Wolfgang Purtscheller

Der österreichische Journalist, Publizist und Antifaschist Wolfgang Purtscheller kämpfte ab den 80er Jahren engagiert gegen den in seinem Land aufkommenden Rechtsextremismus und recherchierte über dessen Querverbindungen zu den im Parlament vertretenen Parteien – wie der FPÖ.

Wolfgang Purtscheller wurde am 11. September 1955 in Tirol geboren. Mitte der 1970er Jahre kam er nach Wien, schloss sich dort zunächst der Hausbesetzerszene an und begann, unter einem Pseudonym politische Analysen zu erstellen. In seinen gut recherchierten Enthüllungs-Reportagen verdeutlichte er zum Beispiel die Querverbindungen von außerparlamentarischen Neonazis und Burschenschaftlern zur FPÖ Freiheitliche Partei Österreichs und ihrem damaligen Vorsitzenden. Solche und andere Berichte veröffentlichte er im Der Standard, in Falter, profil oder in News. Für das ZDF produzierte er die Dokumentation „Das braune Netzwerk“.

Als Grundlage für seine Veröffentlichungen nutzte er zumeist Originaldokumente rechtsextremer Organisationen, mit denen er dann auch das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands DÖW versorgte.

Seine Recherchen halfen damals maßgeblich bei der Aufdeckung und Zerschlagung der „Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition VAPO“ in Österreich und trugen zur Inhaftierung ihres Führungskaders bei. Besagte VAPO hatte Anfang der 1990er Jahre damit begonnen, auch in den Neuen Bundesländern Neonazis zu unterstützen – damals zumeist noch unerfahrene und nicht organisierte Rechtsextreme aus der ehemaligen DDR. Diese versuchte die VAPO nun an sich zu binden. Gerade im Osten Deutschlands hatte der rechte Straßenterror in den Jahren nach der Wiedervereinigung mehr als hundert Menschenleben gefordert.

Durch den Briefbombenterror einer „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ Mitte der 1990er Jahre verlor der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk zwei Finger. Ein Bombenterror, der sich auch gegen deutsche Kommunalpolitiker richtete.

Als Purtscheller gegen die Festnahme eines afrikanischen Migranten intervenierte, wurde er von Polizisten festgenommen und dabei schwer verletzt. Man rückte ihn nun selber in die Richtung einer Terrorszene, angeblich wegen des Worts „Sprengstoff“, welches sie in seinen Notizen festgestellt hatten, oder wegen der Namen einiger von ihm eruierter Neonazis. Vor allem aber wohl, weil er auch über Neonazi-Strukturen in der Polizei recherchiert hatte.

Jörg Haider/FPÖ versuchte sogar, ihn mit linksradikalen Anschlägen in Verbindung zu bringen und inszenierte gegen ihn ein wahres Kesseltreiben – obwohl sich solche Anschuldigungen bald als völlig haltlos erwiesen.

Durch seine Recherche-Arbeit und durch seine Sachbücher zu diesen Themen war er immer mehr ins Visier der Rechtsextremisten geraten. 1995 wurde in Ried/Innkreis ein Mann ermordet, der Purtscheller sehr ähnlichsah – gerade an jenem Tag hatte der einen Vortrag in der Stadt gehalten. So kam die Vermutung auf, der Anschlag könnte ihm gegolten haben. Was ihn sicherheitshalber zu einem vorübergehenden Exil in Mexiko veranlasste, nachdem auch die VAPO-Spitze wieder aus dem Gefängnis entlassen worden war und begonnen hatte, sich zu reorganisieren. Nach seiner Rückkehr setzte er seine Ermittlungen und Kämpfe zwar fort, nun allerdings an weniger exponierter Stelle.

In der Silvesternacht zum Jahr 2016 war Purtscheller gegen 1h00 nach dem Besuch eines Festes in Ottakring bewusstlos auf der Straße aufgefunden worden. Er wurde reanimiert, dann ins Wiener Spital eingeliefert und in einen Tiefschlaf versetzt. Anfangs kam der Verdacht auf, sein Tod könnte durch Fremdverschulden ausgelöst worden sein. Aber sowohl Zeugen, die seinen Zusammenbruch und den Sturz auf den Gehsteig beobachtet und den Notarzt gerufen hatten, wie auch eine von der Staatsanwaltschaft angeordnete Obduktion schlossen dies aus.

Wolfgang Purtscheller starb wenige Tage später am 6. Januar 2016 im Alter von 60 Jahren an Herzversagen.

 

Quellen

Martin Becker: In Gedenken an Wolfgang Purtscheller / Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.

Haiders Hetz-Offensive / taz am 5.5.1995

Extremismus-Experte als Bombenbauer Verdächtigt: Österreichs Rechte macht Jagd auf unbequemen Journalisten / Berliner Zeitung am 30.9.1997

FPÖ geniert sich für Nazi-Kontakte nicht mehr / Interview mit Purtscheller in Der Standard am 24.1 2009

Journalist und Autor Wolfgang Purtscheller gestorben / Der Standard am 6.1.2016

Wolfgang Purtscheller verstorben / ORF am 6.1.2016

Michael Bonvalot: Antifaschistischer Autor und Aktivist Wolfgang Purtscheller ist verstorben /  standpunkt.press am 7.1.2016

Florian Klenk: Die Justiz klärt den mysteriösen Tod von Wolfgang Purtscheller / Falter am 13.1.2016

Purtscheller-Tod offenbar kein Fremdverschulden / ORF am 15.1.2016

Florian Klenk: Der Tod von Wolfgang Purtscheller ist geklärt. Kein Fremdverschulden / Falter am 20.1.2016

 

Bücher + Schriften

Wolfgang Purtscheller: Aufbruch der Völkischen – Das braune Netzwerk / Picus Verlag 1993

Wolfgang Purtscheller: Die Ordnung, die sie meinen. Neue Rechte in Österreich / Picus Verlag 1994

Wolfgang Purtscheller: Die Rechte in Bewegung – Seilschaften und Vernetzungen der ‚Neuen Rechten‘ / Picus Verlag 1995

Wolfgang Purtscheller: Delikt Antifaschismus / Briefbombenterror in Österreich und Kriminalisierungskampagnen von rechts / Elefanten Press Berlin, 1998