Paul Sethe

Paul Sethe wurde am 12. Dezember 1901 als Sohn eines Gastwirts in Bochum geboren und besuchte dort die höhere Schule. Nach dem Abitur studierte er ab 1920 in Bonn und Münster Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik. 1923 unterbrach er dieses Studium, um als Redakteur beim Ohligser Anzeiger zu arbeiten. 1930 nahm er sein Studium nebenher wieder auf und promovierte zwei Jahre später an der Universität in Bonn.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verfasste er 1933 zu Hitlers Geburtstag eine Hymne und bezeichnete ihn als denjenigen, „auf den die besten unter uns lange gewartet haben“. Von 1934 bis zu ihrer Einstellung im August 1943 war er Redakteur der Frankfurter Zeitung, wo man sich gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie relativ resistent verhielt. Ab 1940 war er für das Blatt als Angehöriger einer Propagandakompagnie Kriegsberichterstatter. Nach der Einstellung der Frankfurter Zeitung wurde Sethe Chefredakteur des Frankfurter Anzeigers und wurde, genau wie andere FZ-Redakteure, von der Reichspressekammer angewiesen, ab August 1943 auch für den Völkischen Beobachter zu schreiben.

 

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Nach dem Krieg erfuhr Paul Sethe, dass Carl Goerdeler ihn für die Zeit nach einem Sturz von Hitler als Chefredakteur für eine geplante regierungsnahe Zeitung vorgesehen hatte. Wogegen aber Widerstandskämpfer aus den Reihen der Sozialdemokraten waren, die ihn für zu konservativ hielten.

1945 arbeitete Sethe kurz für die Rheinische Post und ab 1946 für die Badische Zeitung in Freiburg/Breisgau. 1948 wurde er Ressortleiter Politik bei der Allgemeinen Zeitung in Mainz und dann im November 1949 einer von fünf Gründungsherausgebern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.  Diesem Herausgebergremium gehörte Sethe bis 1955 an und wurde in diesen Jahren zu einem Kritiker der Bonner Außenpolitik.

Adenauers Staatskonzeption aus Westbindung, Wiederbewaffnung und striktem Antikommunismus war seiner Meinung nach ein Fehler. Was er in seinen Leitartikeln immer wieder deutlich machte. Als am 10. März 1952 die sogenannte Stalin-Note samt Vorschlag für einen Friedensvertrag bei den drei Westalliierten einging, war Sethe fest davon überzeugt, dass eine neutralistische Politik die Einheit Deutschlands würde retten können. Adenauer hielt die Note für ein Störmanöver und lehnte sie ab, schon weil eine von Stalin vorgeschlagene gesamtdeutsche Regierung nicht aus einer freien Wahl hervorgehen sollte. Es folgten drei weitere Noten – Sethe war in seinen Kommentaren auf Seiten derjenigen in SPD und CDU, die Stalins Angebot wenigstens ernsthaft prüfen wollten. Für Adenauer war Paul Sethe spätestens jetzt ein Bolschewist, der in einem so wichtigen meinungsbildenden Leitmedium wie der FAZ nichts zu suchen hätte. Darum brachte der Kanzler potenzielle Inserenten etwa aus der „WiPoG Wirtschaftspolitische Gesellschaft von 1947 e.V.“ gegen Sethe in Stellung. Der musste die FAZ daraufhin im Jahr 1955 verlassen, warf Adenauer aber weiterhin vor, die Chance einer Wiedervereinigung verpasst zu haben.

Hans Zehrer holte Sethe daraufhin zur Welt. Als sich der Verleger Axel Springer nach seiner Moskaureise verstärkt in die Redaktionsbelange einmischte und einen strikten Antikommunismus-Kurs verordnete, nahm Sethe das Angebot von Rudolf Augstein an, Chefredakteur der für Sommer 1960 geplanten Deutschen Allgemeinen Zeitung zu werden. Doch dieser Plan erwies sich als nicht finanzierbar und scheiterte. Danach wurde Sethe bei der Zeit Leiter des Ressorts „Politisches Buch“ und schrieb Artikel für den Stern, die Welt und die Allgemeine Zeitung in Mainz. Außerdem verfasste er populäre Bücher über Politik und historische Themen.

Große Aufmerksamkeit hatte Paul Sethe mit einem Leserbrief an den Spiegel erregt, in welchem er die Wirklichkeit der Pressefreiheit und die Bedrohung der veröffentlichten Meinungsvielfalt durch zu viel Meinungsmacht in den Händen weniger anprangerte. Das hatte er im Dritten Reich erlebt und nun in Ansätzen wieder bei der FAZ und im Springer-Verlag. So jedenfalls sein Urteil angesichts der zunehmenden Politisierung und Polarisierung in den 60er Jahren. Der Spiegel druckte diesen Brief am 5. Mai 1965 unter „Eingesandt“:

„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sich immer. [...] Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe. Aber richtig ist es trotzdem. Und da Journalisten nicht reich sind, sind sie auch nicht frei.“ Und: Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer grösser und immer gefährlicher.“ Und: Ich weiß, dass es im deutschen Pressewesen Oasen gibt, in denen noch die Luft der Freiheit weht. Ich bin glücklich, in einer solchen Oase zu leben. Aber wie viele von meinen Kollegen können das von sich sagen?“

Paul Sethe betrachtete seinen Berufsstand als das „Gewissen der Nation“ - so in einem Essay über die Aufgabe von Publizisten: Das ist ein großes Wort, ich weiß es. Aber es ist sorgfältig überlegt." Sethe, den Henri Nannen „als Doyen des deutschen Journalismus“ bezeichnete, starb am 21. Juni 1967 in Hamburg.

(hhb)

 

Zum Problem der Freiheit des Journalisten – aus der Korrespondenz Fritz Erler – Paul Sethe 1956/57 – Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte

Rudolf Augstein: Abschied von Paul Sethe – in ZEIT vom 30. Juni 1967

Stefan Fischer: Der Seher – in Süddeutsche Zeitung vom 10. Mai 2010