Hans Heinz Stuckenschmidt

Der Musikwissenschaftler und Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt setzte sich sehr für die neue Musik von Schönberg, Blacher, Busoni, Ravel oder Strawinsky ein sowie für jüdische Musiker. Darum erhielt er 1934 Schreibverbot. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er beim Sender RIAS Berlin und als Musikkritiker für mehrere Zeitungen – viele Jahre vor allem für die FAZ.

Stuckenschmidt wurde am 1. November 1901 in Straßburg als Sohn einer Offiziersfamilie geboren. Sein Vater diente in der preußischen Armee und wurde 1907 ins Kriegsministerium nach Berlin versetzt. Dort konnte Hans Heinz seine Schulbildung im pädagogisch fortschrittlichen Werner-Siemens-Realgymnasium beginnen. Danach besuchte er in Magdeburg das Bismarck-Realgymnasium. 1912 ging er zeitweilig in Ulm zur Schule und kehrte 1913 wieder an das Gymnasium in Magdeburg zurück. Beim Versuch, 1920 in Hamburg sein Abitur zu machen, scheiterte er wegen eines Aufsatzes mit pazifistischer und marxistischer Tendenz.

Schon sehr früh interessierte er sich für Musik, angeleitet von seiner Mutter, die Klavier studiert hatte und als Chopin-Interpretin Konzerte gab. Auch er lernte Klavier und Geige zu spielen und zu komponieren.

 

article picture

Prof. Hans Heinz Stuckenschmidt berichtete auf der Pressekonferenz des SFB 1962 über dessen neue Fernseh-Reihe "Musik im technischen Zeitalter", die der SFB gemeinsam mit der Technischen Universität veranstaltete.

Copyright: ullstein bild - United Archives

Bereits im Alter von 19 Jahren schrieb er als Musikkritiker für die Prager Zeitschrift Bohemia. Kurz darauf verließ er sein Elternhaus und begann in Hamburg Bühnenmusiken zu komponieren und Aufsätze über Musik für Hermann Scherchens Melos und andere Kultur-Magazine zu schreiben.

Ein Stipendium ermöglichte es ihm, sich ab 1924 in Wien mit Musikwissenschaft zu befassen und sich mit der Zwölftontechnik auseinanderzusetzen. 1925 lebte er einige Monate als Gast des amerikanischen Komponisten George Antheil in Paris und kehrte anschließend nach Berlin zurück.

Ab 1927 arbeitete Stuckenschmidt als freier Journalist für die Vossische Zeitung und andere Blätter wie Melos, Die Weltbühne oder Das Kunstblatt sowie für die Tageszeitungen Dresdner Neueste Nachrichten, Thüringer Allgemeine Zeitung oder die Neue Freie Presse in Wien.

1928 zog er mit seiner Frau, der Sängerin Thea Silten, nach Prag und wurde als Musikkritiker bei der Deutschen Zeitung Bohemia fest angestellt. Daneben arbeitete er als Korrespondent für mehrere deutsche und Schweizer Zeitungen.

Als die B.Z. am Mittag in Berlin ihm 1929 die Leitung ihres Musikressorts anbot, ging Stuckenschmidt allein zurück nach Berlin und heiratete im Jahr darauf seine zweite Frau, die Sopranistin Margot Hinnenberg-Lefèbre, die als Schönberg-Interpretin bekannt war.

Wegen seines Eintretens für atonale und „dieser jüdischerseits stark beeinflussten Musik“ wurde er im Dezember 1934 aus der Berufsliste der Schriftleiter gestrichen, was ein Berufsverbot in Deutschland bedeutete.

