Hans Wallenberg stammte aus einer Berliner Journalistenfamilie. Bei Ullstein lernte er das Journalistenhandwerk und erlebte dort – in der Demokratie bis 1933 – die Presse- und Redaktionsfreiheit. Im Dritten Reich bekam er Publikationsverbot und erlernte das Schuhmacher-Handwerk, um sich damit über Wasser zu halten. Schließlich emigrierte er in die USA, wurde amerikanischer Staatsbürger und Soldat. Als Offizier kehrte er nach Berlin zurück, wo er vom US-State Department als Chefredakteur der Heeresgruppen-Zeitung Allgemeine Zeitung eingesetzt wurde. Später wurde er Nachfolger von Hans Habe als Chefredakteur der Neue Zeitung, mit Unterbrechungen bis zu deren Einstellung im Jahr 1955. Hans Wallenberg war eine Leitfigur im deutschen Nachkriegs-Journalismus.
Hans Wallenberg wurde am 17. November 1907 in Berlin geboren. Er war der Sohn von Dr. Ernst Wallenberg, leitender Mitarbeiter im Ullstein-Verlag und Chefredakteur von Tempo, BZ am Mittag und der Vossischen Zeitung.
Nach Schulzeit und Studium ging auch Hans Wallenberg zum Ullstein-Verlag und arbeitete dort in der Redaktion der Vossischen Zeitung, die in der Weimarer Zeit ein Sprachrohr für die demokratischen und liberalen Stimmen war. Nach Hitlers Machtergreifung wurden Vater und Sohn entlassen. Die Vossische Zeitung musste 1934 ihr Erscheinen einstellen, der Ullstein-Verlag wurde arisiert, seine Reste dem NSDAP-eigenen Eher-Verlag einverleibt. Die Wallenbergs blieben noch bis 1938 in Deutschland. Dann wanderte die Familie in die USA aus.
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Hans Wallenberg und seine beiden Brüder wurden amerikanische Staatsbürger und dienten in der US-Armee. Im Frühsommer 1945 kehrte Captain Hans Wallenberg zurück nach Berlin, traf dort Peter de Mendelssohn und gemeinsam schufen beide die Voraussetzungen zum Start einer Zeitung der amerikanischen Armee für die Berliner Bevölkerung. Sie sorgten für den Erhalt und Wiederaufbau des früheren Ullstein-Druckhauses Tempelhof, verhinderten seine Demontage durch die Sowjets und stellten ein Redaktionsteam für die geplante Allgemeine Zeitung zusammen. Hans Wallenberg wurde ihr Chefredakteur. Zu seiner Redaktion gehörten der Theaterkritiker Friedrich Luft, der spätere Politiker Egon Bahr sowie der Schriftsteller Peter Weidenreich alias Peter Wyden.
Hans Wallenberg wollte den Berlinern keinesfalls nur ein Informationsblatt der alliierten Militärregierung vorsetzen; die Allgemeine Zeitung sollte darüber informieren, was wo geschehen war und ihren Lesern erklären, warum das so war. Und dabei natürlich die Unterschiede zwischen dem gescheiterten Führerprinzip und einer funktionierenden Demokratie verdeutlichen.
Ein Beispiel: Bei den Parlamentswahlen am 5. Juli 1945 hatte die Labourpartei in Großbritannien die absolute Mehrheit errungen. Winston Churchill, der die Briten erfolgreich durch den Krieg geführt hatte, wurde überraschend von Clement Attlee abgelöst. Und in den USA war nach Roosevelts Tod noch kurz vor Kriegsende sein Vizepräsident Truman an die Spitze des Staates getreten. Mit anderen Worten: die „Großen Drei“ – jetzt Attlee, Stalin und Truman – waren bei der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 mehrheitlich andere Personen als zuletzt zwischen 4. bis 11. Februar 1945 in Jalta.
Grund genug für Hans Wallenberg, in seinem ersten Leitartikel der Allgemeinen Zeitung mit Blick auf die beiden Neuen unter den „Großen Drei“ den in Deutschland gelebten Führermythos kritisch zu hinterfragen - angesichts dieser Wechsel von Roosevelt zu Truman und von Churchill zu Attlee:
„Beide Fälle sind Schulbeispiele für das Funktionieren gesunder Demokratien, die ihre Existenz nicht in die Hände einzelner legen und die keinen einzelnen mit einer Macht ausstatten, die sie ihm nicht wieder abnehmen und ohne weiteres auf einen anderen übertragen können, ohne dabei das Staatsgefüge in seinen Grundfesten zu erschüttern. Wären Männer wie Roosevelt und Churchill die Produkte eines Führerwahns gewesen, so hätten sie als höchstes Ziel die Unersetzlichkeit zusammen mit der Unabsetzbarkeit erstreben müssen ...
