Gabriele Tergit

Gabriele Tergit war eine Schriftstellerin und Journalistin. Schlagartig berühmt wurde sie durch ihren Bestseller Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Eine Satire über den Sensationshunger in Gesellschaft und Presse, 1931 bei Rowohlt erschienen. Bekannt aber war sie schon weit früher geworden, durch ihre Gerichtsreportagen, die sie für den Berliner Börsen-Courier und vor allem für das Berliner Tageblatt schrieb. Gabriele Tergit war ihr Pseudonym.

Gabriele Tergit wurde am 4. März 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geboren – aufgewachsen in einer gutbürgerlichen jüdischen Familie, allerdings im Berliner Arbeiterviertel zwischen Jannowitzbrücke und Schlesischem Bahnhof. Diese Kindheit prägte ihre Sicht auf das Berliner Alltagsleben und ganz besonders ihre spätere Arbeit als Gerichtsreporterin. In Berlin besuchte sie nach dem Lyzeum und gegen den Willen ihres Vaters – ein Fabrikant und Gründer der Deutschen Kabelwerke – die von der Sozialreformerin Alice Salomon gegründete „Soziale Frauenschule“. Dort lernte sie führende Vertreterinnen der Frauenbewegung kennen und arbeitete in der Lehrstellen-Vermittlung.

Nach dem Ersten Weltkrieg holte sie ihr Abitur nach und studierte zunächst in Berlin, später dann in München, Heidelberg und Frankfurt am Main Geschichte, Philosophie und Soziologie. 1924 promovierte sie in Frankfurt/M. zum Dr. phil.

 

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Zu dieser Zeit war sie längst auch journalistisch tätig geworden. Einen ersten Zeitungsartikel hatte sie schon im November 1915 in der Beilage Zeitgeist des Berliner Tageblatts veröffentlicht, über Frauen im Krieg und zum Thema „Frauendienstjahr und Berufsbildung“. Auch für die Weltbühne hatte sie Artikel verfasst. Parallel zum Studium schrieb sie ab 1920 Feuilleton-Beiträge unter ihrem Pseudonym „Tergit“ für die Vossische Zeitung und das Berliner Tageblatt. Nach Beendigung ihres Studiums dann Gerichtsreportagen für den Berliner Börsen-Courier, bis sie von Theodor Wolff einen festen Vertrag als Reporterin des Berliner Tageblatts bekam. Für monatlich 500 Mark musste sie neun Gerichtsreportagen liefern.

Darin schilderte sie vor allem die Lage von Frauen in Strafprozessen; etwa über arme Frauen, die vor Gericht gestellt wurden, weil sie aus purer Not verbotene Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen hatten. Und dafür von oft reaktionären Richtern gnadenlos abgeurteilt wurden.

In der Männerdomäne Journalismus wurde sie schnell zu einer Leitfigur. Mutig schrieb sie nach dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Zeit über rechte wie linke Gewalt. Und in Feuilletons über „Berliner Existenzen und Moden“ für die Berlinseite im Tageblatt, die Walter Kiaulehn erdacht hatte.

Und sie berichtete zunehmend kritisch über den erstarkenden Nationalsozialismus. Zum Beispiel über den Fememord-Prozess gegen die illegale „Schwarze Reichswehr“ – dazu vermerkte sie schon 1927 in der Weltbühnew:Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch.“

1928 heiratete sie den Architekten Heinrich Reifenberg, mit dem sie einen Sohn bekam.

1931 erschien ihr Roman über einen Volkssänger namens Georg Käsebier, in dem sie ihren Lesern einen Einblick in die damalige Reklamewelt und in den zunehmenden Propaganda-Rummel in einer Großstadt wie Berlin gab.

Vor dem Kriminalgericht Moabit fand im Januar 1932 ein Beleidigungsprozess gegen Adolf Hitler statt. In ihrer Reportage beschreibt Gabriele Tergit, wie Hitler dem Richter schreiend antwortet. Bei ihr liest sich das so: „Er hielt eine Rede an eine Riesenversammlung, die nicht da war, er rief ein Volk auf, das nicht vorhanden war. Er keuchte, warf den Kopf zurück und redete ohne Unterlass. Es wurde nicht klar, spielte Hitler den Hysteriker oder war er es.“ Dieser und andere kritische Artikel über NS-Größen führten dazu, dass die Nazis sie auf ihre Feindesliste setzten.

Nach Hitlers Machtergreifung versuchten SA-Mitglieder in ihre Wohnung am Berliner Tiergarten einzudringen, scheiterten dort aber an der gut gesicherten Wohnungstür. Das war für das Ehepaar Reifenberg Grund genug, am 4. März 1933, dem Tag vor der Reichstagswahl nach Prag zu flüchten. Dort konnte sie sofort für die deutschsprachigen Blätter Prager Tagblatt, Prager Mittag und Bohemia tätig werden. Doch kurz darauf folgte sie ihrem Mann nach Palästina, der dort einen Bauauftrag hatte. Wo Gabriele Tergit allerdings so manche Ideale des Zionismus zunehmend skeptischer beurteilte. Etwa die Versuche, erfahrene Handwerker oder Intellektuelle in den Kibbuzim zu anderen, mehr bäuerlich lebenden Menschen umzumodeln.

Darum, und nach Krankheiten, zog die Familie 1938 zurück nach Europa, nach London. Wo sie ihr Opus Magnum „Effingers“ endlich beendeten konnte, einen Familienroman mit autobiographischen Einsprengseln. Das Buch hat sie 1949 ihrem Verleger Ernst Rowohlt mit folgenden Worten angeboten: Was meine Effingers angeht, so ist es nicht der Roman des jüdischen Schicksals, sondern es ist ein Berliner Roman, in dem sehr viele Leute Juden sind, so wie im Käsebier viele Leute Juden waren. Das ist etwas ganz anderes, und ich bin der Meinung, dass man einen großen Fehler machen würde, wenn man ein so stark deutsch kulturgeschichtliches Buch als jüdisch anzeigen würde.“ Erstmals verlegt wurde der Roman dann 1951 bei Blanvalet.

Im englischen Exil schrieb Gabriele Tergit vor allem Bücher. Publizistisch war sie in dieser Zeit seltener tätig, gelegentlich etwa für den Berliner Tagesspiegel. Oder berichtete für die Neue Zeitung aus London. Und von 1957 bis 1981 war sie Sekretärin des „PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland“.

Gabriele Tergit starb am 25. Juli 1982 in London.

(hhb)

 

Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit - Reportagen aus den Gerichten

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Gabriele Tergit: Effingers