Ernst Schnabel war freier Schriftsteller und gehörte als Journalist zu den Radio-Pionieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg half er, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach englischem Vorbild aufzubauen und schuf im Laufe der Jahre immer wieder neuartige Radioformate.
Geboren wurde er am 26. September 1913 als Sohn eines Kaufmanns in Zittau. Schnabel besuchte die 1543 gegründete Fürstliche Landesschule Sankt Afra in Meißen, ein Gymnasium für Hoch- und Mehrfachbegabte, ähnlich wie die ebenfalls vom Herzog Moritz von Sachsen im gleichen Jahr gegründete Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt. Die Schule verließ er allerdings 1930 vorzeitig, um in der Zeit von 1931 bis 1936 auch als Seemann die Welt zu bereisen. Danach arbeitete er als Dramaturg am Zittauer Theater und machte erste literarische Versuche. So veröffentlichte er 1939 “Die Reise nach Savannah“. Am Zweiten Weltkrieg nahm er als Marineoffizier in einem Geleitboot teil, schrieb aber weiter Prosa und veröffentlichte 1941 seinen zweiten Roman „Nachtwind“.
Copyright: NDR
Nach Kriegsende verfasste er zunächst Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, schrieb Hörspiele und zusammen mit Helmut Käutner ein Drehbuch. Im November 1946 begann er seine Radio-Karriere als Chefdramaturg beim NWDR. Ein großes Echo erhielt sein 1947 gesendetes Hörspiel „Der 29. Januar“ über den Kältewinter 1946/47 in Hamburgs Trümmerlandschaft. Ab November 1948 wurde er als Nachfolger Peter von Zahns Leiter der gesamten „Gruppe Wort“ des Senders. 1949/50 war er zwischenzeitlich Korrespondent beim BBC in London.
Zurück in Hamburg startete er am 7. März 1951 als erster Deutscher nach Kriegsende von München-Riem aus zu einem Flug in PanAm-Clippern rund um die Erde. Den hatte er drei Monate lang intensiv vorbereitet, erst dann waren alle behördlichen Formalitäten beisammen. Und er war gegen 99 Krankheiten geimpft, sogar gegen die Pest. Seine Reise führte Ernst Schnabel nach Beirut, Kalkutta, Hongkong, Tokio, auf eine US-Basis im Stillen Ozean, nach Honolulu, San Francisco, Chicago und New York. Nach neun Tagen landete er wieder in Hamburg und präsentierte seinen Hörern vier Wochen später ein fast dreistündiges Radio-Feature als „Interview mit einem Stern“. Keine übliche Reportage, mehr ein literarisches Hör-Epos.
Von 1951 bis 1955 war Schnabel Intendant des NWDR-Funkhauses in Hamburg. Aber auch als Chef machte er dort weiter Radio, wie man es bis dato noch nie gehört hatte – experimentierfreudig, literarisch, innovativ. Mit dokumentarischen Berichten, Reportagen, Kultur-Features und Hörspielen. Und gewann junge Literaten wie Heinrich Böll oder Günter Eich als Autoren für diese neuartigen Radioformate. Als Funk-Autor selber lebte er nach der Devise: „Ich mache eigentlich nur Sachen, vor denen ich Schiss habe – die anderen sind ja langweilig."
Im Januar 1955 hätte eigentlich der lange erwartete bundesdeutsche Langwellensender starten sollen, aus Hamburg-Billwerder und mit Ernst Schnabel als Leiter. So hatte es die Arbeitsgemeinschaft Westdeutscher Rundfunkanstalten damals vorgeschlagen. Nur aber hatte das Bundeskanzleramt schwerwiegende Bedenken gegen Schnabel: er sei ein Mann von zu großem Eifer und zu geringer politischer Zuverlässigkeit, meinte man in Bonn. Fritz Sänger, damals Vertreter des Journalistenverbands im NWDR-Hauptausschuss, fragte nach und erhielt die Auskunft, „Schnabel sei ein teilweiser Gegner der Regierungspolitik und daher für die Regierung Adenauer unerwünscht“. So der Versuch aus dem Kanzleramt, einen nichtkonformistischen Journalisten auszuschalten? Krasser formuliert: Man versuchte, unabhängige Publizistik schon wieder auf gewünschte Weise gleichzuschalten. Ähnlich wie es später Konrad Adenauer mit seinem „Deutschland-Fernsehen“ versuchte, das vom Bundesverfassungsgericht gestoppt wurde. Langwellenintendant wurde dann folgerichtig der Herausgeber der regierungseigenen „Deutschen Korrespondenz“ Dr. Karl Willi Beer, der schon während des 2. Weltkrieges Kommentare über die Reichssender gesprochen hatte.
