Der Journalist, Publizist und Schriftsteller Michael Seufert arbeitete 27 Jahre lang für den STERN, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. 1983 klärte er den Skandal um die Hitler-Tagebücher auf. Nach 1997 blieb er dann als freier Journalist tätig, schrieb weiter Romane und Sachbücher und wurde Mitgründer des Internetportals „Haus der Pressefreiheit“.
Michael Seufert wurde am 25.12.1943 in Bernburg an der Saale als Sohn eines Handwerksmeisters geboren. Dort wuchs er bis zu seinem 14. Lebensjahr auf. Da er sich konfirmieren ließ – sein Vater war Oberkirchenrat – und sich zudem weigerte, an der vorgeschriebenen Jugendweihe teilzunehmen, durfte er in der DDR kein Abitur machen. Darum floh er mit seiner Mutter, die aus Hamburg stammte, 1958 in die Hansestadt. Sein Vater, dessen Familie seit Generationen in Bernburg hoch angesehen war und der seinen Elektrobetrieb dort privat führen durfte, blieb in der DDR. Michael besuchte ihn auch nach der Flucht immer wieder während seiner Schulferien, zuletzt 1961, nur einen Tag vor dem Mauerbau.
Sein Abitur machte er nun in Hamburg auf einem Mädchen-Gymnasium, wo man alle SBZ-Flüchtlinge schulisch konzentriert hatte. Dort gründete er mit einem Freund eine Schülerzeitung und führte sie auch wirtschaftlich zum Erfolg. Dadurch war auch sein Interesse am Journalismus geweckt worden. Für ein Studium reichte das Geld nicht – gern wäre er Kinderarzt geworden – darum entschloss er sich für ein Volontariat bei den Bremer Nachrichten. Wo er anschließend in der Jugend- und Lokalredaktion und danach als Reporter arbeitete.
1970 wechselte er zum Stern. Von Sommer 1970 bis 1972 war er Korrespondent in Berlin, natürlich immer mit Blick auf die Vorgänge in der DDR. So interviewte er zum Beispiel den systemkritischen DDR-Liedermacher Wolf Biermann in West-Berlin. Bei seinen Besuchen in Ost-Berlin und wieder bei seinem Vater in Bernburg wurde er von der Stasi überwacht und oft auf Schritt und Tritt begleitet. Man versuchte sogar ihn anzuwerben – was er natürlich ablehnte und was ihn nicht daran hinderte, immer klar und deutlich über das Geschehen dort zu berichten. Denn anders als über die von ihm recherchierte Wahrheit zu informieren, war für ihn undenkbar.
Danach ging er als Korrespondent nach Düsseldorf.
Zurück in Hamburg leitete er beim Stern zunächst das Ressort Deutschland 2. 1983 hatte die Stern-Verlagsleitung an der Redaktion vorbei die angeblichen Hitler-Tagebücher erworben, die sich schnell als gefälscht herausstellten. Als am 6. Mai diese Bombe platzte, beauftragte Henri Nannen seinen an dieser Affäre völlig unbeteiligten Ressortleiter Seufert mit der Aufarbeitung des Skandals. Was Michael Seufert schnell und penibel erledigte – daraus entstand später sein Buch „Der Skandal um die Hitler-Tagebücher“.
Dann wurde Seufert Ressortleiter Ausland und von 1990 bis 1997 stellvertretender Chefredakteur.
1997 schied er bei Gruner + Jahr aus, um von nun an als freier Journalist und als Schriftsteller tätig zu werden. Journalistisch schrieb er zahlreiche Beiträge für die Zeitschrift Essen + Trinken oder den Feinschmecker, aber auch weiter für den Stern, die Süddeutsche Zeitung oder das Hamburger Abendblatt. Und informierte seine Zeitgenossen nun in journalistisch aufbereiteten Büchern, etwa über die Hamburger „Gesellschaft Harmonie“, seit 1789 eine hanseatische Institution. Oder über das „Levantehaus“ in Hamburg und dessen Bauherrn Franz Bach sowie in „Das Elysée – meine Leidenschaft“ über den Hotelier und Gastronomen Eugen Block und 2018 dann über dessen Jubiläum „50 Jahre Block House“.
Schon frühzeitig hatte er sich im Verein Haus der Pressefreiheit e.V. engagiert. 2012 gehörte er, nun als Vorstandsmitglied, zu den Mitgründern des Internet-Portals gleichen Namens und sorgte bis zuletzt als Mitglied des Kuratoriums für die Erfassung internationaler Verstöße gegen die Pressefreiheit und über die zunehmenden Versuche, Medien durch Zensur oder politischen Druck gefügig zu machen.
Am 12. Februar 2026 ist Michael Seufert plötzlich und unerwartet im Alter von 82 Jahren gestorben.
Der frühere Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn hat Michael Seufert als „begnadeten Menschenfänger“ erlebt: „Unter seiner Ägide sind wichtige Autoren groß geworden, er hatte ein gutes Gefühl für Texte und die Menschen, die diese verfassten.“
(hhb)
Quellen
Wer schreibt für wen? / Landtag intern am 16.3.1973
Annika Schneider + Stefan Fries: Journalismus im Film – Schtonk / Deutschlandfunk am 15.4.2022
David Baum: Michael Seufert – Ein Leben für den Journalismus / Stern am 16.2.2026
Thomas Andre: Er klärte den Tagebuch-Skandal beim ‚Stern‘ auf – Michael Seufert ist gestorben / Hamburger Abendblatt am 18.2.2026
Zeitzeugen-Portal: Erinnerungen an die DDR
Zeitzeugen-Portal: Schwerer Neustart in der BRD
Zeitzeugen-Portal: Journalistische Gehversuche
Zeitzeugen-Portal: DDR-Besuche beim Vater
Zeitzeugen-Portal: Traumberuf Journalist?
Zeitzeugen-Portal: stern-Stunde
Zeitzeugen-Portal: Unter Bewachung
Zeitzeugen-Portal: Presse und RAF
Zeitzeugen-Portal: "Hitler-Tagebücher" im Stern
Bücher + Schriften
Michael Seufert: Die Kampagne / Wunderlich 1998
Michael Seufert: Die Pillendreher / Wunderlich 2000
Michael Seufert + Annemarie Stoltenberg: Elbe, Alster, Jungfernstieg, Hamburger Landgänge / Picus-Verlag Wien 2003
Michael Seufert: Der Skandal um die Hitler-Tagebücher / Scherz Verlag 2008
Michael Seufert: Die Mossdorfs – Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert / Hoffmann & Campe 2014
Michael Seufert: Die Bille – Hamburgs unbekannte Schöne / Ellert & Richter 2022