erlebnisse mit dem Vorgehen stalinistischer Politkommissare im spanischen Bürgerkrieg war George Orwell derart irritiert, dass er beschloss, diesen Verrat auch an seinen sozialistischen Idealen durch den Stalinismus öffentlich anzuprangern. So entstand die Idee zu der Parabel „Animal Farm – Farm der Tiere“, mit der er die Entwicklungen in der Sowjetunion seit der Revolution nachzeichnet. Denn nach seinen Erkenntnissen hatte sich die Ausbeutung der Menschen auch in der Sowjetunion seither kaum verändert.
Die russische Revolution wurde in seiner Fabel zu einem Aufstand der Tiere auf einer englischen Farm: der Besitzer Jones (also Zar Nikolaus) wurde vom Old Major /Lenin abgesetzt. Die Tiere betreiben die Farm fortan in Eigenregie, aber nach beginnendem Wohlstand übernahmen nun die Schweine die Macht: nach Old Majors/Lenins Tod zunächst Napoleon/Stalin und Schneeball/Trotzki. Während Schneeball die Farm modernisieren will, hat Napoleon lediglich Machtinteressen, die er mit Hilfe von ihm gezüchteter Hunde/Tscheka auch durchsetzt. Und damit die Idee des Animalismus/Sozialismus pervertiert. Schneeball wird vertrieben und nun leben die Schweine um Napoleon als neuer Clan auf Kosten der arbeitenden Tiere in Saus und Braus, genau wie zuvor bei den Menschen/Monarchen erlebt.
Als Orwell diese 1943 fertiggestellte Fabel veröffentlichen will, stößt er auf Ablehnung. Nicht etwa wegen mangelnder literarischer Qualität seines Werkes, sondern lediglich aus Gründen der Selbstzensur gleich mehrerer Verleger – weil die UDSSR ja im Krieg gegen Deutschland ein Alliierter Großbritanniens ist. Diese Erfahrung war Grund genug, warum der freiheitsbewusste Demokrat Orwell seiner dann Ende 1945 endlich gedruckten Fabel das Vorwort „Pressefreiheit“ hinzufügte, als Mahnung an die Bürger der ältesten Demokratie in Europa.
(hhb)
Die Pressefreiheit – The freedom of the Press
Nachwort von George Orwell zu seinem satirischen Märchen „Farm der Tiere“
Die Grundidee für dieses Buch kam mir 1937 zum ersten Mal, doch die Niederschrift erfolgte erst gegen Ende 1943. Als es dann fertig war, lag auf der Hand, dass seine Veröffentlichung Schwierigkeiten bereiten würde (trotz der augenblicklichen Bücherknappheit, die gewährleistet, dass sich alles, worauf die Beschreibung Buch passt, verkauft), und schließlich wurde es von vier Verlegern abgelehnt. Nur einer von ihnen hatte ideologische Motive. Zwei hatten seit Jahren antirussische Bücher publiziert, und der andere war von keiner erkennbaren politischen Couleur. Ein Verleger akzeptierte das Buch anfänglich sogar, doch nach den ersten Vorbereitungen beschloss er, das Informationsministerium zu konsultieren, das ihn anscheinend vor der Publikation gewarnt oder ihn zumindest doch heftig davon abgeraten hat. Hier ein Auszug aus seinem Brief:
„Ich erwähnte die Reaktion eines einflussreichen Beamten im Informationsministerium hinsichtlich der ‚Farm der Tiere‘. Ich muss gestehen, dass mir diese Meinungsäußerung sehr zu denken gegeben hat. (...) Ich sehe jetzt ein, dass die Veröffentlichung des Buches zum gegenwärtigen Zeitpunkt als etwas höchst Unbesonnenes betrachtet werden könnte. Wäre die Fabel an die Adresse von Diktatoren ganz allgemein gerichtet, dann ginge die Veröffentlichung in Ordnung, doch wie ich es jetzt sehe, hält sich die Fabel so vollständig an die Entwicklung der Sowjetrussen und ihrer beiden Diktatoren, dass mit ihr nur Russland gemeint sein kann und die anderen Diktaturen aus dem Spiel bleiben. Und noch etwas: Es wäre weniger anstößig, wenn die herrschende Kaste in der Fabel nicht die Schweine wären. Ich glaube, dass die Wahl von Schweinen als der regierenden Klasse zweifellos Anstoß erregen wird, und besonders bei jedem, der ein bisschen empfindlich ist, was die Russen ja ohne Zweifel sind.“
