Fritz Sänger

Der deutsche Journalist und Politiker Fritz Sänger sammelte und archivierte alle täglichen Anweisungen zur Gleichschaltung der Presse – trotz der Befehle vom Propagandaministerium, sie sofort nach deren Umsetzung zu vernichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von 1947 bis 1955 Geschäftsführer und Chefredakteur der neu gegründeten Deutschen Presseagentur dpa. Später gehörte er zu den Mitautoren des Godesberger Programms der SPD.

Fritz Sänger wurde am 24. Dezember 1901 in Stettin als Sohn eines Exportkaufmanns geboren. Sein Vater starb allerdings bereits 1908, darum musste seine Mutter ihre drei Kinder mühsam über die Runden bringen. Sänger besuchte die Mittelschule in Stettin – für den Besuch einer höheren Schule fehlte das Geld – und machte im Kriegswinter 1918 das Freiwilligen-Examen, was ihn zum Besuch eines Lehrerseminars berechtigte. Er besuchte das Seminar in Pyritz, holte dort das Abitur nach und bestand 1921 die Prüfung als Volksschullehrer.

Doch da hatte er sich bereits entschieden, lieber Journalist zu werden. Also besuchte er noch die Deutsche Hochschule für Politik und volontierte von 1921 bis Ende 1922 beim Generalanzeiger für Stettin und Pommern. Schon während seiner Zeit im Lehrerseminar hatte er eine Zeitschrift für angehende Lehrer geleitet – Der Ruf. Wegen seines Engagements wurde er im Dezember 1922 als Abgesandter des Preußischen Lehrervereins nach Berlin zum Deutschen Beamtenbund geschickt. Dort arbeitete er ab 1927 als leitender Redakteur bei der Preußischen Lehrerzeitung und wurde Geschäftsführer des Preußischen Lehrervereins, bis man ihm nach der NS-Machtergreifung am 18. April 1933 aus politischen Gründen kündigte.

Damals begannen für ihn schwere Zeiten. Ab 1935 schlug er sich als Stenograf beim DNB durch, dem Deutschen Nachrichtenbüro. Auch da wurde ihm wegen seiner SPD-Mitgliedschaft gekündigt, doch die Frankfurter Zeitung beschäftigte ihn in ihrer Berliner Redaktion. Für die Frankfurter Zeitung musste er an den Reichspressekonferenzen teilnehmen und deren Anweisungen entgegennehmen oder stenografisch festhalten. Entgegen der Vorschrift, alle diese Presseanweisungen des Propagandaministeriums zur Gleichgeschaltung der Presse, wie befohlen sofort nach ihrer Umsetzung zu vernichten, sammelte er sie. Dokumente und stenografische Aufzeichnungen, die ein Freund von ihm bis Kriegsende im Gifhorner Moor versteckte. Dadurch existiert eine umfassende Dokumentation von diesen Weisungen des Schreckens. Sie zeigt auf, wie Goebbels immer wieder versucht hat, nicht nur die im Ausland angesehene Frankfurter Zeitung in seine Propaganda-Maschinerie einzubinden – oft allerdings ohne Erfolg, weil gerade die Frankfurter Zeitung sich bis zuletzt einen schmalen Spielraum des Weglassens oder „Nicht-Lügens“ erhalten hatte. Diese „Sammlung Sänger“ ist im Bundesarchiv und im Institut für Zeitgeschichte zugänglich.

Ende August 1943 wurde auch die Frankfurter Zeitung geschlossen. Sänger fand vorübergehend ein Unterkommen als Mitarbeiter in der Berliner Redaktion des Neuen Wiener Tageblatts. Zu dieser Zeit war er schon mit einer Widerstandsgruppe aus sozialdemokratischen NS-Gegnern in Kontakt und konnte diese mit aktuellen Informationen über den Regierungs- und Propagandaapparat versorgen.

