Hilde Spiel

Hilde Spiel wurde am 19. Oktober 1911 in Wien geboren und war eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin, Essayistin und Schriftstellerin.

Sie entstammte einer großbürgerlichen Familie jüdischen Glaubens und besuchte die nach der Pädagogin und Sozialreformerin Eugenie Schwarzwald benannte Schwarzwaldschule, ein Mädchenlyzeum am Wiener Franziskanerplatz. An dieser Schule, an der unter anderem Oskar Kokoschka und Arnold Schönberg unterrichteten, machte sie 1928 ihre Matura.

 

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Copyright: bpk / Ingrid von Kruse (bpk-Bildagentur, eine Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz)

Schon da gehörte sie zur sogenannten „Wiener Kaffeehaus-Szene“ und verkehrte regelmäßig im Café Herrenhof, wo sie mit Hermann Broch, Karl Kraus, Robert Musil, mit dem Literaturkritiker Ernst Polak oder Franz Werfel zusammentraf, mit ihnen redete und diskutierte.

Gleich nach ihrer Schulzeit war sie Mitarbeiterin bei der Neuen Freien Presse und veröffentlichte Kurztexte auch im Neuen Wiener Journal. Ab 1929 studierte sie an der Wiener Universität Philosophie und wurde dort 1936 promoviert. Parallel zum Studium war sie von 1933 bis 1935 Mitarbeiterin in der von Paul Lazarsfeld gegründeten wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle der Universität. Dadurch bekam sie Kontakt zum damaligen „Roten Wien“ und wurde 1933 Mitglied der in Österreich verbotenen SDAP Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Denn ab 1932 entwickelte sich unter dem noch demokratisch gewählten Kanzler Dollfuß kontinuierlich der „Austrofaschismus“, nach italienischem Vorbild und mit Rückendeckung von Mussolini. Es gab Versammlungsverbote, als Schutzmaßnahmen getarnte Presseverordnungen und zunehmende Zensurmaßnahmen. Daraufhin kam es 1934 zu einem Arbeiteraufstand, dem sogenannten „Februarkampf“ gegen den inzwischen diktatorisch handelnden christlich-sozialen Ständestaat. Dieser Aufstand wurde zwischen dem 12. und 15. Februar brutal niedergeschlagen mit mehreren Hundert Toten. Das war für Hilde Spiel Anlass genug, erstmals ernsthaft über ein Exil nachzudenken.

1936 heiratete sie Peter de Mendelssohn und emigrierte mit ihm nach London, vor allem wegen des in Österreich zunehmenden Antisemitismus. Aber auch wegen der Ermordung des Physikers und Philosophen Moritz Schlick, ausgelöst vom durch Intoleranz und Rassismus vergifteten geistigen Klima. Das Mordopfer Moritz Schlick gehörte auch zu den Universitätslehrern von Hilde Spiel. Er wurde damals von seinen Gegnern auf der rechten Seite wegen seiner Haltung zum eigentlichen Schuldigen hochstilisiert.

In Großbritannien veröffentlichte Hilde Spiel im Daily Express einige ihrer Erzählungen, die von Peter de Mendelssohn übersetzt worden waren. 1938 holte sie ihre Eltern nach Großbritannien und nahm 1941 die britische Staatsbürgerschaft an. Mehrere Jahre schrieb sie als Essayistin für die linksintellektuelle Zeitschrift New Statesman.

Ende Januar 1946 besuchte sie als deren Kriegsberichterstatterin Wien, mit einem klaren Vorsatz: Ich werde mein gegenwärtiges Leben mit meinem vergangenen vergleichen, meine Loyalität prüfen und mein Gefühlsvermögen einem Experiment unterziehen.“ So geschah es.

Im besetzten Österreich schaute sie sich in der übrig gebliebenen Kulturszene um, besuchte Flüchtlingslager in Kärnten und die von den Briten besetzten Gebiete auch in Norditalien. Über ihre Beobachtungen und Erfahrungen verfasste sie einen detaillierten Bericht, der später auch als Buch in deutscher Sprache erschien: „Rückkehr nach Wien“.

Von November 1946 bis Sommer 1948 lebte Hilde Spiel vorübergehend in Berlin und arbeitete von dort als Theaterkritikerin für Die Welt, den New Statesman and Nation, La France Libre, für den Berliner Tagesspiegel und die Zeitschrift Sie. 1948 kehrte sie nach Großbritannien zurück und berichtete von dort als Kulturkorrespondentin für die Neue Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, den Berliner Tagesspiegel, die Schweizer Weltwoche, den Guardian, für Theater heute und einige Rundfunksender.

1955 bezog sie einen Sommerwohnsitz im Salzkammergut und empfing dort viele Gäste aus der Künstlerszene, darunter Elias Canetti, Heimito von Doderer, Leo Perutz und auch Friedrich Kantor-Berg – bekannt unter seinem Pseudonym Torberg – zu dem sie eine lebenslange, eher konfliktreiche Beziehung hatte.

1963 – es war das Jahr ihrer Trennung von ihrem Mann Peter de Mendelssohn, die Scheidung folgte erst 1970 – nahm sie einen Zweitwohnsitz in Wien. Von der FAZ hatte sie einen Vertrag als Kulturkorrespondentin für Österreich erhalten. Sie wurde Mitglied des österreichischen P.E.N.-Clubs und von 1966 bis 1971 dessen Generalsekretärin. Ihre Wahl danach zur Präsidentin wurde offenbar auch von Torberg verhindert. Darum wechselte sie zum westdeutschen P.E.N.-Club und engagierte sich im Writers-in-Prison-Committee der internationalen P.E.N.-Vereinigung. Dieses Komitee war 1960 gegründet worden als Reaktion auf die steigende Zahl von Staaten, die versuchten, zunächst Schriftsteller und bald auch Journalisten und Redakteure zum Schweigen zu bringen. Mitarbeiter des Komitees machten auf das Schicksal der Inhaftierten aufmerksam und unterstützten diese und ihre Angehörigen.

1970 erhielt Hilde Spiel den Kritikerpreis der Salzburger Festspiele, und es folgten noch zahlreiche Literaturpreise.

1972 heiratete sie Hans Flesch-Brunningen, wie sie Schriftsteller und ehemaliger Journalist, u.a. für den BBC.

Hilde Spiel starb am 30. November 1990 und wurde in Bad Ischl beigesetzt.

(hhb)