So etwas ist ein ungutes Zeichen. Natürlich ist es nicht wünschenswert, dass ein Regierungsministerium irgendwelche Zensurgewalt ausübt (ausgenommen eine Sicherheitszensur, gegen die in Kriegszeiten niemand etwas hat), über Bücher, die nicht von offizieller Seite unterstützt werden. Doch die Hauptgefahr für die Gedanken- und Redefreiheit geht im Moment nicht vom MOI (Ministry of Information) oder sonst einer Behörde aus. Wenn sich Verleger und Herausgeber bemühen, bestimmte Themen ungedruckt zu lassen, dann nicht aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung, sondern aus Angst vor der öffentlichen Meinung. Hierzulande ist intellektuelle Feigheit der schlimmste Feind, dem ein Schriftsteller oder Journalist die Stirn bieten muss, und mit diesem Umstand scheint man sich noch nicht gebührend auseinandergesetzt zu haben.
Jeder aufrichtige Mensch mit journalistischer Erfahrung wird zugeben, dass die offizielle Zensur während dieses Krieges nicht besonders lästig gewesen ist. Wir sind nicht jener Art totalitärer „Gleichschaltung“ unterworfen worden, die man billigerweise hätte erwarten können. Die Presse hat einigen berechtigten Grund zur Klage, doch im Großen und Ganzen hat die Regierung Wohlverhalten gezeigt und überraschende Toleranz gegenüber Minderheitsmeinungen geübt. Der dunkle Punkt der literarischen Zensur in England ist, dass sie weitgehend freiwillig geschieht. Unpopuläre Ideen lassen sich verschweigen und unbequeme Tatsachen verschleiern, ohne dass es hierzu eines amtlichen Verbots bedarf. Jeder, der lange genug im Ausland gelebt hat, wird Beispiele von sensationellen Nachrichtenmeldungen kennen – Themen, die, an und für sich betrachtet, die Hauptschlagzeilen abgeben würden –, die in der britischen Presse überhaupt nicht auftauchten, und zwar nicht aufgrund eines Regierungseingriffs, sondern aufgrund einer generellen, stillschweigenden Übereinkunft, dass ‚es nicht angehe‘, diese bestimmte Tatsache zu erwähnen. Soweit dies die Tageszeitungen betrifft, ist das leicht zu verstehen. Die britische Presse ist extrem zentralisiert und überwiegend im Besitz von wohlhabenden Männern, die allen Grund haben, über bestimmte wichtige Themen unehrlich zu sein. Doch dieselbe verhüllte Zensur wirkt auch in Büchern und Magazinen, ebenso wie in Theaterstücken, Filmen und im Radio. Zu jeder Zeit gibt es eine Orthodoxie, ein Meinungssystem, von dem angenommen wird, dass es alle rechtdenkenden Leute ohne zu fragen akzeptieren werden. Es ist nicht eben verboten, dies oder jenes zu sagen, aber es ist ‚unschicklich‘, es zu sagen, so wie es zu viktorianischer Zeit ‚unschicklich‘ war, in Gegenwart einer Lady Hosen zu erwähnen. Jeder, der die herrschende Orthodoxie anzweifelt, sieht sich mit verblüffender Wirksamkeit zum Schweigen gebracht. Eine wirklich unzeitgemäße Meinung bekommt fast nie ein faire Anhörung, weder in der Volkspresse noch in den Intellektuellenmagazinen.
