Theo Sommer

Theo Sommer wurde am 10. Juni 1930 als Sohn einer Offiziersfamilie in Konstanz geboren. Von August 1942 bis Mai 1945 war er Internats-Schüler in der Adolf-Hitler-Schule der Sonthofener Ordensburg und wurde noch als 14-Jähriger im März 1945 zum Volkssturm eingezogen. In seiner Erinnerung an diese Zeit erzählte er, dass man die Schüler in dieser Kaderschmiede darauf gedrillt habe, für Führer und Reich zu sterben. Und gestand: Wäre ich damals bereits 17 Jahre alt gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich freiwillig zur SS-Division Großdeutschland gemeldet.

Die Wahrheit über das Dritte Reich habe er erst im Verlauf der Nürnberger Prozesse ab November 1945 in aller Klarheit erfahren und später, durch das 1947 erschienene Buch der „SS-Staat“ von Eugen Kogon, von den abscheulichen Verbrechen des Nazi-Regimes. Damals sei er froh gewesen, dass er dafür keine persönliche Schuld tragen musste: „Ich war zu jung, um Täter zu sein.“

1949 machte er dann sein Abitur am Gymnasium in Schwäbisch Gmünd und bekam ein Stipendium der Volkshochschule im schwedischen Åsa. Danach studierte er Geschichte und politische Wissenschaften in Tübingen sowie in den USA, in Indiana und Chicago. 1960 promovierte er in Tübingen zum Dr. phil. Unmittelbar im Anschluss an dieses Studium nahm er im Sommer 1960 noch in Harvard an Henry Kissingers „Internationalem Seminar“ teil.

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Copyright: Jakob Börner für Die Zeit

Schon während seiner Schulzeit hatte er ab 1949 hin und wieder kleine Artikel für die Rems-Zeitung in Schwäbisch Gmünd geschrieben. Für dieses Blatt arbeitete Theo Sommer dann parallel zu seinem Studium als Lokalredakteur.

1958, im Alter von 28 Jahren, holte ihn Marion Gräfin von Dönhoff zur ZEIT, für die er 64 Jahre lang nahezu ununterbrochen schrieb, für die Wochenzeitung und später auch für ZEIT-Online. Von 1973 bis Ende 1992 als Chefredakteur der Wochenzeitung, danach bis Ende März 2000 als deren Herausgeber neben Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt und schließlich bis Ende Januar 2014 als Editor-at-Large.

Theo Sommer war für uns Deutsche eine Art Welterklärer, denn ihn hatten schon immer vor allem außenpolitische Fragen und Probleme interessiert: Deutschlands Ostpolitik, Europafragen oder die Entwicklungen in Asien, speziell in China. Vor möglichen Folgen des wirtschaftlichen wie politischen Aufstiegs der Volksrepublik China warnte er beizeiten, etwa in einem Interview mit dem ‚Hamburger Abendblatt‘ im Jahr 2019: „Wir haben erst in den letzten eineinhalb Jahren die chinesische Herausforderung begriffen. Sie ist ernst, wirtschaftlich wie politisch.“ Und: „Die Europäer müssen sich zu einer einheitlichen China-Strategie zusammenraufen, die heute noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar ist. Die ist aber unbedingt nötig, wenn wir in dem heraufdämmernden chinesischen Jahrhundert noch eine wichtige Rolle spielen wollen.“ Da hatte er nach 40 Jahren gerade sein zweites China-Buch herausgegeben: „China First – Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert“.

Aber auch mit Verteidigungs- und Sicherheitsfragen hat er sich intensiv auseinandergesetzt, was seinen Ausflug in die Politik erklärt. 1969/70 war er kurzzeitig Leiter für den Planungsstab im Bonner Ministerium des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt. Er kehrte aber bald zurück in die ZEIT-Redaktion, weil er die gleiche Erfahrung machte wie kurz darauf auch Rudolf Augstein – nämlich die, dass man als Chefredakteur deutlich mehr bewegen kann denn als Hinterbänkler in der Politik.

Theo Sommer veröffentlichte seine Aufsätze zudem in vielen internationalen Publikationen wie Foreign Affairs und war viele Jahre lang Kolumnist bei Newsweek International, Yomiuri Shimbun und Asahi Shimbun in Japan oder bei Jong Ang Ilbo aus Süd-Korea. Und seit 2004 Herausgeber der Blätter Atlantic Times, German Times und Security Times der Times Media GmbH Berlin.

Zudem engagierte er sich als Kurator in der ZEIT-Stiftung. Nicht zu vergessen seine Arbeit als Vorsitzender (von 2003 bis 2014) und bis zuletzt als Mitglied der Jury zur Vergabe des „Marion-Dönhoff-Preises für internationale Verständigung und Versöhnung“ sowie als Vorsitzender der Jury für die Vergabe des „Gerd-Bucerius-Förderpreises Junge Presse Osteuropa“, der seit 2000 an Zeitungen, Online-Publikationen und Journalisten aus dem ehemaligen Ostblock vergeben wird.

Auch Theo Sommer hat sich vor dem Hintergrund seiner eigenen Vita nie frei von Fehlern gehalten, die er im Laufe seines Lebens beruflich wie privat gemacht hatte. Wohl aus diesem Grund verteidigte er am 7. Juli 2022 in seinem letzten Artikel für die ZEIT das journalistische Lebenswerk seines Kollegen Henri Nannen, der einst in einer SS-Propagandatruppe eine sicher beklagenswerte Rolle gespielt hatte. Die Nannen übrigens nie verschwiegen hat. Und stellte uns allen die Frage: „Nannen – doch kein Vorbild mehr?“ Sommers Fazit dazu: „Ich halte Henri Nannens innere Umkehr für vorbildhaft, seine offenherzige Bußfertigkeit, seinen Einsatz für Rechtsstaatlichkeit, innere Liberalität und Humanitas. Ihm die Vorbildhaftigkeit abzusprechen, ignoriert die Tatsache, dass er einer von jenen war, welche die zweite deutsche Republik zum freiheitlichsten und lebenswertesten Staat gemacht haben, den unsere Geschichte je hervorgebracht hat. Und sie schlägt die Erkenntnis in den Wind, dass Menschen hinzulernen können.“

Theo Sommer starb am 22. August 2022 im Alter von 92 Jahren in Hamburg.

Hamburgs Kultur- und Mediensenator Carsten Brosda nannte Theo Sommer einen großen Journalisten und Herausgeber und würdigte ihn mit diesen Worten: Theo Sommer prägte über Jahrzehnte die Presselandschaft nicht nur in Hamburg. Er gab der Debatte und dem Streit in der ZEIT immer den Platz, den wohl nur guter Journalismus in einer offenen Gesellschaft schaffen kann."

(hhb)

tagesschau.de: Theo Sommer gestorben

Der Tagesspiegel: Abschied von einem Solitär – zum Tode von Theo Sommer

Stern.de: Mit dem Tod von Theo Sommer schließt sich eine Ära des deutschen Journalismus

Süddeutsche.de: Der Weltbürger

Der Spiegel: Theo Sommer ist tot

Die Zeit: Die Liebe seines Lebens