Der Lyriker, Satiriker, Kabarettist und Journalist Hansgeorg Stengel lebte und arbeitete ab den 50er Jahren in Ost-Berlin, als Redakteur für Satirezeitschriften und als Autor und Kabarettist für „Die Distel“. Politisch motivierte Veränderungen an seinen Texten ließ er nicht zu.
Hansgeorg Max Stengel wurde am 30. Juli 1922 in Greiz/Thüringisches Vogtland als Sohn eines Lehrers geboren. Bereits als Vierzehnjähriger erschienen erste Gedichte von ihm in der Lokalzeitung. Nach dem Abitur wurde er zur Wehrmacht eingezogen und geriet in amerikanische Gefangenschaft. 1946 kehrte er zurück nach Greiz, wurde Mitglied im Schutzverband Deutscher Autoren und begann, satirische und humoristische Feuilletons für die Berliner Zeitschriften Roland in Berlin, Ulenspiegel sowie Frischer Wind zu schreiben.
1950 zog er nach Berlin und arbeitete nun als Satiriker für die Zeitschrift Frischer Wind, aus der dann der Eulenspiegel hervorging. Dort war er von 1954 bis 1959 Redakteur für Sprache und Stil und blieb bis zu seinem Tod ein ständiger Mitarbeiter. Neben seiner Arbeit hatte Stengel ein Journalistik-Fernstudium der Karl-Marx-Universität Leipzig absolviert.
Ab den 1960er Jahren war er freier Autor und schrieb weiter Texte für die verschiedenen Kabaretts in der DDR; wie schon seit 1952 für die „Kleine Bühne“, danach für die „Distel“ und von jetzt an für die „Herkuleskeule“ in Dresden. Dadurch wurde er landesweit bekannt und wegen seines Wortwitzes sehr beliebt. Darum konnte er ab 1971 mit kabarettistischen Soloprogrammen auftreten oder sich als Vortragskünstler mit Stilblüten und Sprachschludereien in der deutschen Sprache auseinandersetzen.
Für solche Auftritte soll er zu DDR-Zeiten rund 80.000 Autokilometer pro Jahr quer durch das Land gefahren sein.
Schriftsteller Hansgeorg Stengel zu Besuch in der Klasse 2a der Dimitroff-Oberschule Berlin Adlershof; 23. Mai 1975
Copyright: Bundesarchiv Bild 183-P0523-0319, Foto Horst Sturm
Es entstanden auch Schallplatten, wie 1979 „Willi Wuschkes Geredeschuppen“. Da Stengel sich allerdings entschieden weigerte, seine Manuskripte aus politischen Gründen zu verändern, blieben ihm trotz seiner großen Popularität Fernsehauftritte weitgehend verwehrt. Bei seinen Solo-Auftritten jedoch konnte er mehr sagen als so mancher Parteigenosse, musste seine Worte aber nach eigener Einschätzung doch auf die Goldwaage legen und seine kritischen Pointen zumeist zwischen den Zeilen verstecken. Sein Publikum aber verstand solche Anspielungen durchaus und quittierte sie dankbar mit Lachen.
Er war einer der wenigen Solisten im von Ensembles dominierten sozialistischen Kabarett: ein Wortjongleur und Meister des von der DDR-Obrigkeit ungeliebten Extemporierens. Sein Credo: „Natürlich soll der Kabarettist nach Möglichkeit allen anderen Künstlern und Journalisten eine Gehirnwindung, zwei Nasenlängen und drei Zungenspitzen voraus sein, doch sein Vorsprung sei qualitativ, nicht quantitativ, soll nicht ertrotzt, sondern nach allen Regeln der Komik errungen sein.“
Stengel wollte „Gebrauchsdichter“ sein, so wie seine Vorbilder ► Erich Kästner oder Heinz Erhardt. In seinen neuen Struwwelpeter-Geschichten reimte er zum Beispiel "Buckelkrumme Hexenmuhme, ausgedörrte Butterblume, Schleiereule, Haubenwachtel, Gute Nacht, Du alte Schachtel!" und schuf damit immer neue Schimpfworte für die Schuljugend und ihre Hänseleien. Etwa 50 Bücher hat er geschrieben – allein sein „Neuer Struwwelpeter“ verkaufte sich mehr als achthunderttausendmal. Er arbeitete auch an Filmen mit, aber bei allem was er tat, ohne allzu große Rücksicht auf die seit Honecker vorherrschende Ideologie.
Nach der Wende, die er als „Heimholung“ bezeichnete, setzte er sich als „Ordnungshüter der Deutschen Sprache“ kritisch mit der Rechtschreibereform auseinander. So wollte er sich keinesfalls „verumlauten“ lassen. Darum wurde aus Stengel auch kein Stängel.
1973 wurde Hansgeorg Stengel mit dem Kunstpreis ausgezeichnet und 1997 mit der „Bürgermedaille in Silber“ seiner Heimatstadt Greiz.
Hansgeorg Stengel starb am 30. Juli 2003, an seinem 81. Geburtstag in Berlin, wo er auf dem Zentralfriedhof Friedrichfelde in der Künstlerreihe begraben wurde.
(hhb)
Quellen
Stengel, Hansgeorg / Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur
Hansgeorg Stengel / Deutsches Kabarettarchiv
Stengel, Hansgeorg Max / Stadt Greiz
Irma Weinreich: Hansgeorg Stengel – 80. Geburtstag am 30. Juli / Mitteldeutsche Zeitung am 25.7.2002
Andreas Hillger: Zum Tod von Hansgeorg Stengel – Lyrischer Weltreisender mit Goldwaage im Gepäck / Mitteldeutsche Zeitung am 31.7.2003
Hansgeorg Stengel, Gebrauchsdichter / Der Standard am 3.8.2003
Stefan Schmidt: Hansgeorg Stengel / Weil wir Greiz lieben e.V. am 3.12.2015
Antje-Gesine Marsch: Hansgeorg Stengel zum 90. Geburtstag / Vogtlandspiegel am 31.7. 2012
Antje-Gesine Marsch: Zum 15. Todestag von Hansgeorg Stengel: „Ich stand auch auf der Liste der kosmischen Kandidaten“ / Vogtlandspiegel am 30.7.2018
Antje-Gesine Marsch: Erinnerungen an Hansgeorg Stengel – „Ich lasse mich nicht verumlauten“ / Ostthüringer Zeitung am 1.8.2023
https://www.youtube.com/watch?v=J1Sa_3PYZxs
https://www.ticketshop-thueringen.de/event/hommage-fuer-hansgeorg-stengel/38551/
https://www.vinyl-hst.de/von-und-mit-hansgeorg-stengel.html
Bücher + Schriften
Hansgeorg Stengel: So ein Struwwelpeter / 1970
Hansgeorg Stengel: Stenglish for you / 1971
Hansgeorg Stengel: Mit Stengelszungen / Eulenspiegel Verlag 1979
Hansgeorg Stengel: Epigramme und Gedichte / 1980
Hansgeorg Stengel: Annasusanna / 1984
Hansgeorg Stengel: Wortadella – allerhand Sprachwursteleien / 1997
Hansgeorg Stengel: Rettet dem Dativ / 2006
Hansgeorg Stengel: Wer lernt mir Deutsch / Eulenspiegel Verlag 2008
Hansgeorg Stengel: Dicht an dicht: sämtliche Gedichte / Eulenspiegel Verlag