Der Journalist und Schriftsteller Tiziano Terzani, ein hervorragender Kenner Ost- und Südostasiens, arbeitete 25 Jahre als Auslandskorrespondent für den Spiegel und andere Medien. Er lieferte aufschlussreiche Reportagen aus Singapur, Hongkong, Vietnam, China, Tibet, aus Japan, Thailand, der Mongolei oder aus Indien.
Tiziano Terzani wurde am 14. September 1938 in Florenz geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Trotzdem durfte er das Gymnasium besuchen. Schon als Schüler berichtete er über Sportereignisse für die florentinische Zeitung Giornale del Mattino. Damit verdiente er sich etwas Geld, bekam vor allem aber freien Eintritt zu den Wettkämpfen.
Nach der Schulzeit studierte er Jura an einer Elite-Hochschule in Pisa, wo er sich in die Tochter eines in Italien lebenden deutschen Künstler-Ehepaars verliebte und sie später, 1962, heiratete. Zuvor, im Jahr 1961, hatte er sein Jura-Studium mit Bestnote beendet, hängte aber noch einen kurzen Studienaufenthalt im englischen Leeds an und ließ sich nach seiner Rückkehr vom Olivetti-Konzern einstellen. Dort begann er in der Personalabteilung und erhielt die Aufgabe, Jungakademiker für die Olivetti-Tochtergesellschaften im Ausland zu rekrutieren.
1962 begannen seine Dienstreisen zunächst quer durch Europa, mit längeren Aufenthalten in verschiedenen Ländern. Dann folgte eine erste Dienstreise nach Fernost, nach Japan und Hongkong. Was ihn veranlasste, ab 1966 mit einem Stipendium an der New Yorker Columbia University noch Sinologie und Geschichte zu studieren und zwischendurch die USA zu bereisen.
Über die damaligen Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Morde an Robert Kennedy und Martin Luther King verfasste er Artikel für das italienische Wochenblatt L’astrolabio und machte ein kurzes Praktikum bei der New York Times. Dort entdeckte er ein Vorbild, den China-Kenner Edgar Snow. In seinem Buch „Das Ende ist mein Anfang“ schrieb Terzani dazu später: „Mein Traum war, Journalismus zu machen wie er, unabhängig von den Regeln der Macht, ohne die üblichen Schablonen, auf der Suche nach der Wahrheit“.
1968 besuchte er die Stanford University in Kalifornien, um Hochchinesisch zu studieren. Denn er wollte unbedingt nach China, um dort vor Ort die Veränderungen durch den Maoismus in Augenschein zu nehmen: „Ich war neugierig, ich war Journalist, es war kein Zufall, dass ich Chinesisch studierte. Nichts anderes war mir so wichtig. Ich wollte mir diese Welt ansehen!“
Nach dem zweiten Studienabschluss kehrte er nach Mailand zurück und begann dort 1969 ein Praktikum bei der Zeitung Il Giorno. Danach suchte er in ganz Europa nach einer Arbeitsstelle mit der Aussicht, dort später als Korrespondent arbeiten zu dürfen. Rudolf Augstein fand Terzani so interessant, dass er ihm einen Jahresvertrag als freier Mitarbeiter für Südostasien gab.
1972 eröffnete Terzani für den Spiegel dessen erstes Büro in Asien, in Singapur. Von dort reiste er an die Front im Vietnamkrieg und berichtete für den Spiegel und für die italienischen Zeitungen l’Espresso und Il Giorno. Im April 1975 gehörte er zu den wenigen Reportern, die während der Einnahme von Saigon vor Ort geblieben waren und darum authentisch berichten konnten. Wegen dieses Muts und der Qualität seiner Reportagen wurde er sehr bewundert – so kam es im Jahr darauf zur zusätzlichen Zusammenarbeit mit Il Corriere della Sera und La Repubblica. 1978 berichtete er als Zeuge vom Krieg zwischen Kambodscha und Vietnam und über die Gräueltaten durch Pol Pots Genozid. Wo auch er beinahe sein Leben verloren hätte.
1980 erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch: Terzani durfte in Peking ein Spiegel-Büro eröffnen. Er war dort der erste Korrespondent einer westlichen Zeitschrift. Durch seine hervorragenden Sprachkenntnisse konnte er tief in alle Schichten der chinesischen Bevölkerung eintauchen und das vom Maoismus zerstörte Land wahrheitsgemäß beschreiben. Terzani nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Als ein hoher Funktionär bei einem Treffen hohle Propagandasprüche runterleierte, stoppte Terzani seinen Redefluss: „Sie lügen. Sie wissen, dass Sie lügen. Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie lügen. Wozu lügen Sie dann?“ Er schilderte die Unterdrückung der Tibeter, die Zerstörung ihrer Klöster. Wegen seiner permanenten Suche nach dem wahren Geschehen wurde er nach vier Jahren wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ verhaftet und angeklagt. Nach einem Monat in einem Umerziehungslager wurde er des Landes verwiesen. Über seine Erfahrungen in China schrieb er das Buch „Fremder unter Chinesen. Reportagen aus China“.
Danach ließ er sich in Tokio nieder. Japan enttäuschte ihn bald, vor allem wegen des überbordenden Konsumverhaltens der Japaner. Also wandte er sich lieber der Revolution auf den Philippinen und erneut den weiteren Entwicklungen in Vietnam zu.
1990 zog er mit der Familie nach Bangkok. In Thailand geißelte er den Missbrauch der alten fernöstlichen spirituellen Traditionen für rein kommerzielle Zwecke. 1991 schilderte er dann aus Moskau seine Erlebnisse beim Putsch gegen Gorbatschow. Und ab 1994, nun mit Wohnsitz in Delhi, berichtete er über die widersprüchlichen Entwicklungen in der indischen Demokratie.
1996 – nach mehr als 200 Reportagen für den Spiegel – endete diese Zusammenarbeit. Seine Ehefrau Angela Terzani-Staude und Spiegel-Kollege Dieter Wild haben 2008 posthum ein Buch mit seinen beeindruckendsten Reportagen und Berichten für den Spiegel veröffentlicht: „Tiziano Terzani – Asien, mein Leben. Die großen Reportagen“.
Terzani hatte beschlossen, noch als Freelancer weiter zu arbeiten und berichtete – trotz einer Krebserkrankung – über die Terrorangriffe an Nine-Eleven aus New York und kritisch über den dann folgenden Afghanistan-Krieg. Daraus entstand 2002 sein umstrittenes Buch „Briefe gegen den Krieg“.
Tiziano Terzani starb am 28. Juli 2004 im Alter von 65 Jahren in Florenz.
(hhb)
Quellen:
Siegfried Kogelfranz: Zum Tode Tiziano Terzanis – Asien entdecken, die Welt informieren / Spiegel kultur 29.7.2004
Helge Rehbein: Der Asien-Flüsterer – Buchreport über ‚Das Ende ist mein Anfang‘ / Spiegel kultur 3.11.2008
Tiziano Terzani / The Guardian 2.8.2004
Bücher:
Tiziano Terzani: Fremder unter Chinesen. Reportagen aus China / Rowohlt 1984
Tiziano Terzani: Gute Nacht, Herr Lenin. Reise durch ein zerberstendes Weltreich / Hoffmann und Campe 1993
Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel – Eine Reise zu Asiens Mysterien / Hoffmann und Campe 1996
Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang / DVA Spiegel-Buch 2017
Angela Staude-Terzani + Dieter Wild (Hrsg.): Tiziano Terzani – Asien, mein Leben. Die großen Reportagen / DVA Spiegel-Buch 2008