Die derzeit herrschende Orthodoxie verlangt die unkritische Bewunderung Sowjetrusslands. Jeder weiß das, fast jeder handelt danach. Jede ernsthafte Kritik am Sowjetregime, jede Enthüllung von Tatsachen, die die Sowjetregierung lieber weiterhin verborgen sähe, ist nahezu undruckbar. Und diese landesweite Konspiration, unserem Alliierten zu schmeicheln, spielt sich sonderbarerweise vor dem Hintergrund echter intellektueller Toleranz ab. Denn darf man auch die Sowjetregierung nicht kritisieren, so steht einem zumindest doch ziemlich frei, unser eigenes Land zu kritisieren. Kaum jemand wird eine Attacke gegen Stalin drucken, aber Churchill zu attackieren ist recht risikolos, jedenfalls in Büchern und Magazinen. Und über fünf Kriegsjahre hinweg, von denen wir zwei oder drei um das nationale Überleben kämpften, durften zahllose Bücher, Pamphlete und Artikel zugunsten eines Kompromissfriedens ungestört erscheinen. Mehr noch, sie sind erschienen, ohne großes Missfallen zu erregen. Solange das Prestige der UDSSR nicht im Spiel ist, ist der Grundsatz der Redefreiheit leidlich gewahrt worden. Es gibt noch andere Tabuthemen, und ich werde gleich einige davon beim Namen nennen, doch die herrschende Einstellung gegenüber der UDSSR ist bei weitem das bedenklichste Symptom. Sie ist, sozusagen, spontan und verdankt sich nicht dem Tun irgendwelcher Interessenverbände.
Die Servilität, mit der der überwiegende Teil der englischen Intelligenz von 1941 an die russische Propaganda geschluckt und wiederholt hat, wäre recht erstaunlich, hätte sie sich bei mehreren früheren Gelegenheiten nicht ganz ähnlich verhalten. Streitfrage auf Streitfrage ist der russische Standpunkt ausnahmslos akzeptiert und dann unter völliger Missachtung historischer Wahrheit und intellektueller Redlichkeit publiziert worden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die BBC feierte den fünfundzwanzigsten Jahrestag der Roten Armee, ohne Trotzki zu erwähnen. Das war in etwa genauso akkurat, wie der Schlacht von Trafalgar zu gedenken, ohne Nelson zu erwähnen, aber es löste bei der englischen Intelligenz keine Proteste aus. Bei den inneren Kämpfen in den verschiedenen okkupierten Ländern hat sich die britische Presse in fast allen Fällen auf die Seite der von Russen begünstigten Partei gestellt und die Oppositionspartei verleumdet, wozu sie manchmal Beweise unterdrückte. Ein besonders krasser Fall war der von Oberst Mihailovic, dem Führer der jugoslawischen Tschetniks. Die Russen, die in Marschall Tito ihren eigenen jugoslawischen Protegé hatten, beschuldigten Mihailovic der Kollaboration mit den Deutschen. Die britische Presse griff diese Anschuldigung prompt auf: Mihailovics Anhänger bekamen keine Gelegenheit, darauf zu reagieren, und widersprüchliche Fakten gelangten ganz einfach nicht zum Druck.
