Die Schweizer Schriftstellerin, Reisejournalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach belieferte in den 20er und 30er Jahren Schweizer Zeitungen und Zeitschriften mit kritischen Reportagen aus aller Welt, schrieb viel beachtete Romane und engagierte sich ab 1933 im Widerstand gegen das NS-Regime in Deutschland.
Sie wurde am 23. Mai 1908 in Zürich als Tochter eines der reichsten Industriellen des Landes geboren. Ihr Vater Alfred Emil Schwarzenbach war einer der größten Seidenfabrikanten der Welt. Ihre Mutter Renée war die Tochter des Schweizer Generals Ulrich Wille. Annemarie Schwarzenbach wuchs in der Seegemeinde Horgen auf dem Landgut Bocken der erzkonservativen Familie auf. Schule und Geschichtsstudium in Paris und Zürich absolvierte sie mit Glanz und promovierte 1931 mit nur 23 Jahren über die „Geschichte des Oberengadins im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit“. Nebenbei veröffentlichte sie erste Artikel und literarische Texte. Ihr Roman „Freunde um Bernhard“ wurde von der Kritik positiv aufgenommen.
Annemarie Schwarzenbach knüpfte Kontakte zu Klaus und Erika Mann in München, deren antifaschistischen Projekte sie finanziell unterstützte, etwa deren Exil Literaturzeitung Die Sammlung. Wegen ihrer politischen Orientierung kam es zum erbitterten Streit vor allem mit ihrer Mutter, die wie andere Familienmitglieder mit der völkischen „Schweizer Front“ sympathisierte. Zu Annemarie Schwarzenbachs Freundeskreis gehörten dagegen zahlreiche jüdische und politische Emigranten aus Deutschland.
Copyright: Von Anita Forrer - Original Fotografie im Swiss Literary Archives (SLA). Online sources: Helvetica Archives; Strange Flowers (WordPress) & Self portraits of the world, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38557529
Ihre erste Reportagereise für Schweizer Zeitungen unternahm sie 1933 mit der Fotografin Marianne Breslauer nach Spanien. Anschließend reiste sie nach Persien, dessen „tödliche Größe“ sie faszinierte. Sie berichtete aus Skandinavien, bereiste die Sowjetunion und mehrfach die USA. In ihren Fotoreportagen dokumentierte sie unter anderen die schrecklichen Lebensbedingungen der schwarzen Textilarbeiterinnen.
1935 war sie erneut in Persien. Dort lernte sie den französischen Diplomaten Claude-Achille Clarac kennen und heiratete ihn, obwohl er homosexuell und sie selbst lesbisch war. Sie lebte einige Zeit in Teheran und geriet bei einem Ferienaufenthalt am Fuße des höchsten Bergs Persiens, Demawand, in eine existenzielle Lebenskrise, die sie später in ihrem hochgelobten Roman „Das glückliche Tal“ literarisch verarbeitete. Darin schilderte sie auch die Gefahren des Rauschgifts Morphin, mit dem sie bei den Geschwistern Mann in Kontakt gekommen war und das sie süchtig gemacht hatte.
1937 war sie wieder in Moskau, wo sie den Tod des Schweizer Bergsteigers Lorenz Saladin recherchierte, der ein Jahr zuvor bei einer Expedition auf den 7010 Meter hohen Khan Tengri ums Leben gekommen war.
Gemeinsam mit der Ethnologin Ella Maillart fuhr sie im Juni 1939 in einem luxuriösen Achtzylinder Ford über Istanbul, Trabzon und Teheran nach Afghanistan, wo sie den Ausbruch des 2. Weltkriegs erlebte. In Kabul erkrankte sie für mehrere Wochen und übersiedelte 1940 in die USA, wo sie journalistisch tätig war und für die Flüchtlings- und Kriegsopfer-Hilfsorganisation „Emergency Rescue Committee“ arbeitete. Sie traf auch wieder mit Erika und Klaus Mann zusammen und lernte die Schriftstellerin Carson McCullers kennen. Daraus entwickelte sich eine leidenschaftliche Beziehung, die McCullers in ihrer Erzählung „A Tree. A Rock. A Cloud“ beschrieben hat.
Der Aufenthalt in Amerika endete für Annemarie Schwarzenbach bitter. Nach einem Streit mit einer Freundin wurde sie im November 1940 zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ihr Bruder konnte sie dort zwei Monate später nur unter der Bedingung herausholen, dass sie die USA sofort verlasse.
Von der Schweiz aus brach sie im April 1941 zu ihrer letzten Reportagereise auf, über Spanien und Portugal kam sie bis in den Kongo, wo sie für etliche Schweizer Zeitungen schrieb. An Malaria erkrankt kehrte sie im Juli 1942 in die Schweiz zurück. Im Herbst wollte sie erneut nach Portugal, um als Iberien-Korrespondentin für die Weltwoche zu arbeiten. Daraus wurde nichts, denn am 7. September stürzte sie bei einer Fahrradtour im Engadin und erlag am 15. November ihren schweren Kopfverletzungen.
Der Nachlass von Annemarie Schwarzenbach wird im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt. 2017 hat die Schweizerische Nationalbibliothek aus dem Bestand mehr als 3.000 Fotografien digitalisiert und online gestellt. (ms)
Quellen
Annemarie Schwarzenbach auf der Literaturlandkarte
Google Buchsuche: Annemarie Schwarzenbach
Internet Movie Database: Annemarie Schwarzenbach. Une Suisse rebelle (2000). Dokumentarfilm
Internet Movie Database: Die Reise nach Kafiristan (2001). Spielfilm über die Reise von Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart nach Afghanistan
Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Schwarzenbach, Annemarie, 1908-1942
Linsmayer, Charles: Annemarie Schwarzenbach. Zusammenstellung von Informationen zu Leben und Werk
Stadtverwaltung Zürich: Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen