Paul Scheffer

Paul Scheffer war als Star-Reporter des Berliner Tageblatts ein journalistischer Gegenpol zu dem in der Weimarer Zeit dominierenden Meinungsjournalismus. Als Auslandskorrespondent berichtete er lange Zeit aus der Sowjetunion, später dann aus dem Fernen Osten, aus Italien sowie aus den USA. Seine Artikel waren stets hervorragend recherchiert und brillant formuliert. Später als Chefredakteur des Tageblatts versuchte er, seiner Zeitung in der NS-Zeit eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren, doch Ende 1936 warf er endgültig das Handtuch.

Paul Scheffer wurde am 11. Oktober 1883 als Sohn einer großbürgerlichen Familie in Kaldau – heute Koldowo – in Pommern geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt und Abgeordneter im Preußischen Landtag, seine Mutter stammte aus der Düsseldorfer Bankiersfamilie Trinkaus. Die Familie des hohen Beamten war sehr mobil, darum besuchte Paul Scheffer verschiedene Gymnasien in Koblenz, Berlin und Düsseldorf. Nach dem Abitur studierte er in München, Marburg und Graz Philosophie. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er ein paar Monate als Praktikant an der deutschen Botschaft in London. Wegen seines Asthmaleidens musste er keinen Militärdienst leisten, konnte darum ab 1915 durch Vermittlung des deutschen Gesandten im Haag, Richard von Kühlmann, dort beim Informationsdienst der Gesandtschaft arbeiten. 1916 wurde er Korrespondent des Hollandsch Nieuwsbüro in Deutschland.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann er 1919 als Korrespondent des Berliner Tageblatts beim Rudolf Mosse Verlag und kehrte zunächst nach Den Haag zurück, um von dort über die Konferenz von Spa zu berichten. Damals ging es um Reparationsforderungen der Siegermächte an Deutschland und um dessen Entwaffnung.

Im November 1921 übersiedelte er nach Moskau, um die Leser des Tageblatts über die Entwicklungen in Sowjetrussland zu informieren. Aus der Sowjetunion berichtete er neun Jahre lang und entwickelte sich in dieser Zeit zu einem intimen Russlandkenner. Schnell gehörte er zu den Vertrauten des deutschen Botschafters Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau und wurde zum Befürworter der Rapollo-Politik Rathenaus. Aber auf Grund seiner kritischen Berichterstattung über den immer aggressiver um sich greifenden Stalinismus wurde ihm 1929 die Wiedereinreise verwehrt. Darum entsandte ihn Theodor Wolff nun als Korrespondent nach Washington und London.

1934 kehrte er im Urlaub nach Berlin zurück – da stand das Berliner Tageblatt bereits gehörig unter Druck. Unter der Knute eines SA-Kommissars mussten viele Leistungsträger die Redaktion verlassen; das einstige Welt-Blatt hatte nur noch etwa 30.000 Abonnenten. Sein früher weitreichendes Echo im Ausland war verblasst, politische Vorhaben Deutschlands fanden so kaum noch Widerhall. Theodor Wolff war bereits im März 1933 entlassen worden.

Also bot man nun dem weltgewandten Paul Scheffer die Chefredaktion an. Der sagte zu unter klaren Bedingungen: Aufbau einer Redaktion in seiner Entscheidung. Er holte sich junge, liberal denkende Journalisten wie Margret Boveri oder Karl Korn und reaktivierte mehrere erfahrene Redakteure.

In ihrem Buch „Sie lügen alle“ beschreibt Margret Boveri, wie Paul Scheffer aus Genf berichtete, als Hitler den Völkerbund herausforderte. Mit Artikeln in einer Weise geschrieben, die Hitlers Popularität sicher nicht vergrößern konnte, seine Politik aber immerhin dem Ausland zu erklären versuchte. Hitler wurde von Scheffer niemals als „Führer“ oder „Reichskanzler“ bezeichnet, sondern immer nur als „Herr Hitler“.

Scheffer durfte sogar Werner Finck fürs Sonntagsfeuilleton ins Blatt holen. Finck spöttelte am 16. August 1936, zum Ende der Olympischen Spiele in Berlin in seiner Kolumne, wie Leni Riefenstahl den Gewinn der Goldmedaillen durch den bei den Nazis unbeliebten Jesse Owens in ihrem Olympiafilm wohl festhalten würde: „Da sieht sie dann im Negativ, wie positiv der Neger lief.“ Jesse Owens gewann damals als erfolgreichster Athlet der Spiele vier Goldmedaillen – als farbiger Nicht-Arier sehr zum Ärger der Nazis.

Nach dem Ende der Olympischen Spiele kamen auf Paul Scheffler wieder ernstere Probleme zu. Aber selbst bei Pressekonferenzen ließ er sich nicht das Wort verbieten und verdeutlichte seine Meinung unerbittlich. Margret Boveri beschreibt dazu diesen Fall:

„Zu dem ersten richtigen großen Krach in der Pressekonferenz des Propagandaministeriums kam es, weil das Tageblatt in einem Leitartikel gesagt hatte, daß die Völker mit intakten Religionsgemeinschaften, wie es sie beispielsweise in Italien und England gebe, den anderen Nationen an seelischer Spannkraft überlegen seien. Deutschland hingegen fehle die reguläre Verbindlichkeit. Ingenieur Berndt, der Sprecher des Propagandaministers, schrie Scheffer an, ob er denn nicht wisse, daß Alfred Rosenberg den ‚Mythus des 20. Jahrhunderts‘ geschrieben habe, dessen erster Band schon erschienen und dessen zweiter im Kommen sei.

Zum Schrecken der Konferenzteilnehmer verbat sich Scheffer nicht nur diesen Ton der Belehrung, sondern setzte auch noch mit schneidender Ironie hinzu: ‚Im übrigen nehme ich zur Kenntnis, daß Deutschland jetzt eine Religion besitzt, von der der erste Band bereits erschienen ist.‘“

Bald darauf war dann allerdings Schluss mit lustig: Paul Scheffer musste Ende 1936 gehen. Gern wollte er nun Korrespondent der Frankfurter Zeitung in New York werden, doch man hatte ihm bereits seinen Pass entzogen. Aber Goebbels wollte letztlich nicht so ganz auf die Edelfeder verzichten. Er bot Scheffer die Rückgabe des Passes an, falls der für das Berliner Tageblatt aus New York berichte. Paul Scheffer sagte zu, denn nur so konnte er ausreisen. Mit seiner Frau bereiste er dann erst einmal zwei Jahre lang Süd-Ostasien, China und Japan.

Danach arbeitete er von New York aus für verschiedene deutsche Medien, u.a. für die Wochenzeitung Das Reich. Und schrieb das Buch „USA 1940. Roosevelt – Amerika im Entscheidungsjahr“. Darin beschrieb er die gewaltige Aufrüstung der USA, sicher auch als Warnung gedacht. Als Deutschland 1941 den USA dann doch den Krieg erklärte, sollten deutsche Journalisten und das Botschaftspersonal per Schiff nach Deutschland zurückgeschickt werden. Vor seiner Einschiffung brach sich Scheffer ein Hüftgelenk im Hafenhotel und wurde als nicht transportfähig erklärt. Anschließend behandelte man ihn wie einen Gefangenen und internierte ihn ab 1941 als „Enemy Alien“.

Alte Freunde halfen ihm später, den lange nicht und dann falsch behandelten Hüftbruch zu behandeln. Nach Kriegsende blieb er in den USA und berichtete gelegentlich wieder, nun aber aus den Hügeln von Vermont und an seinen Stuhl gefesselt.

Paul Scheffer starb am 20. Februar 1963 in White River Junction.

(hhb)