Paul Felix Schlesinger war in den 20er Jahren der Weimarer Republik der bekannteste Gerichtsreporter. Seine feuilletonistischen Reportagen veröffentlichte er regelmäßig in der Vossischen Zeitung unter dem Pseudonym Sling: einfühlsam und ohne jemanden dabei jemals seine Würde zu nehmen. So wurde Schlesinger zum Vorbild auch für spätere Gerichtsreporter wie Gerhard Mauz vom SPIEGEL oder Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Ferdinand von Schirach, Strafverteidiger und Bestseller-Autor für Justizliteratur, urteilte über Schlesinger: „Sling war der bedeutendste Gerichtsreporter dieser entfesselten Zeit. Er verstand den Strafprozess, weil er den Menschen verstand. Und er ließ ihm seine Würde.“
Geboren wurde Schlesinger am 11. Mai 1878 in Berlin. Nach der Schulzeit begann er zunächst eine kaufmännische Lehre in einer Wollwaren-Handlung. Wenn er dort zusammen mit dem Haudiener Justav Versandaufgaben zu erledigen hatte und ihnen danach noch Zeit blieb, gingen sie hinüber ins Kriminalgericht Moabit und verfolgten dort gespannt die Aburteilung so mancher Täter. Seine Lehre im Textilhandel brach Schlesinger vorzeitig ab, zog nach München, begann ein Studium und wurde vorübergehend Mitglied im politischen Kabarett „Die elf Scharfrichter“.
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Schlesinger schrieb Musikkritiken für die Schaubühne (die später in Weltbühne umbenannt wurde) und kleine literarische Texte unter anderem für den Simplicissimus. So wurde der Ullstein-Verlag auf ihn aufmerksam und schickte ihn 1911/12 als Korrespondent nach Paris und später in die Schweiz, wo er während des Ersten Weltkriegs das Berner Büro der Vossischen Zeitung leitete.
Nach Kriegsende kehrte Schlesinger zunächst nach München zurück, wurde vom Verlag bald nach Berlin beordert und erfand sich dort 1921 neu. Er erinnerte sich an seine Ausflüge mit dem Hausdiener Justav ins Kriminalgericht Moabit und begann, seine bis dato geschriebenen Berlin-Reportagen dorthin zu verlagern. Das war seine Geburt als Gerichtsreporter Sling.
Natürlich berichtete Sling auch über die großen Mordprozesse – besonders beeindruckend aber waren seine Schilderungen der vor Gericht verhandelten kleinen Alltagsdramen. Ehegeschichten einfacher Leute, die in Gewalt geendet hatten; Streitigkeiten, welche die Richter verzweifelt durch einen Vergleich zu lösen versuchten; Meineidsprozesse gegen offensichtlich überforderte Menschen, die sich zu Falschaussagen hatten hinreißen lassen, und ähnliches mehr.
Dabei prangerte er durchaus von ihm erkannte Schwächen so mancher Strafverfahren oder überzogene Strafmaße an. Was gelegentlich dazu führte, dass es zu Änderungen in der Gerichtspraxis oder zur Herabsetzung des Strafrahmens kam.
Paul Schlesinger zeigte Verständnis für die von ihm erkannten Schwächen und vermied billige Gerichtsschelte. Aber er hatte Zweifel an der gängigen Vorstellung, man könne eine Besserung von Tätern allein durch Strafurteile erreichen. 1926 schrieb er in der Vossischen Zeitung:
„Eine Weile hat man sich vorgestellt, der Mensch könnte die Gelegenheit benutzen, sich im Gefängnis zu bessern. Man hat aber die Erfahrung gemacht, dass von dieser Gelegenheit höchst selten Gebrauch gemacht wird, dass der Mensch vielmehr in den meisten Fällen völlig verdorben zur Menschheit zurückkehrt.“
Er glaubte an eine generelle aber fehlgeleitete Unschuld bei vielen Tätern: „Nutzlosigkeit der Strafe (im Sinne der Besserung) und die Unschuld des Menschen gäben uns ja eigentlich Veranlassung, dieses Strafgesetzbuch zu zerreißen; aber wir tun es nicht, denn noch blieb ein Strafzweck übrig: die Abschreckung. Seitdem strafen wir Unschuldige, um andere Unschuldige von der Explosion abzuschrecken.“
So kam er zu dem Ruf, das Gewissen von Moabit zu sein. Der damalige Justizminister der Regierung Stresemann, Rechtsprofessor Gustav Radbruch, urteilte über Paul Schlesinger: „Er hat uns unzählige verständnisvoll nachgefühlte und menschlich durchlebte Bilder aus dem Gerichtssaal geschenkt, von Lichtern gütig lächelnden Spottes überspielt, getragen von dem stillen Wissen um die Fehlsamkeit alles Menschlichen.“
1927 war Paul Schlesinger auch an der Dokumentation eines wichtigen Werks über die deutsche Verlagsgeschichte beteiligt: Für das Jubiläumsbuch Fünfzig Jahre Ullstein verfasste er den Beitrag Der Geist des Hauses/Betrachtungen eines Unverantwortlichen und beschreibt darin den Geist und das Selbstverständnis dieses bedeutenden deutschen Verlagshauses. Augenzwinkernd porträtierte er den Verlag, für den er arbeitete, den er liebte und respektierte – hier ein Auszug:
„Es ist ein großes Industriehaus, mit festen, strengen, ernsten kaufmännischen Grundsätzen, mit Erfahrungen, Statistiken und mit der Bürokratie, die auch dazu gehört. Aber das, was hergestellt wird, ist nicht Stiefelwichse, nicht Benzol, ist Unterhaltungsstoff für Millionen, zuweilen dauerhaft und schwer, dann wieder leicht, flüchtig. In diesem Haus wird geistig gekämpft, nicht nur nach außen hin, mit der Front gegen anders Gerichtete. Aber der Kampf gegen außen und innen ist nicht diktiert von einem egoistischen Haß. Dahinter steckt die Liebe zu einer Sache.
Über eines sind wir uns einig: über das Unterhaltliche. Vom Chef bis zur letzten Botenfrau ... Wir wissen, es gibt Schweres, Unlösbares. Aber wir glauben, das Schwere kann in eine verständliche Form gebracht werden. Ein Witz kann tiefer leuchten als die gelehrteste Abhandlung. Wir gucken alle nach der einen plötzlichen, blitzartigen Erhellung. Das macht unsere Arbeit lustvoll, lustig.
Wir sind alle sehr sachlich, müssen es sein. Denn wir fühlen sehr wohl: das Haus ist zu groß, um sentimental zu sein. Und es wird immer größer. Nur die Leistung kann den einzelnen halten. Und er muß jeden Tag leisten! Jeder muß an seiner Stelle produktiv sein ... Deshalb sind wir sachlich. Mittel des Gemütes wenden wir wenig an. Nur eines: den Witz. Also sind wir sachlich mit Heiterkeit.“
Paul Felix Schlesinger starb kurz darauf nach seinem 50. Geburtstag am 22. Mai 1928 an einem Herzinfarkt. Er wurde auf dem Stahnsdorfer Friedhof zu Berlin begraben.
Eine Auswahl seiner zwischen 1921 und 1928 veröffentlichten Reportagen wurden nach seinem Tod von Robert M.W. Kempner herausgegeben. Von Kempner, der später US-Ankläger im Nürnberger Prozess war.
(hhb)
Im Lilienfeld Verlag erschienen unter dem Titel "Der Mensch, der schießt" Paul Schlesingers Berichte aus dem Gerichtssaal