Im Juli 1943 setzten die Deutschen eine Belohnung von 100.000 Kronen in Gold für die Ergreifung Titos aus, und eine ähnliche Summe für die Ergreifung Mihailovics. Die britische Presse brachte die Summe für Tito in den Schlagzeilen, aber nur eine Zeitung erwähnte, kleingedruckt, die Summe für Mihailovic, und die Bezichtigungen der Kollaboration mit den Deutschen gingen weiter. Ganz ähnliche Dinge passierten während des Spanischen Bürgerkriegs. Auch da wurden die Parteien auf der republikanischen Seite, die zu vernichten die Russen entschlossen waren, in der linken englischen Presse rücksichtslos verleumdet, und jeder Aussage zu ihrer Verteidigung, und sei es in Briefform, wurde die Veröffentlichung verweigert. Gegenwärtig wird nicht bloß jede ernsthafte Kritik an der UDSSR als verwerflich betrachtet, in einigen Fällen wird sogar die Tatsache verheimlicht, dass es eine solche Kritik gibt. Ein Beispiel: Trotzki hatte kurz vor seinem Tod eine Stalin-Biographie geschrieben. Man darf vermuten, dass es ein ganz und gar nicht unparteiisches Buch gewesen ist, aber offensichtlich ließ es sich verkaufen. Ein amerikanischer Verleger wollte es herausbringen, und das Buch war im Druck – die Rezensionsexemplare hatte man, glaube ich, bereits verschickt –, da trat die UDSSR in den Krieg ein. Das Buch wurde sofort zurückgezogen. In der britischen Presse stand nie ein Wort darüber, obwohl die Existenz eines solchen Buches und seine Unterdrückung eindeutig eine Meldung war, die einige Absätze verdiente.
Die Unterscheidung zwischen der Art Zensur, die sich die englische literarische Intelligenz freiwillig auferlegt, und der Zensur, die manchmal von den Interessengruppen aufgezwungen werden kann, ist wichtig. Berüchtigtermaßen können bestimmte Themen aufgrund ‚rechtmäßiger Interessen‘ nicht diskutiert werden. Der bekannteste Fall ist der Schwindel mit patentierten Medikamenten. Auch die katholische Kirche besitzt beträchtlichen Einfluss in der Presse und kann an ihr laut werdende Kritik zu einem gewissen Grade zum Verstummen bringen. Ein Skandal, in den ein katholischer Priester verwickelt ist, wird fast nie publik gemacht, wohingegen ein anglikanischer Priester in Schwierigkeiten (z.B. der Rektor von Stiffkey) auf der Titelseite erscheint. In den allerseltensten Fällen kommt so etwas wie eine antikatholische Tendenz auf der Bühne oder im Film vor. Jeder Schauspieler kann Ihnen sagen, dass ein Stück oder ein Film, in dem die katholische Kirche angegriffen oder veralbert wird, mit einem Presseboykott rechnen muss und wahrscheinlich eine Pleite wird. Doch so etwas ist harmlos, oder wenigstens doch verständlich. Jede große Organisation wird nach besten Kräften ihre Interessen wahren, und gegen offene Propaganda ist nichts einzuwenden. Man würde vom Daily Worker ebenso wenig erwarten, dass er ungünstige Fakten über die UDSSR publiziert, wie vom Catholic Herald, dass er den Papst denunziert. Aber andererseits weiß jeder denkende Mensch, wofür der Daily Worker und der Catholic Herald stehen.
Das Beunruhigende ist, dass man, geht es um die UDSSR und ihre Politik, keine intellektuelle Kritik, ja in vielen Fällen nicht einmal schlichte Ehrlichkeit von liberalen Autoren und Journalisten erwarten kann, die keinem direkten Druck ausgesetzt sind, ihre Meinungen zu verfälschen. Stalin ist sakrosankt, und gewisse Aspekte seiner Politik dürfen nicht ernstlich diskutiert werden. Diese Regel ist seit 1941 beinahe ohne Einschränkung befolgt worden, aber funktioniert hat sie schon zehn Jahre früher, und zwar in weit größerem Ausmaß, als einem manchmal klar ist. Während dieser ganzen Zeit konnte sich Kritik am Sowjetregime von der Linken nur schwer Gehör verschaffen. Es gab eine Flut antirussischer Literatur, doch beinahe alles davon kam aus der Ecke der Konservativen und war ganz offenbar unaufrichtig, überholt oder von niederen Motiven angetrieben. Auf der anderen Seite gab es einen gleich großen und beinahe ebenso unaufrichtigen Strom prorussischer Propaganda und einen Quasi-Boykott an jedem, der versuchte, hochwichtige Fragen wie ein Erwachsener zu diskutieren.
