Peggy Parnass

Die Publizistin Peggy Parnass wurde in den 1970er Jahren vor allem als Gerichtsreporterin bekannt. Für die Zeitschrift Konkret beobachtete sie rund 500 Prozesse und berichtete oft sehr kritisch darüber. Denn darunter waren nur drei Verfahren gegen NS-Täter – worauf sie Zeit ihres Lebens zu einer Kämpferin für Gerechtigkeit und zu einer unerschrockenen Chronistin von NS-Verbrechen wurde.

Peggy Parnass wurde am 11. Oktober 1927 als Tochter einer jüdischen Familie in Hamburg geboren. Dort verbrachte sie ihre frühe Kindheit im Schanzenviertel, wo ihre Familie bald antisemitisch bedroht und den Kindern vieles verboten wurde. Das schilderte sie 2020 in einem Interview: „Alles, alles was wir machten, war verboten. Meine süße kleine Mutti, die hat vieles gemacht, weil sie wollte, dass wir auch Spaß haben. Dabei wusste sie, dass es schlimme Folgen haben würde, wenn wir erwischt worden wären. Wir durften gar nichts: nicht ins Kino, nicht in Schwimmbäder, nicht ins Theater. Wir durften nicht auf einer Parkbank sitzen; das war für Juden und Hunde verboten. Wir durften überhaupt nichts."

Den Holocaust überlebte sie nur, weil ihre Mutter sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder 1939 noch rechtzeitig in einem vom Bankhaus Warburg organisierten Kindertransport nach Schweden schickte. Ihre Eltern wurden 1942 in Treblinka ermordet. Weitere etwa hundert Mitglieder ihrer Familie wurden während der Shoa umgebracht.

 

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In Schweden wuchs sie bei zwölf verschiedenen Pflegefamilien auf, bis ein nach London geflohener Onkel sie kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs aufnahm. Seit ihrem 14. Lebensjahr hatte sie immer gearbeitet: als Hausmädchen, in einem Reisebüro am Piccadilly, als Filmkritikerin, als Sprachlehrerin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Später kehrte sie nach Schweden zurück und wurde durch eine Ehe schwedische Staatsbürgerin.

1950 besuchte sie eine Cousine in Hamburg, die gerade begonnen hatte, an der Universität zu studieren. Mit der ging sie einfach mit, lernte dort interessante Menschen kennen und blieb so in ihrer Heimatstadt hängen. Als Studentin lebte sie mit Peter Rühmkorf und dem Konkret-Gründer Klaus Rainer Röhl in einer Wohngemeinschaft. In der von ihnen gegründeten Neuen Studentenbühne machten die drei auch politisches Kabarett: „Die Pestbeule“.

Damals begann Peggy Parnass hauptberuflich als Schauspielerin an NDR-Fernsehproduktionen mitzuwirken, in „Das Fernsehgericht tagt“ oder in mehreren „Stahlnetz-Krimis“.

Es war dann wohl Röhl, der sie zurück zu den Printmedien lockte, nachdem er seine Studentenzeitschrift Studenten-Kurier in Konkret umgetauft und zu einer monatlich erscheinenden linken Zeitschrift gemacht hatte. 17 Jahre lang, von 1970 bis 1987 war sie als Kolumnistin und Gerichtsreporterin für Konkret freiberuflich tätig und entdeckte dabei, wie häufig Recht und Gerechtigkeit auseinanderdrifteten – wie NS-Verbrecher vor Gericht sehr geschont wurden, während die gleichen Richter andere beinhart bestraften. Das war der Grund für ihr kritisches Urteil über Recht und Gerechtigkeit, wie sie es am 31. März 2007 in einer ► Kolumne für den STERN beschrieb.

Darin erklärt sie, warum sie zu einer Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen Faschismus und Diskriminierung wurde. Denn es regte sie auf, in einem Land zu leben, wo Dinge manchmal hart bestraft wurden, die sie für nicht sonderlich strafwürdig hielt. Wo aber NS-Massenmörder sogar frei herumlaufen durften. Solche fehl gerichteten Fallbewertungen prangerte sie konsequent an.