Der Wechsel von Roosevelt zu Truman, von Churchill zu Attlee im Rat der ‚Großen Drei‘ hat sich fast geräuschlos vollzogen. Den mit demokratischen Prozessen nicht Vertrauten könnte es erscheinen, als drücke sich hierin ein Mangel an Dankbarkeit gegenüber den Großen der Nation aus. In Wirklichkeit zeigt die unzeremonielle Fortführung durch neue Männer, auf wie solidem Grund Roosevelt ebenso wie Churchill gebaut haben. Sie haben ihre Ämter als das verstanden, als was sie ihnen von ihren Völkern übertragen worden waren. Ihnen war ein Auftrag erteilt worden ...
Nur Staatsmänner, die es mit ihren Völkern nicht ehrlich meinen, sonnen sich im Bewußtsein ihrer Unentbehrlichkeit. Für die wahrhaft Großen jedoch ist die schönste Bestätigung ihres Werkes, daß es weitergeht, auch wenn sie selbst nicht mehr das Lenkrad in der Hand halten.“
Die Allgemeine Zeitung erschien in Berlin nur die kurze Zeit zwischen dem 8. August und dem 11. November 1945. Nach dem Erscheinen des lizensierten Der Tagesspiegel wurde sie eingestellt. Ihre Aufgaben sollte eine Berlin-Ausgabe der Neue Zeitung in München übernehmen, eines der zahlreichen Zeitungsprojekte von Hans Habe. Darum ging Wallenberg 1946 nach München und trat in die Redaktion dieser überregionalen Zonenzeitung der amerikanischen Information Control Division ein. Im März 1946 wurde er ihr Chefredakteur und entwickelte das Blatt kontinuierlich zu einem Prototyp für informativen, weltoffenen Journalismus und freiheitlichen Redaktionsstandards. Für ihre Berlin-Ausgabe schrieb er am 14. Oktober 1946 – vor den ersten freien Wahlen in Berlin und nicht abgestimmt mit der US-Militärregierung dort – einen weiteren Leitartikel mit großer Resonanz. Unter der Headline „Fürchtet Euch nicht!“ ein Aufruf an die Berliner, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen und frei nach eigenem Urteil zu wählen. Trotz aller Drohgebärden aus Richtung der kommunistischen SED. Apropos Resonanz: die Redaktion der Neue Zeitung erhielt damals tagtäglich um die 600 Leserbriefe, ein für Deutschland bis dato ungewohntes Feedback.
Dennoch trat er im November 1949 als Chefredakteur zurück, genervt von den zermürbenden Kämpfen mit den Kontrollinstanzen der Militärregierung. Sie warfen ihm vor, zu wenig über den American Way of Life als Vorbild zu berichten. Als seine Nachfolger solchen Forderungen nachkamen, brach die Auflage gewaltig ein. Daraufhin wurde er im November 1949 zurückgeholt und war bis zu ihrer Einstellung im Januar 1955 ihr Chefredakteur. Über die Neue Zeitung urteilten Kritiker später, sie sei neben Care-Paketen und Marshall-Plan das vielleicht erfolgreichste Projekt der Amerikaner für Nachkriegsdeutschland gewesen.
Wallenberg kehrte nach New York zurück und startete dort einen Wirtschaftsdienst. Im Verlauf des Kalten Krieges geriet auch er in die Optik von Senator McCarthy, der ihn für einen Kommunistenfreund hielt, nur weil seinerzeit in der Redaktion der Neue Zeitung auch Linke wie Stefan Heym beschäftigt worden waren.
1959 holte ihn Axel Springer in seinen Verlag, zunächst als Leiter des Springer-Auslandsdienstes in New York. 1961 kehrte er dann endgültig nach Berlin zurück, leitete dort die PR-Abteilung des Springer Verlags und wurde Generalbevollmächtigter der zum Springer-Imperium gehörenden Ullstein GmbH. Von 1962 bis 1964 war er geschäftsführender Redakteur bei Die WELT und danach bis 1967 Direktor der Ullstein-Buchverlage.
Von 1962 bis 1970 war er parallel dazu noch Geschäftsführer des Vereins zur Förderung der Publizistik in den Entwicklungsländern, der auf seiner Idee beruhte. Außerdem gehörte Wallenberg zu den Gründern der Gesellschaft für ein Jüdisches Museum.
Hans Wallenberg, inzwischen Träger des Großen Verdienstkreuzes, starb am 13. April 1977 und wurde auf dem Wilmersdorfer Friedhof beigesetzt.
(hhb)