Man konnte zwar antirussische Bücher veröffentlichen, doch dann hatte man gleichzeitig die Gewähr, fast von der gesamten Intellektuellenpresse ignoriert oder entstellt wiedergegeben zu werden. Öffentlich und privat wurde man gewarnt, dass dies ‚unschicklich‘ sei. Was man sage, stimme möglicherweise, doch es sei ‚inopportun‘ und ‚spiele in die Hände‘ dieses oder jenes reaktionären Interesses. Diese Haltung wurde gewöhnlich mit der Begründung verteidigt, dass die internationale Situation und die dringende Notwendigkeit einer anglo-russischen Allianz es erforderten: Doch es war klar, dass dies eine Rationalisierung war. Die englische Intelligenz, oder ein Großteil von ihr, hatte der UDSSR gegenüber eine nationalistische Toleranz entwickelt, und sie spürte in ihrem Innersten, dass es einer Blasphemie gleichkäme, den geringsten Zweifel auf Stalins Weisheit zu werfen. Ereignisse in Russland und Ereignisse anderswo mussten mit verschiedenen Maßstäben gemessen werden. Die endlosen Hinrichtungen während der Säuberungsaktionen 1936-38 wurden von lebenslangen Gegnern der Todesstrafe beklatscht, und man fand es ebenso richtig, Hungersnöte publik zu machen, wenn sie sich in Indien ereigneten, und sie zu verheimlichen, wenn sie sich in der Ukraine ereigneten. Und wenn dies für die Zeit vor dem Krieg schon zutraf, dann ist das intellektuelle Klima heute gewiss nicht besser.
Doch nun wieder zurück zu meinem Buch. Die Reaktion der meisten englischen Intellektuellen darauf wird ganz einfach sein: „Es hätte nicht publiziert werden sollen.“ Natürlich werden es diejenigen Rezensenten, die sich auf die Kunst des Anschwärzens verstehen, nicht aus politischen, sondern aus literarischen Gründen attackieren. Sie werden sagen, dass es ein langweiliges, albernes Buch ist und dazu noch eine schändliche Papierverschwendung. Das mag schon stimmen, aber es ist offensichtlich nur die halbe Wahrheit. Man sagt nicht, dass ein Buch ‚nicht hätte publiziert werden sollen‘, bloß weil es ein schlechtes Buch ist. Immerhin wird täglich klafterweise Mist gedruckt, und keiner kümmert sich darum. Die englische Intelligenz, oder ihr Großteil, wird gegen dieses Buch protestieren, weil es ihren Führer verleumdet und (wie sie es sieht) der Sache des Fortschritts schadet. Täte es das Gegenteil, hätten sie nichts dagegen einzuwenden, und wären seine literarischen Mängel zehnmal so krass wie jetzt. Der vier oder fünf Jahre lang anhaltende Erfolg des Left Book Club zum Beispiel zeigt, wie willens sie sind, sowohl Vulgarität wie Schludrigkeit beim Schreiben zu tolerieren, solange sie nur das zu hören bekommen, was sie hören möchten.
