Der Journalist und Schriftsteller Klaus Polkehn wurde am 11. Juni 1931 in Berlin geboren. Er gehörte zu den bekanntesten Journalisten der DDR und war 22 Jahre lang stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Wochenpost, der beliebtesten Zeitung der DDR, die mit einer Auflage bis zu 1,6 Millionen Exemplaren gedruckt wurde. Es war ein Familien-Blatt mit Reportagen, Politik, Kultur, Rätseln, Comics, Gerichtsberichten und Privatanzeigen und zeichnete sich durch ein hohes journalistisches Niveau und weitgehende politische Neutralität aus. Soweit dies möglich war, denn die Wochenpost erschien im SED-eigenen Berliner Verlag.
Klaus Polkehn machte zunächst eine Lehre als Schriftsetzer, absolvierte ein Volontariat und arbeitete dann als Redakteur bei der Zeitung Tribüne des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Sein Vater Hugo Polkehn war dort als Chef vom Dienst tätig. Ein verhängnisvoller Fehler des Vaters brachte den für Jahre hinter Gitter, der Sohn verlor seinen Arbeitsplatz.
Anlass war der Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin am 5. März 1953, der damals in der DDR von der Partei- und Staatsführung gottgleich verehrt wurde. Am 6. März erreichte das Kondolenzschreiben des SED-Zentralkomitees die Tribüne-Redaktion erst nach Redaktionsschluss. Der Schriftsetzer Karl Richter machte sich sofort ans Werk, damit der Text noch in die laufende Ausgabe aufgenommen werden konnte. Dabei vertauschte er die Worte „Frieden“ und „Krieg“ und so wurde aus Stalin „der überragende Kämpfer für die Erhaltung und Festigung des Krieges“. Polkehn übersah beim Überlesen des Textes diesen Fehler.
Beide wurden von der Staatssicherheit verhaftet. Karl Richter erklärte, die Panne sei ihm wegen Überanstrengung und Übermüdung unterlaufen. Polkehn unterschrieb nach Folter, er habe wegen seiner sozialdemokratischen geprägten Vergangenheit den Fehler passieren lassen. Beim Prozess vor dem Bezirksgericht Halle widerrief er sein Geständnis und schilderte die Folterprozedur. Beide Angeklagten wurden wegen „Boykotthetze“ und „Agententätigkeit“ zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Damit war auch für Sohn Klaus Polkehn die Tätigkeit bei der Tribüne beendet. Er erinnerte sich später: „In der Abteilung Agitation des ZK sagte man mir, da ich nicht bereit sei, Beschuldigung und Verurteilung meines Vaters zu akzeptieren, dürfe ich künftig nicht wieder als Journalist arbeiten.“ Freunde rieten ihm, Kontakt zu dem Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul aufzunehmen, der über gute Beziehungen zur DDR-Staatsführung verfügte. Kaul gab ihm den Hinweis, sich bei der im Dezember 1953 gegründeten Wochenpost zu bewerben. Zunächst torpedierte das ZK der SED die Einstellung. Kaul erklärte befreundeten Wochenpost-Redakteuren die Hintergründe, und Chefredakteur Rudi Wetzel machte sich im ZK für Polkehn stark. Anfang 1954 erhielt der seinen Redakteurs-Vertrag.
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Anfangs arbeitete Polkehn im Wirtschaftsressort der Zeitschrift, schrieb Reportagen und wechselte dann ins Auslandsressort, das damals von Gerhart Eisler, dem Bruder des Komponisten Hanns Eisler, geleitet wurde. Sein besonderes Interesse galt den arabischen Ländern, die er bereiste. Spektakulär war sein Kontakt zu Winfried Müller, der unter dem Decknamen Si Mustapha vom marokkanischen Tetuan aus im algerischen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich Fremdenlegionäre zum Desertieren aufrief, ihnen Unterschlupf bot, bis er ihre Rückreise in ihre Heimatländer organisiert hatte.
Intensiv befasste sich Klaus Polkehn mit der Geschichte und Situation der Palästinenser im Nahen Osten und unter israelischer Besetzung. Unter anderem recherchierte er die unbekannte Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nationalsozialisten während der Hitler-Diktatur, die er mehrfach öffentlich machte, etwa unter dem Titel „Zionismus im Komplott mit dem Faschismus“. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Reisereportagen in der Wochenpost.