Nach Kriegsende hatte es ihn zunächst nach Gifhorn verschlagen, wo er im Landratsamt als Betreuer ehemals Verfolgter eingesetzt wurde. Da er von der britischen Besatzungsmacht als unbelastet eingestuft worden war, durfte er auch wieder als Journalist tätig werden. Im Oktober 1945 übernahm er die Chefredaktion der Braunschweiger Zeitung und war Mitinitiator des Sozialdemokratischen Pressedienstes in Hannover. Im Jahr darauf wurde er in den Niedersächsischen Landtag gewählt.

1947 wurde er Geschäftsführer und Chefredakteur des Deutschen Pressedienstes dpd in Hamburg und Chefredakteur bei dessen Nachfolger Deutsche Presseagentur dpa, bis er diesen Posten 1959 auf Betreiben von Bundeskanzler Adenauer räumen musste. Dem hatten schon Sängers Leitartikel in der Braunschweiger Zeitung nicht gefallen. Wie urteilte der Historiker Arnulf Baring später über Adenauers „Kanzler-Demokratie“: „Adenauer sah in der Presse keinen Partner, sondern ein Werkzeug. Sie war dazu da, seiner Politik zu dienen."

Von da an wurde Sänger publizistischer Berater des SPD-Vorstands und widmete seine ganze Kraft der Ausarbeitung des Godesberger Programms. 1961 war er Mitglied in der Zentralen Wahlkampfleitung für Willy Brandt. Danach wurde er für zwei Legislaturperioden Mitglied des Deutschen Bundestags und konzentrierte sich als Abgeordneter auf Fragen der Medienpolitik und des Presserechts.

Bis ins hohe Alter arbeitete er ehrenamtlich: als Mitglied des Deutschen Presserats oder im Rundfunkrat von NWDR/NDR und Deutschlandfunk. In der Humanistischen Union setzte er sich für die Durchsetzung der Menschenrechte ein und in der Stiftung 20. Juli 1944 für die Unterstützung von Hinterbliebenen des deutschen Widerstands, der nach Kriegsende von vielen Seiten noch immer diffamiert wurde.

Willy Brandt sagte über Fritz Sänger: „Er hat die Journalisten ermuntert, mutig zu schreiben, die Dinge beim Namen zu nennen, sich gegen Unrecht zu wehren, dem Übermut der Bürokraten und der Arroganz der Macht die Stirn zu bieten, für die Schwachen Partei zu ergreifen. Er hat den Journalisten vorgelebt, dass dieser Beruf wie kaum ein anderer Mut zum Risiko verlangt.“ Sicher einer der Gründe, dass die SPD zu Sängers 80zigsten Geburtstag den „Fritz-Sänger-Preis für mutigen Journalismus“ stiftete, der bis 1998 alle zwei Jahre verliehen wurde. Preisträger waren neben anderen Franca Magnani (1983), Peter Merseburger (1991) oder Susanne von Paczensky (1995).

Fritz Sänger starb am 30. Juli 1984 im Alter von 83 Jahren in München.

(hhb)

 

Quellen

Fritz Sänger / SPD Geschichtswerkstatt

Norbert Frei: Fritz Sänger / Deutsche Biographie

Sänger, Fritz: Pressepolitik im Dritten Reich / IfZ Institut für Zeitgeschichte

Fritz Sänger: Eidesstattliche Erklärung zu seiner Anwesenheit bei den Reichspressekonferenzen / am 16.10.1946

Fritz Sänger: Es waren die Besten aus allen Schichten und Lagern – seine Ansprache am 19. Juli 1963 in der Gedenkstätte Plötzensee

Fritz Sänger: Hitler-Tagebücher / Interview mit Fritz Sänger in Panorama 10.5.1983

War Fritz Sänger ein zweiter Höfer? /taz vom 8.4.1989

Ute Bertrand: Görings Jagdbesuch unterschlagen / taz vom 24.11.1989

Paul-Josef Raue: Gedanken zur Zeit Fritz Sänger / Braunschweiger Zeitung 27.10.2006

 

Bücher

Fritz Sänger: Politik der Täuschungen – Missbrauch der Presse im Dritten Reich / Europaverlag 1975

Fritz Sänger: Der Freiheit dienen - Kritische Kommentare zum Zeitgeschehen