Neben Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Frankfurter Auschwitzprozesse initiiert hatte, wurde Peggy Parnass für viele Menschen in Nachkriegsdeutschland zu einer moralischen Instanz – weil sie engagiert gegen Ungerechtigkeit, gegen Intoleranz und das Vergessen eintrat.

Ihr ganzes Leben lang war sie kinobegeistert, schrieb schon als Jugendliche Filmkritiken für eine kommunistische Zeitung in Schweden und setzte das auch in Hamburg fort. Später wirkte sie selber in Filmen mit, etwa 1980 zusammen mit Udo Lindenberg in „Panische Zeiten“ oder 1994 bei Doris Dörrie in „Keiner liebt mich“. Wie schon früher in vielen NDR-TV-Serien. 1982 wurde sie zusammen mit dem Regisseur Axel Engstfeld und der Co-Autorin Gisela Keuerleber mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, für den Dokumentarfilm „Von Richtern und anderen Sympathisanten“. Über die Bedeutung dieses ► Films berichtete das internationale forum des jungen films.

Peggy Parnass wurde als Publizistin und engagierte Bürgerrechtlerin mehrfach ausgezeichnet: 1979 mit dem „Joseph-Drexel-Preis“ für hervorragende Leistungen im Journalismus; 1980 mit dem „Fritz-Bauer-Preis“; 1998 mit der „Biermann-Ratjen-Medaille“ der Stadt Hamburg; 2008 mit dem „Bundesverdienstkreuz am Bande“ und 2019 mit der „Ehrengedenkmünze in Gold“ des Hamburger Senats. 2021 ernannte sie das deutsche PEN-Zentrum zum Ehrenmitglied.

Peggy Parnass starb am 12. März 2025 im Alter von 97 Jahren in ihrer Heimatstadt Hamburg. Dort wurde sie auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher nach der Todesnachricht: Wir trauern um eine außergewöhnliche Bürgerin unserer Stadt. Ihr unermüdlicher Einsatz für Demokratie, Toleranz und Mitmenschlichkeit sollte uns auch in Zukunft ein Vorbild sein.“ Und Kultursenator Carsten Brosda ergänzte: „Als Publizistin, Schauspielerin und Aktivistin scheute sich Peggy Parnass in der Bundesrepublik nicht, mutig auch die Wahrheiten auszusprechen, die nicht gern gehört wurden.“

 

(hhb)

 

Quellen

Sharon Adler: Vita von Peggy Parnass / Bundeszentrale für politische Bildung

Edgar S. Hasse: Peggy Parnass – Unerschrockene Chronistin der NS-Verbrechen / Hamburger Abendblatt am 12.10.2019

Konversations mit Peggy Parnass / Kampnagel.de im Juni 2024

Olaf Wunder: Trauer um Peggy Parnass – Eine Frau voller Liebe, Wut und Leidenschaft / MOPO.de am 12.3.2025

Jan Feddersen: Eine herzensgrantige Botschafterin des anderen Hamburg / taz am 12.3.2025

Jochen Lambernd: Peggy Parnass – eine Ikone im Kampf für die Gerechtigkeit / NDR.de am 13.3.2025

Janine Kühl + Uli Sarrazin: Schreiben über das Unsagbare – Peggy Parnass ist tot / NDR am 13.3.2025

Das IGdJ trauert um Peggy Parnass sel. A. / Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg am 13.3.2025

Nachruf für Peggy Parnass – ein Leben für Gerechtigkeit, Freiheit, Humanität / verdi Kunst und Kultur am 13.3.2025

 

Bücher + Schriften

Peggy Parnass: Prozesse 1970 bis 1978 / 1978

Peggy Parnass: Unter die Haut / Konkret Reihe 1983

Peggy Parnass: Kleine radikale Minderheit / 1985

Peggy Parnass: Süchtig nach Leben / Konkret Literatur Verlag 1990

Peggy Parnass: Mut und Leidenschaft / 1993

Peggy Parnass + Tita do Rego Silva: Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete / S. Fischer Verlage 2012