Harry Valérien war einer der bekanntesten und beliebtesten Sportjournalisten in der Bundesrepublik Deutschland. Seit Beginn der 50er Jahre prägte er hier die Sportberichterstattung und wurde so zu einer Sport-Legende. Viele Jahre moderierte er die von ihm mit geschaffene ZDF-Sendung „Aktuelles Sportstudio“ und berichtete ab 1952 vier Jahrzehnte lang von den Olympischen Spielen. Außerdem engagierte er sich gegen das Doping im Sport und sorgte dafür, dass neben dem Fußball auch Sportarten wie Schwimmen oder Golf in den Sportsendungen gezeigt wurden.
Harry Valérien wurde am 4. November 1923 als Sohn eines Pressefotografen in München geboren. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kam seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben und sein Vater starb ein Jahr danach an einer Herzkrankheit. Harry und seine drei jüngeren Geschwister wuchsen bei den Großeltern auf. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Lehre als Mechaniker, arbeitete in einer kriegswichtigen Produktion und wurde 1942 zu den Gebirgsjägern einberufen.
Nach einer kurzen amerikanischen Gefangenschaft besuchte er ab 1946 den damals von den Besatzern eingeführten journalistischen Vorbildungskurs von Otto Groth. Dort wollte man im Zuge der Reeducation unbelastete junge Leute für das neu aufzubauende Pressewesen ausbilden. 1947 folgte ein Volontariat beim Münchner Merkur, wo er anschließend als Redakteur arbeitete. Im Jahr 1949 wurde er zudem Reporter für den Bayerischen Rundfunk und wechselte 1951 ganz dorthin.
Berlin-West: Internationale Funkausstellung Berlin 1973. Öffentliche Fernsehsendung "Aktuelles Sportstudio" in Halle 7; vlnr: Harry Valérien, Wim Thoelke, Helmuth Bendt (?), 1. September 1973
Copyright: Bundesarchiv B 145 Bild-F041353-0007
1952 durfte er im Alter von gerade einmal 28 Jahren als einer der vier deutschen Rundfunkreporter von den Olympischen Winterspielen aus Oslo berichten. Von da an war er mit Ausnahme von 1956 bei allen olympischen Spielen als Kommentator für Funk und Fernsehen akkreditiert, bis sogar noch nach seiner Pensionierung im Jahr 1996.
Valérien war Mitgründer des „Aktuellen Sportstudios“ beim ZDF, das er 25 Jahre lang von 1963 bis 1988 insgesamt 283mal moderierte. In seinem markanten gelben Pullover, der schnell zu seinem Erkennungszeichen wurde. Sein Publikum bezeichnete den so beliebten wie populären Sportreporter als „Mister Sportstudio“. In seinen brillanten Reportagen hakte er konsequent nach, im Ton allerdings immer freundlich und fair: „Ich mach' keine Reportagen auf Kosten anderer, und auch bei Interviews soll keiner als Sieger oder Verlierer den Ring verlassen“, so seine Einstellung. Dazu kam sein bayrischer Humor, mit dem er so manche technische Panne überbrückte.
Zusammen mit Petra Schürmann präsentierte er außerdem im Münchner Circus Krone die beliebte Wohltätigkeitsveranstaltung „Stars in der Manege“ und drehte zudem mehrere Sportdokumentationen für den „Sport-Spiegel“ des ZDF – über Max Schmeling, Sepp Herberger, Helmut Schön und andere.
Als man ihn 1983 zum ZDF-Sportchef machen wollte lehnte Valérien ab: „Ich bleibe lieber Reporter, das sagt mir mehr zu als die Verwaltung.“ Immer gehörte er zu denen, die engagiert für die Werte des Sports eintraten und wurde so sehr früh zu einem Vorkämpfer in der Anti-Doping-Bewegung.
Nach seiner Pensionierung im Jahr 1988 arbeitete Harry Valérien ab 1990 noch als freier Sportjournalist für die privaten TV-Sender Sat1 und Premiere und kommentierte dort gern Golfturniere.
Für seine journalistische Arbeit wurde Valérien oftmals ausgezeichnet: den Bambi erhielt er 1972, 1979 und 1990; die Goldene Kamera 1965, 1976 und 1988 sowie 1988 zudem denTelestar.
Am 12. Oktober 2012 starb Harry Valérien im Alter von 88 Jahren an Herzversagen, auf der Rückfahrt von einem Treffen mit ehemaligen Kollegen und Ski-Rennläufern. Er saß neben seiner Tochter auf dem Beifahrersitz des Autos, als er ziemlich genau an der Stelle sanft einschlief, an der seine Mutter Ende der 30er Jahre ihren tödlichen Unfall hatte.
Zur Trauerfeier in der Basilika des Klosters Benediktbeuern kamen 300 Trauergäste, darunter zahlreiche berühmte Sportler. Der Ski-Rennläufer Christian Neureuther äußerte sich gewissermaßen für sie alle über den Verstorbenen: „Harry Valérien hat unseren Sport gelebt wie kein Zweiter. Er hat mir sehr geholfen, weil er mir in vielen Dingen die Augen geöffnet hat. Er war immer gnadenlos ehrlich.“
(hhb)