Die Begründung der NS-Zensoren lautete: „Sie sind Musikkritiker und hätten als solcher für die Zukunft die erzieherische Aufgabe zu erfüllen, das deutsche Volk einer wahren deutschen Kultur und Kunstpolitik zuzuführen. Die Gewähr, dass Sie diese Aufgabe erfüllen können, bieten Sie nach Ihrem Verhalten vor der Machtübernahme als Musikkritiker und Ihrer Einstellung zur Musik überhaupt nicht. Sie haben vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialistische Partei durch Ihre Kritiken zersetzend gewirkt. Dabei soll dahin gestellt bleiben, dass Sie sich in hohem Masse und ganz subjektiv für die atonale Musik eingesetzt haben.“

1937 engagierte ihn dennoch das Prager Tagblatt und später auch dessen Nachfolgezeitung Der neue Tag. Für beide durfte er schreiben, so lange Konstantin von Neurath Reichsprotektor in Böhmen und Mähren war. Nach Neuraths Abberufung im September 1941 meldete er sich als Dolmetscher zum Wehrdienst, um dadurch möglichen Drangsalierungen der Nazis zu entgehen.

1946, aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft wieder zurück in Berlin, wurde er Leiter des Studios für Neue Musik beim Sender RIAS und Musikreferent für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Ab 1947 arbeitete er außerdem für die Neue Zeitung der amerikanischen Besatzungsmacht und wurde einer der Herausgeber des Monatsmagazin Stimmen, das von 1947 bis 1949 erschien.

Stuckenschmidt hatte nie ein Hochschulstudium absolviert. Dennoch erhielt er 1948 einen Lehrauftrag für Musikgeschichte von der TU Technische Universität Berlin-Charlottenburg. Im Jahr darauf wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt und 1955 zum ordentlichen Professor. Der TU blieb er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1967 verbunden, als Ordinarius für Musikgeschichte an ihrer Humanistischen Fakultät.

Seit 1956 arbeitete er als Musikkritiker bei der FAZ Frankfurter Allgemeinen Zeitung und besprach für das Blatt bis 1987 wichtige Aufführungen und Konzerte in Europa und aller Welt.

Ab 1951 hatte er zudem begonnen, Bücher zu verfassen, vor allem über neuere Musik: wie etwa „Neue Musik zwischen den beiden Kriegen“, ein Werk, das bei Suhrkamp erschien. Es folgten Biographien über Maurice Ravel, Ferruccio Busoni, Boris Blacher, Arnold Schönberg und andere. Seine Aufsätze zur Musikgeschichte und Kritik füllen inzwischen viele Bände.

Zu seinem 70. Geburtstag schrieb die NZZ Neue Zürcher Zeitung am 1. November 1971 über Stuckenschmidt: „Von den Musikkritikern und Musikschriftstellern Europas ist Hans Heinz Stuckenschmidt der Einzige, der weit über die Grenzen unseres Kontinents hinaus hohes Ansehen gewonnen hat. Seine allen aktuellen Problemen aufgeschlossene und mit größter Kompetenz ausgeübte Tätigkeit als Musikkritiker einiger Tageszeitungen von internationaler Geltung hätte allein schon genügt, einen Ruf zu begründen, der sich ostwärts bis nach Japan, westwärts bis an die Küsten des Pazifischen Ozeans verbreitete. [...] Die aus leidenschaftlicher Anteilnahme an kühnen Vorstößen in musikalisches Neuland hervorgehende Brisanz seiner besonders in jenen frühen Jahren oft provozierend kühnen, stets aber mit Eleganz gepaarten Sprache, die im musikkritischen Bereich ein Novum bedeutete, forderte in gleichem Maße zu Widerspruch wie zu begeisterter Zustimmung heraus.“ 

Hans Heinz Stuckenschmidt starb am 15. August 1988 in Berlin und wurde dort auf dem Friedhof Wilmersdorf beigesetzt.

(hhb)

 

Quellen:

Hans Heinz Stuckenschmidt: Selbst-Biographie für die Akademie für Sprache und Dichtung

Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit / Uni Hamburg

 

Bücher:

Hans Heinz Stuckenschmidt: Neue Musik zwischen beiden Kriegen / Suhrkamp, 1951

Hans Heinz Stuckenschmidt: Strawinsky und sein Jahrhundert

Hans Heinz Stuckenschmidt: Schöpfer der Neuen Musik / Suhrkamp 1951

Hans Heinz Stuckenschmidt: Arnold Schönberg – Leben, Umwelt, Werk / Atlantis Verlag Zürich, 1957

Hans Heinz Stuckenschmidt:  Zum Hören geboren. Ein Leben mit der Musik unserer Zeit (Autobiographie) / Piper 1979