Es geht hier um eine recht simple Frage: Hat jede Meinung, egal, wie unpopulär – egal sogar, wie dumm –, ein Recht darauf, gehört zu werden? Wenn man sie so formuliert, wird sich beinahe jeder englische Intellektuelle verpflichtet fühlen, „Ja“ zu sagen. Doch konkretisiert man sie und sagt: „Und ein Angriff auf Stalin? Hat der ein Recht darauf, gehört zu werden?“, und die Antwort wird in den meisten Fällen lauten: „Nein.“ In diesem Fall wird die gegenwärtige Orthodoxie angezweifelt, und der Grundsatz der Redefreiheit fällt. Wenn man nun aber Rede- und Pressefreiheit fordert, fordert man damit doch nicht absolute Freiheit. Solange die organisierten Gesellschaften fortbestehen werden, muss es immer, oder wird es wenigstens immer, einen bestimmten Grad der Zensur geben. Doch Freiheit meint nach Rosa Luxemburg „Freiheit des Andersdenkenden“. Das gleiche Prinzip steckt in den berühmten Worten Voltaires: „Ich verabscheue, was Sie sagen; ich werde Ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tod verteidigen.“ Falls die intellektuelle Freiheit, die zweifellos ein hervorstechendes Merkmal westlicher Zivilisation gewesen ist, überhaupt einen Sinn hat, dann den, dass jeder das Recht haben soll, das zu sagen und zu drucken, was er für die Wahrheit hält, vorausgesetzt nur, es fügt dem Rest der Gemeinschaft nicht unverkennbar Schaden zu. Sowohl der kapitalistischen Demokratie wie den westlichen Versionen des Sozialismus hat dieses Prinzip bis vor kurzem als selbstverständlich gegolten. Wie ich bereits erwähnt habe, macht unsere Regierung noch immer einige Anstalten, es zu respektieren. Der gewöhnliche Mann auf der Straße vertritt immer noch in etwa die Ansicht: „Ich glaube, jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung“ – teilweise, vielleicht, weil er sich für die Ideen zu wenig interessiert, um ihnen intolerant gegenüberzustehen. Nur, oder zumindest hauptsächlich, die literarische und wissenschaftliche Intelligenz, eben die Gruppe, die der Hüter der Freiheit sein sollte, beginnt, dieses Prinzip sowohl in Theorie wie Praxis zu verschmähen.
Eine eigenartige Erscheinung unserer Zeit ist der abtrünnige Liberale. Über die bekannte marxistische Behauptung hinaus, dass ‚bourgeoise Freiheit‘ eine Illusion ist, herrscht jetzt eine weitverbreitete Tendenz zu argumentieren, dass man Demokratie nur mit totalitären Methoden verteidigen kann. Wenn man die Demokratie liebt, so läuft die Argumentation, dann ist jedes Mittel recht, um ihre Feinde zu vernichten. Und wer sind ihre Feinde? Es stellt sich immer heraus, dass es nicht nur jene sind, die sie offen und bewusst angreifen, sondern auch jene, die sie durch Verbreiten missverstandener Doktrinen ‚objektiv‘ gefährden. Anders gesagt, zur Verteidigung der Demokratie gehört die Zerstörung aller gedanklichen Unabhängigkeit. Dieses Arguments bediente man sich zum Beispiel, um die russischen Säuberungsaktionen zu rechtfertigen. Sogar der glühendste Russophile wird kaum geglaubt haben, dass alle Opfer aller ihnen zur Last gelegten Dinge schuldig waren: Aber dadurch, dass sie ketzerische Meinungen vertraten, schadeten sie dem Regime eben ‚objektiv‘, und deshalb war es ganz in Ordnung, sie nicht nur zu massakrieren, sondern auch noch durch falsche Beschuldigungen zu diskreditieren. Mit demselben Argument wurde die ganz bewussten Lügen in der Linkspresse über die Trotzkisten und die anderen republikanischen Minderheiten im Spanischen Bürgerkrieg gerechtfertigt. Und man bediente sich seiner wieder, um gegen die Habeas-Corpus-Akte zu kläffen, als Mosley 1943 freigelassen wurde.
