Anne Volk

Anne Volk war eine der prägendsten Blattmacherinnen des deutschen Magazin-Journalismus. Als sie 1985 als erste Frau die Chefredaktion der „Brigitte“ übernimmt, sind die Medien noch fest in männlicher Hand. Mit ihrer Zeitschrift verkörpert sie ein Frauenbild, das zum Selbstbewusstsein von Millionen Frauen passt. „Miss Germany“ hat „Die Zeit“ sie deshalb genannt, worüber Anne Volk wahrscheinlich gelächelt hat. 

Am 18. Januar 1944 in Königsberg geboren, wächst Anne Volk nach der Flucht mit ihrer Mutter und ihren vier älteren Brüdern im schwäbischen Schorndorf auf. Der Vater starb im Krieg. Nach dem Schulabschluss besucht sie die Modeschule in Stuttgart. Mit 22 Jahren beginnt sie ihre Redaktionslaufbahn bei der Zeitschrift „neue mode“. 1970 wechselt sie zur „Für Sie“. Der Verleger Axel Ganz holt sie als Chefredakteurin zurück zur „ neue mode“. Danach arbeitet sie als stellvertretende Chefredakteurin bei den Frauenzeitschriften „Petra“ und „Freundin“.

 

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Foto Anne Volk: HAW Hamburg/Markus Scholz

Mit ihrer Führungserfahrung und ihrem Expertenwissen wird sie 1985 Chefredakteurin der „Brigitte“. Unter ihrer Ägide, die zwei Jahrzehnte dauerte, steigt die gedruckte Auflage der umsatzstärksten deutschen Frauenzeitschrift mit einem Vertriebsmarktanteil von 36 Prozent auf mehr als eine Million Exemplare. Den zunehmenden Bestechungsversuchen der mächtigen werbungtreibenden Wirtschaft tritt sie mit einer unabhängigen, sauberen Berichterstattung entgegen, auch wenn, wie sie zugibt, die Redaktion diese hehre Absicht nicht immer hundertprozentig umsetzen konnte. Sie kämpft darum, auch die Kontrolle über die Finanzen zu bekommen, wird Verlagsgeschäftsführerin der „Brigitte-Gruppe“ (Brigitte, Brigitte-Woman, Young Miss und das Internetportal brigitte.de). Im Januar 2002, die Redaktion und das Blatt sind in einem sehr guten Zustand, gibt die 57-Jährige die redaktionelle Leitung ab, bleibt jedoch bis 2004 Herausgeberin.

Sie formt die „Brigitte“ zu einem Magazin, das Konventionelles mit Trendigem mischt und das mit sensibel recherchierten Dossiers und Reportagen für Seriosität und Glaubwürdigkeit steht. Mit einer Themenpalette, die von politisch engagiert, damals noch eine Alleinstellung unter den Frauenzeitschriften, bis praktisch orientiert reicht. Für ihre Zeitschrift bedeutet Modeberatung auch immer Charakterbildung. Als fabelhaft scharfsinnige Frau weiß sie immer welches Thema, welches Foto, welches Model, welches Kleid zur „Brigitte“ passt. Sie schafft eine Kombination von Themen, die am Ende eine gute Blattmischung ergeben. Den künstlerischen Stil des Magazins prägen erstklassige, avantgardistische Fotografen: F.C. Gundlach, Will McBride, Charlotte March oder Fritz Peyer.

Anne Volk ist echt, eine Eigenschaft, die ihr hoch angerechnet wird, die sie einmalig macht. Ihr Credo ist Wahrhaftigkeit: „Was in der BRIGITTE steht, das stimmt!“ Mit ihrer Ehrlichkeit schafft sie Vertrauen, bietet Orientierung. Einen eigenen Text hat sie nie veröffentlicht, sondern sich von Anfang an als Blattmacherin verstanden. Pragmatisch, klar und durchsetzungsmächtig. Sie macht ein Magazin für Frauen, wie sie nun mal sind und nicht, wie andere sie gerne hätten. Als Marktführerin im Segment der Frauenzeitschriften muss sie viel Konkurrenz abwehren, trotzdem bleibt sie seriös und verzichtet bewusst auf auflagensteigernde Sensationen wie: Schlank in fünf Tagen! Alle Falten sofort weg! Oder: Nie mehr Cellulite! Stur widersetzt sie sich jedem modischen Schnickschnack. Für das Glitzer- und Glamourgehabe der Branche hat sie, „die Schwäbin“, die ihr Idiom nie zu verleugnen versucht, sowieso nur hochgezogene Augenbrauen übrig.

Weggefährtinnen und Kollegen beschreiben die hochgewachsene, irgendwie runde, unerschütterlich natürlich auftretende Frau als ein bisschen rau, die mit ihren eher blonden, undefinierbar mittellangen Haaren überraschend undamenhaft wirkt. Mit einem lauten, raumfüllenden Lachen, aus dem Bauch heraus. Stimmgewaltig und streng kann sie sein, mit der notwendigen Courage dafür ausgestattet. Wenn sie mit ihrem schwarzen Businessanzug einen Raum betritt, ist ihre Power, eine Mischung aus Mädchenhaftem und aus Machtbewusstsein, sofort zu spüren. Die wenig ängstliche Frau kann auch bei heftigem Gegenwind nichts aus der Ruhe bringen, dann zeigt sie sich standfest geerdet. Mit den männlichen Alphatieren aus der obersten Etage weiß sie umzugehen. Zugleich ist sie „ down to earth“, kann nähen, kochen, backen. Sie folgt nie den legendären „Brigitte-Diäten“, raucht filterlose Zigaretten, wandert gerne.

Sie selbst sieht sich als Teamplayer, mit der Einschränkung, dass zuletzt eine wissen muss, wo es lang geht. Von ihren Redakteurinnen erwartet sie, dass sie sich für ihre „Brigitte“ standhaft einsetzen, mit Beiträgen, die sie selbst lesen wollen. Frau Volk, wie sie genannt wird, sucht und fördert Mitarbeiterinnen mit eigenen Ideen, besonders wenn sie bereit sind, für ihre Überzeugungen auch zu brennen. Und wenn ihr Rat gesucht oder ihre Hilfe gebraucht wird, dann ist sie mit einem großen Herzen zur Stelle, scheut sich nicht, sich deshalb mit den Managern im Verlag anzulegen. Mit ihrem kontinuitätsbewussten und gradlinigen Qualitätsjournalismus legt sie den Grundstein dafür, dass die Redakteurinnen und Redakteure richtig gern bei der „Brigitte“ arbeiten.

Mit 47 heiratet sie Axel Hecht, den Chefredakteur der Kunstzeitschrift „Art“, dessen Frau zuvor verstorben war. Er bringt zwei Teenager-Töchter mit in die Ehe, für die kinderlose Anne Volk ein Glücksfall. Wie unabhängig sie war, ist und denkt, zeigt sich, als sie bereits mit 57 entscheidet, sich aus dem aktiven Berufsleben zurück zu ziehen. Nach ihrer Verlagszeit gehört die belesene, humorvolle und angenehm uneitle Anne Volk noch viele Jahre dem Vorstand des Literaturhaus e.V. Hamburg an, zuletzt als stellvertretende Vorsitzende.

Anne Volk stirbt am 6. Januar 2017. Sie bleibt in respektvoller und zugeneigter Erinnerung. 

(he)

 

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