Larissa Reissner

Larissa Reissner, russische Schriftstellerin, Reporterin und revolutionäre Aktivistin mit deutschen Wurzeln, schrieb ihre meist tagesaktuellen Berichte in russischer Sprache oder auf deutsch, ihrer zweiten Muttersprache. Ihre Themen waren vor allem die Folgen des Ersten Weltkriegs: 1917 etwa die Arbeiteraufstände in Russland während der Februarrevolution und dann die folgende Oktoberrevolution. In den Jahren 1923/24 berichtete sie über die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Deutschland und schrieb viel beachtete Reportagen über die Weimarer Republik.

Larisa Michajlovna Rejsner wurde am 1. Mai 1895 in Lublin geboren – im damaligen Kongresspolen, dem früheren Königreich Polen und zu derZeit im Besitz des russischen Zarenreichs. Die Tochter des deutschstämmigen Juraprofessors Michail Reissner und ihrer aus Polen stammenden Mutter Ekaterina besuchte von 1903 bis 1907 eine Schule in Berlin-Zehlendorf, damals Auslandsexil ihrer Familie. Durch ihren Vater lernte sie schon als Kind linke Politiker wie August Bebel, Karl Liebknecht oder Lenin kennen. Sie studierte in Frankreich und Deutschland.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gaben Larissa und ihr Vater in Russland die antimilitaristische und satirische Zeitschrift Rudin heraus. Darin veröffentlichte Larissa Reissner scharfzüngige Essays im Feuilleton, aber auch Gedichte. Als Mitherausgeberin versuchte sie, vor allem jungen Autoren Mut zu machen. Auf Grund von Geldmangel musste Rudin allerdings 1916 schon wieder eingestellt werden.

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Larissa Reissner arbeitete von da an für Maxim Gorkis monatliche Literaturzeitschrift Letopis in Petersburg. Und nach der russischen Februarrevolution Anfang 1917 für die ebenfalls von Gorki gegründete linkssozialistische menschewistische Tageszeitung Nowaja Schisn (Neues Leben). Dieses Blatt beschäftigte sich vor allem mit den Folgen des Ersten Weltkriegs, mit dem nach der Abdankung von Zar Nikolaus II. entstandenen Machtvakuum. Nowaja Schisn berichtete über die Hungersnöte in Russland und die Massendemonstrationen in großen Städten wie St. Petersburg gegen die herrschenden Arbeitsbedingungen. Themen waren auch all die Juden-Pogrome, Plünderungen und Lynchjustiz im anarchistischen Chaos der Nach-Zaren-Zeit. Larissa Reissner schrieb darin über den Bürgerkrieg und den sozialistischen Aufbau in der jungen Sowjetunion.

Ab 1917 hatte sie sich aktiv an der Oktoberrevolution der Bolschewisten beteiligt und sich später als Mitglied der Kommunistischen Internationale für eine weltweite Revolution eingesetzt. Ihr Chef war der Volkskommissar für das Kriegswesen Leo Trotzki. Der beschrieb Larissa Reissner so: „Diese wunderschöne junge Frau hat viele geblendet und ist wie ein heißer Meteor über den Himmel der Revolution gefegt. Sie hatte das Äußere einer olympischen Göttin, einen feinen, ironischen Geist und den Mut eines Kriegers."

Ihr Kollege Joseph Roth sah das später ähnlich – in seinem Nachwort zur Buchausgabe von „Die Frau von den Barrikaden“ (heute mit dem Titel 1924 neu aufgelegt) beschreibt er ihren kurzen Lebenslauf: „Sie ging an die Rote Front, war im Dienst der Revolution Soldat, Spion, Kundschafter, Redner, Kommissar, Journalist, Leitartikler und Berichterstatter, Kommandeur, sie ritt, marschierte, schoss, verurteilte, schlich sich hinter den Rücken des Feindes, wurde erkannt, floh, kehrte zurück, hungerte, fror, erkrankte, gesundete, tröstete Kranke, sah Kameraden sterben, begrub Tote, liebte, siegte im großen Sieg der Revolution, kehrte heim, ging mit ihrem Mann nach Afghanistan, schrieb darüber, kam nach Deutschland und schrieb darüber.“

Ihre Reportagen aus Russland und Afghanistan, über Berlin im Oktober 1923 und den Hamburger Arbeiteraufstand sowie ihre Berichte über ihre Reise durch die Deutsche Republik – all diese Beschreibungen sind wieder zugänglich, in dem Buch „1924“. Und Teile daraus sind auch im Projekt Gutenberg zu lesen.

Kurt Tucholsky urteilte im Februar 1927 über diese Berichte von Larissa Reissner: „Wir haben so viel alte Weiber unter den Journalisten – eine so kluge, eine so kräftige war noch nicht dabei. Ihre ausgewählten Schriften liegen nun unter dem Titel ‚Oktober‘ im Neuen Deutschen Verlag zu Berlin vor.“ Der Verkauf dieses Reportagebuchs wurde damals allerdings von der Reichsregierung nach wenigen Monaten 1927 verboten.

Larissa Reissner hatte sich in Afghanistan mit Malaria infiziert und litt seither immer wieder unter Fieberschüben. 1925 machte sie in der Wiesbadener Klinik am Neroberg darum noch eine Erholungskur. Dennoch blieb sie gesundheitlich so geschwächt, dass sie an Typhus erkrankte und am 9. Februar 1926 im Alter von nur 30 Jahren in Moskau verstarb.

(hhb)

 

Quellen:

Kurt Tucholsky als Ignaz Wrobel: Larissa Reissner / Die Weltbühne Nr. 8 - 22.2.1927

Larissa Reissner / Projekt Gutenberg.de

Stimmen von 1917 – Kein Schlaf, kein Erwachen / SZ vom 6.2.2017

Katharina Anetzberger: Larissa Reissner / Linkswende jetzt 6.6.2018

 

Bücher:

Larissa Reissner: Oktober / Neuer Deutscher Verlag von Willi Münzenberg / 1926

Larissa Reissner: 1924 – Eine Reise durch die Deutsche Republik / Neuauflage Rowohlt

Steffen Kopetzky: Damenopfer – eine Romanbiographie über Larissa Reissner / Rowohlt