Diese Leute sehen einfach nicht, dass eine Zeit kommen kann, wo die totalitären Methoden, die man unterstützt hat, gegen einen anstatt für einen verwendet werden. Man mache nur eine Gewohnheit daraus, Faschisten ohne Verhandlung einzusperren, und vielleicht bleibt dieser Prozess nicht bei Faschisten stehen. Kurz nachdem der unterdrückte Daily Worker wieder erscheinen durfte, hielt ich an einem Arbeiterkolleg in South London einen Vortrag. Das Publikum bestand aus Intellektuellen der Arbeiter- und Untermittelschicht – das gleiche Publikum, dem man gewöhnlich in den Filialen des Left Book Shop begegnet. Der Vortrag hatte das Thema Pressefreiheit gestreift, und zu meiner Überraschung standen am Schluss etliche Fragesteller auf und wollten von mir wissen: Ob ich denn nicht glaube, dass die Aufhebung des Erscheinungsverbots für den Daily Worker ein großer Fehler sei? Nach dem Wieso befragt, sagten sie, er sei eine Zeitung von zweifelhafter Linientreue und sollte in Kriegszeiten nicht toleriert werden. Und dann fand ich mich dabei, wie ich den Daily Worker verteidigte, der sich mehr als nur einmal besonders große Mühe gegeben hat, mich zu schmähen. Aber wo hatten diese Leute diese wesentlich totalitäre Ansicht gelernt? Ziemlich sicher von den Kommunisten selbst!
Toleranz und Anständigkeit sind in England tief verwurzelt, aber nicht unzerstörbar, und sie müssen teilweise durch bewusste Anstrengung am Leben erhalten werden. Das Predigen totalitärer Doktrinen hat eine Schwächung des Instinkts zur Folge, durch den freie Menschen erkennen, was gefährlich ist und was nicht. Der Fall Mosley illustriert dies. 1940 war es völlig richtig, Mosley zu internieren, gleichgültig, ob er nun irgendein regelrechtes Verbrechen begangen hatte oder nicht. Wir kämpften um unser Leben und konnten es einem möglichen Quisling nicht erlauben, frei herumzulaufen. Ihn bis 1943 ohne Verhandlung eingesperrt zu lassen, war eine Gräueltat. Dass dies allgemein übersehen wurde, war ein schlechtes Zeichen, wenn es auch stimmt, dass die Agitation gegen Mosleys Freilassung zum Teil künstlich und zum Teil eine Rationalisierung anderer Unzufriedenheiten war. Doch wie viel von dem gegenwärtigen Hang zu faschistischen Denkweisen lässt sich auf den ‚Anti-Faschismus‘ der vergangenen zehn Jahre und die Skrupellosigkeit zurückführen, die er nach sich gezogen hat?
Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass die augenblickliche Russomanie nur ein Symptom ist für die generelle Abschwächung der westlich liberalen Tradition. Hätte das Ministerium dazwischengefunkt und definitiv sein Veto gegen die Publikation dieses Buches eingelegt, würde die Masse der englischen Intelligenz darin nichts Beunruhigendes gesehen haben. Unkritische Loyalität gegenüber der UDSSR ist nun einmal die herrschende Orthodoxie, und wo es um die vermutlichen Interessen der UDSSR geht, ist man gewillt, nicht nur Zensur, sondern sogar absichtliche Geschichtsfälschung zu dulden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Beim Tode von John Reed, dem Autor von ‚Ten Days that Shook the World‘ – einem Bericht über die Anfangstage der Russischen Revolution aus allererster Hand –, gelangte das Copyright an dem Buch in die Hände der British Communist Party, der es Reed, glaube ich, testamentarisch vermacht hatte. Einige Jahre später veröffentlichten die britischen Kommunisten, nachdem sie die Originalausgabe des Buches so vollständig vernichtet hatten, wie sie nur konnten, eine verstümmelte Version, aus der sie alle Stellen, an denen Trotzki erwähnt wurde, eliminiert und auch die von Lenin verfasste Einleitung weggelassen hatten. Hätte noch eine radikale Intelligenz existiert, wäre dieser Fälschungspakt in jeder literarischen Zeitschrift im Land aufgedeckt und angeprangert worden. So gab es wenig oder gar keinen Protest. Viele englische Intellektuelle hielten das für eine ganz normale Sache. Und diese Toleranz oder platte Unehrlichkeit heißt viel mehr, als dass dies Bewunderung für Russland im Augenblick nun mal Mode ist. Höchstwahrscheinlich wird diese bestimmte Mode nicht von Dauer sein. Soviel ich weiß, kann bei Erscheinen dieses Buches meine Einschätzung des Sowjetregimes die allgemein anerkannte sein. Doch was würde das nutzen? Eine Orthodoxie durch eine andere zu ersetzen ist nicht unbedingt ein Fortschritt. Der Feind ist stets die Grammophon-Mentalität, gleichgültig, ob einem die Platte, die gerade gespielt wird, nun passt oder nicht.