Ernst Schnabel zog die Konsequenzen und verließ den NWDR. Zunächst arbeitete er als freier Schriftsteller. 1958 erschien sein Buch „Anne Frank. Spur eines Kindes“. Aber er kehrte dann doch wieder zu seiner großen Liebe Hörfunk zurück und wurde von 1962 bis 1965 Mitarbeiter für die Kultur-Sendungen in den Dritten Radioprogrammen von NDR, Radio Bremen und SFB. Und ab 1965 leitete er die „Literarische Illustrierte“ im Dritten Fernsehprogramm des SFB.
1967/68 hatte Ernst Schnabel das Libretto für Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ verfasst. Dieses Werk hatten Henze und Schnabel Che Guevara gewidmet, damals eine Art Leitfigur für den Freiheitskampf in aller Welt. Guevara war im Jahr 1967 vom bolivianischen Herrschaftssystem umgebracht worden. Das Oratorium sollte am 9. Dezember 1968 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle uraufgeführt und live im NDR-Radio übertragen werden. Bei dieser Uraufführung kam es zu einer Demonstration des SDS gegen das angeblich allein bürgerliche Premierenpublikum – und zu Tumulten, weil die Studenten die Bühne mit Fahnen und Transparenten drapiert hatten. Dagegen ging die Polizei mit großer Gewalt vor. Schnabel wollte deeskalieren und stellte sich schützend vor die studentischen Demonstranten in der Halle. Er wurde daraufhin von Polizisten in eine Glastür gestoßen, dabei verletzt und anschließend bis Mitternacht in einer Einzelzelle in Gewahrsam gebracht – wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und versuchter Gefangenenbefreiung. Danach wurde Henze von deutschen Opernhäusern, Rundfunksendern und Konzertveranstaltern jahrelang boykottiert.
Für Schnabel hatte der Vorfall noch weitere Folgen. Franz Barsig, zuvor Pressesprecher des SPD-Parteivorstandes, war 1968 Intendant beim SFB geworden und dort durch rabiates Aufräumen besonders unter den Kultursendungen aufgefallen. Dabei hatte sich Barsig in seiner Antrittsrede „als Förderer der engagierten Meinung“ präsentiert. Als jedoch Ernst Schnabel in seiner „Literarischen Illustrierten“ – damals das kulturelle Paradestück im gemeinsamen Norddeutschen Dritten Programm – eine Diskussion mit Studenten unter der Leitung von Prof. Kogon anregte, lehnte Barsig ab. Kogon sei zu einseitig festgelegt, so der angebliche Meinungsförderer Barsig. Als ein Kommentar dazu in der Sendung ausgestrahlt wurde, warf Barsig, gerade einmal 14 Tage im Amt, Schnabel Illoyalität vor und kündigte eine Änderung seines Status an. Soweit zum Thema „innere Redaktionsfreiheit“! Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist schließlich kein PR-Instrument für die Regierenden! Schnabel legte daraufhin von sich aus die Arbeit im Mai 1970 nieder. Dem schlossen sich damals 99 Publizisten an, die bis dato für den SFB gearbeitet hatten; auch sie waren mit dem Führungsstil von Barsig nicht einverstanden.
Von da an wurde es still um Ernst Schnabel. Er hatte sich total zurückgezogen und starb am 25. Januar 1986 in Berlin. Dazu aus Marcel Reich-Ranickis Nachruf am 27.1. in der FAZ: „Seit bald fünfzehn Jahren hörte man nichts mehr von Ernst Schnabel. Er, der einst zu den Aktivsten gehörte, war (im wörtlichen und übertragenen Sinne) gelähmt. Er starb, wie er zuletzt gelebt hat: einsam.“
(hhb)
Quellen:
Das Hörspiel Interview mit einem Stern auf Deutschlandfunk Kultur
Ein Artikel zur Besetzung des bundesdeutschen Langwellensenders erschien im SPIEGEL vom 5.1.1955 Ominöses Schweigen
Mehr Einzelheiten über einen der spektakulärsten Skandale der Musikgeschichte bei wikipedia
Ein Interview mit Ernst Schnabel für den NDR zum Uraufführungsskandal