Hans Sahl

Hans Sahl war zu Zeiten der Weimarer Republik ein bekannter Literatur-, Film- und Theaterkritiker sowie ein engagierter antifaschistischer Schriftsteller. Nach seiner Flucht aus Deutschland wurde er zu einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Exilliteratur und setzte sich sowohl mit Hitlers Terror-Regime wie auch mit dem Stalinismus kritisch auseinander.

Am 20. Mai 1902 wurde er als Hans Salomon in einer großbürgerlichen jüdischen Bankiersfamilie in Dresden geboren. Ab 1907 wuchs er in Berlin auf und studierte nach seiner Schulzeit im Wilhelm-Gymnasium und in der Leibniz-Oberrealschule dann in München, Berlin, Leipzig und Breslau Kunst- und Literaturgeschichte, Archäologie und Philosophie. Nach seiner Promotion in Breslau arbeitete er von 1926 bis 1932 als Journalist vor allem für die Feuilletons des Berliner Börsen-Courier, des Montag-Morgen oder der Neue Montags-Zeitung, und veröffentlichte als freier Mitarbeiter für andere, vor allem kommunistische und links-liberale Blätter Satiren und Glossen, teilweise unter Pseudonymen wie Peter Munk, Frans Floris oder Salpeter. Vor allem aber machte er sich als Kritiker einen Namen, ganz ähnlich wie damals Siegfried Kracauer. Aufsehen erregte zum Beispiel seine mehrteilige Serie „Die Klassiker der Leihbibliothek“, in der er nachwies, dass deren breite Leserschaft keinesfalls nur Klassiker wie Goethe, Schiller oder Heine lesen wollte, sondern vor allem auch Kolportage-Romane und völkischen Schund.

 

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Copyright: Horst Tappe/Süddeutsche Zeitung Photo

Nach Hitlers Machtübernahme emigrierte er im April 33 zunächst nach Prag und dann weiter nach Zürich, wo er aufgrund der Aufenthaltsbestimmungen aber nicht allzu lange bleiben konnte. Nach seiner Flucht schrieb er vor allem politische Artikel, für den Prager Mittag, Das Neue Tage-Buch oder den Aufbau in New York. In Zürich verfasste er Texte für das ebenfalls dorthin ausgewichene Kabarett „Die Pfeffermühle“ von Erika Mann und Therese Giehse. Die traten ab dem 30. September 1933 als Exil-Kabarett im Zürcher Hotel Hirschen auf.

Doch bald musste er weiterreisen, nach Paris, wo sich viele seiner Leidensgenossen ebenfalls im Exil befanden. Und wo er im Juli 1937 mit zwanzig anderen Autoren den Schriftstellerverband „Bund Freie Presse und Literatur“ gründete, der sich sowohl gegen den Stalinismus wie gegen den Nationalsozialismus wandte. Das geschah als Protest gegen die Ausgrenzung von Leopold Schwarzschild aus dem KPD-dominierten „SDS Schutzverband deutscher Schriftsteller im Ausland“, weil Schwarzschild zuvor die Moskauer Prozesse gegen hohe Funktionäre der KPdSU energisch kritisiert hatte. Sahl bezeichnete diese Entwicklung als sein „doppeltes Exil“, weil er sich dadurch auch von seinen früheren sozialistischen Gesinnungsfreunden getrennt sah.

Nach Kriegsbeginn 1939 wurde er, wie auch Walter Benjamin, Max Ernst oder Hermann Kesten, zunächst als unerwünschter Ausländer in verschiedene französische Internierungslager eingewiesen, etwa nach Nevers. 1940 aber konnte er nach Marseille fliehen und dort dem amerikanischen Journalisten Varian Mackey Fry dabei helfen, politisch Verfolgte zu retten. Frys Rettungswerk konnte immerhin rund 2.000 NS-Verfolgten zur Flucht verhelfen.

1941 gelang ihm dann selber via Portugal die Flucht in die USA. Im New Yorker Exil entstanden dann die meisten seiner schriftstellerischen Arbeiten und Übersetzungen von Werken amerikanischer Autoren wie Arthur Miller, Thornton Wilder oder Tennessee Williams. Auch dort setzte er sich weiter kritisch mit dem Stalinismus auseinander, besonders in Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Bertolt Brecht. Für Sahl gab es jede Menge Parallelen zwischen dem Stalinismus und dem Nationalsozialismus, vor allem „in der Einfrostung zwischenmenschlicher Beziehungen“, wie er es in seinem Buch „Das Exil im Exil“ beschreibt. Als er einmal einen direkten Vergleich zwischen Hitler und Stalin zog, schmiss ihn Brecht sogar aus seiner Wohnung.

Sahl beschreibt diese Szene so: „Hören Sie zu, dieses Gespräch macht mich nicht glücklich, verlassen Sie augenblicklich mein Zimmer für immer. Ich dulde nicht, dass in diesem Appartement, welches mir sehr behagt, jemand etwas Schlechtes sagt über den Mann im Kreml.“

1953 kehrte er nach Deutschland, in die Bundesrepublik zurück und schrieb mehrere Kolumnen für Der Monat. Darin beteiligte sich Sahl an den aktuellen Debatten über die Moderne – in der Literatur wie abstrakter Kunst. Denn ihn ärgerte der Provinzialismus in der jungen Bundesrepublik: „Man ist dort damit beschäftigt, die ,Moderne‘ nachzuholen. Man knüpft an, wo man 1933 aufhörte, und übersieht dabei gern, dass die Welt sich inzwischen weitergedreht hat. Ich sage das ohne Überheblichkeit.“ Natürlich setzte er sich auch für Hemingway, Miller, Wilder oder Williams ein.

Später arbeitete er als Kulturkorrespondent für die NZZ Neue Zürcher Zeitung, für Die Welt und Die Welt der Literatur sowie die Süddeutsche Zeitung. Dafür ging er vorübergehend wieder zurück in die USA, ehe er dann 1989 endgültig nach Deutschland zurückkam.

Nach Anschlägen der Neo-Nazis gegen Asylanten im Jahr 1992 beteiligte er sich an Dichter-Lesungen in Asylbewerber-Heimen, in seiner Funktion als Ehrenmitglied der sich dort engagierenden „Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft“.

Mit dem Großen Bundesverdienstkreuz war er schon 1982 ausgezeichnet worden. 1993, nur wenige Monate vor seinem Tod am 27. April 1993 in Tübingen, erhielt er den Lessing-Preis des Freistaats Sachsen.

Der 1992 von Schriftstellern aus Gesamtdeutschland gegründete Autorenkreis der Bundesrepublik verleiht seit 1995 einen Hans-Sahl-Preis für das Gesamtwerk parteipolitisch unabhängiger Autoren, die „für die Freiheit des Wortes eintreten und sich von Ideologie absetzen“.

(hhb)