1969 wurde Klaus Polkehn stellvertretender Chefredakteur der Wochenpost. Über die Leser der Zeitung sagte er: „Unser Leserkreis war im Durchschnitt so zusammengesetzt wie die Bevölkerungsstatistik: Vom Professor bis zur Putzfrau gab es bei uns alles.“
Im Oktober 1991 verließ Klaus Polkehn nach 37 Jahren sein Blatt. Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 hatte der Hamburger Verlag Gruner + Jahr den Berliner Verlag und damit auch die Wochenpost übernommen. Die Zeitschrift verlor massiv an Auflage, im Dezember 1996 stellte Gruner + Jahr sie ein.
Klaus Polkehn veröffentlichte nach seinem Abschied von der Wochenpost als freier Journalist und Schriftsteller Reisebücher und politische Sachbücher. Er setzte sich weiterhin für die Rechte der Palästinenser ein und gab die Zeitschrift Palästina Nachrichten heraus. Er war Mitglied der Deutsch-Arabischen-Gesellschaft. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehörte das 1997 erschienene Buch „Das war die Wochenpost: Geschichte und Geschichten einer Zeitung“.
Zitat aus seinem Vorwort „Das Nischenblatt mit Verdienstorden“:
„Spätestens gegen Ende des Jahres 1990 erfuhr der interessierte Zeitungsleser westlich der Elbe von der Existenz eines Blattes namens Wochenpost. Das erschien mittlerweile schon seit 37 Jahren im Osten Deutschlands und verkaufte allwöchentlich die – bei einer DDR-Bevölkerung von 17 Millionen erstaunliche – Auflage von 1,25 Millionen Exemplaren.
Den Überlebenskampf und das Überleben der vormaligen ‚realsozialistischen Gartenlaube‘, des ‚einstmaligen Renommierblatts der DDR‘, der ‚Realsozialistischen Unterhaltungspostille‘ im wiedervereinigten Deutschland begleitete man seit 1989 mit mehr oder minder erstaunten Rückblicken: ‚In der einstigen DDR war die Wochenpost heiß begehrt. Wenn das Blatt am Kiosk erschien, dann bildeten sich lange Schlangen, und ein Abo wurde gleichsam von Generation zu Generation weitergereicht.‘ Die Wochenpost habe ‚im Osten einst nahezu Kultcharakter‘ gehabt, denn sie sei ‚die einzige Alternative zum Neuen Deutschland‘ gewesen. In der Wochenpost gab es ‚keine großen Taten, aber kleine wichtige Gesten, auch wenn sie heute nicht mehr viel gelten‘.
Also alles bestens? Wohl nicht so ganz. ‚Schon das Vorbild war ungewöhnlich: die Grüne Post der Weimarer Zeit ... Trotzdem zog auch in die Wochenpost nicht Weimarer Geist, sondern jener der realsozialistischen Betonköpfe ein. Alles ein bißchen lockerer, ein bißchen listiger, freier und kulturvoller – es sei denn, jemand wagte sich zu weit vor.‘ Nicht nur dies. ‚Die Fähigkeit zu Analyse ... vermochte sich in der Nische kaum zu entwickeln. Die Wochenpost war reich an Anschauung, aber arm an Begriffen.‘ Dennoch wird bescheinigt: ‚Die Wochenpost ließ sich nie ganz zum kruden Propagandaorgan degradieren. Ein Widerstandsblatt war sie freilich auch nicht, davon zeugt ein Vaterländischer Verdienstorden in Gold, verliehen 1978 an die Redaktion.‘
Was also war die Wochenpost? War sie eine Nische für Redakteure wie für Leser? War sie als tückisches Werkzeug des ZK der SED für eine allgemeine Gehirnwäsche gedacht?
Von Anfang 1954 bis Ende 1991 habe ich in der Redaktion gearbeitet ... Als ich kam, war ich mit 22 Jahren der jüngste Mitarbeiter der Redaktion. Als ich ging, stand ich kurz vor der Rente. Die Wochenpost, das ist der größte Teil meines Berufslebens. Ein Blick in ihre Geschichte ist also ein Blick auf mein Leben. Soll ich voll Nostalgie zurückschauen oder im Zorn? Ich werde versuchen, weder in das eine noch das andere Extrem zu verfallen.“
Klaus Polkehn starb am 12. Januar 2008 in Berlin
(huw)