Ich kenne alle die Argumente gegen die Gedanken- und Redefreiheit zur Genüge – jene Argumente, die behaupten, dass es sie nicht geben kann, und jene Argumente, die behaupten, dass es sie nicht geben soll. Ich antworte darauf nur, dass sie mich nicht überzeugen und dass unsere Zivilisation für einen Zeitraum von vierhundert Jahren auf der gegenteiligen Ansicht gefußt hat. Seit gut einer Dekade bin ich der Meinung gewesen, dass das existierende russische Regime größtenteils ein Übel ist, und ich beanspruche das Recht, dies zu sagen, obgleich wir und die UDSSR Verbündete in einem Krieg sind, den ich gewonnen sehen möchte. Müsste ich mir einen Text zu meiner Rechtfertigung aussuchen, würde ich die Zeile von Milton wählen:
Nach den bekannten Regeln uralter Freiheit
Das Wort ‚uralt‘ betont die Tatsache, dass intellektuelle Freiheit eine tiefverwurzelte Tradition ist, ohne die unsere typisch westliche Zivilisation nur ungewissen Bestand hätte. Von dieser Tradition kehren sich viele unserer Intellektuellen sichtlich ab. Sie haben den Grundsatz akzeptiert, dass ein Buch nicht aufgrund seiner Meriten veröffentlicht oder unterdrückt, gelobt oder verdammt werden sollte, sondern gemäß der politischen Zweckmäßigkeit. Und andere, die diese Ansicht eigentlich nicht teilen, pflichten ihr aus schierer Feigheit bei. Ein Beispiel hierfür ist das fehlende Aufbegehren der zahlreichen und lautstarken englischen Pazifisten gegen die herrschende Verehrung des russischen Militarismus. Nach Ansicht dieser Pazifisten ist alle Gewalt böse, und sie haben uns in jedem Stadium des Kriegs gedrängt, aufzugeben oder wenigstens einen Kompromissfrieden zu schließen. Aber wie viele von ihnen haben je zu verstehen gegeben, dass der Krieg auch böse ist, wenn die Rote Armee ihn führt? Augenscheinlich haben die Russen das Recht auf Selbstverteidigung, wohingegen bei uns seine Wahrnehmung eine Todsünde ist. Dieser Widerspruch lässt sich nur auf eine Art erklären: nämlich durch den feigen Wunsch, nicht aus der Masse der Intelligenz auszuscheren, deren Patriotismus eher Russland gilt als England!
Ich weiß, dass die englische Intelligenz allen Grund für ihre Schüchternheit und Unehrlichkeit hat; ich kenne die Argumente, mit denen sie sich rechtfertigt, sogar auswendig. Doch zumindest von dem Unsinn, die Freiheit gegen den Faschismus zu verteidigen, wollen wir nichts mehr hören. Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. Die gewöhnlichen Leute billigen diese Doktrin noch in etwa und handeln danach. In unserem Land – es ist nicht in allen Ländern so: Es war im Frankreich der Republik nicht so, und es ist in den Vereinigten Staaten von heute nicht so – sind es die Liberalen, die die Liberalität fürchten, und die Intellektuellen, die den Intellekt beschmutzen wollen: Um auf diese Tatsache aufmerksam zu machen, habe ich dieses Nachwort geschrieben.
Zu "Farm der Tiere" und "Die Pressefreiheit"
https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/farm-der-tiere/5576