Rudi Wetzel

Rudolf Paul Wetzel wurde am 10. Januar 1909 als Sohn eines Dekorations- und Möbelmalers in Rechenberg/Erzgebirge geboren. Nach dem Besuch der dortigen Volksschule und einer Aufbauschule in Dresden studierte er ab 1929 Pädagogik an der Technischen Hochschule Dresden. 1930 trat er in die SPD ein, wechselte aber ein Jahr später zur KPD und wurde Vorsitzender des Kommunistischen Studentenbundes in Dresden. 1934 wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet, zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung dieser Haft ins Konzentrationslager Sachsenburg überführt. Unmittelbar nach seiner Entlassung im Jahr 1937 floh er ins Ausland und gelangte via Budapest, Paris und London nach Schweden.

Im schwedischen Exil arbeitete er als Elektroschweißer, ein Beruf, den er in Großbritannien gelernt hatte. Er wurde Mitglied im schwedischen Metallarbeiterverband. Im Berliner Reichssicherheitshauptamt wurde er ab 1940 als Staatsfeind geführt und in der „Sonderfahndungsliste GB“ registriert, wie rund 2.800 weitere Personen, darunter Politiker, Parteimitglieder, Professoren, Juden, Gewerkschafter, Beamte, Schriftsteller und ganz normale Bürger, die man für Regimegegner hielt.

 

article picture

Foto Rudi Wetzel: Archiv Museum Lichtenberg im Stadthaus, Nachlass Wetzel

1940 geriet Wetzel, als Verfasser der „Göteburger Resolution“ gegen den 1939 vereinbarten deutsch-russischen Nichtangriffspakt, in Konflikt mit der deutschen Exil-KPD in Moskau und wurde auf Anweisung von Walter Ulbricht von anderen in Schweden lebenden Kommunisten isoliert. 1942 zog Wetzel von Göteburg nach Stockholm und durfte – angesichts des von ihm prophezeiten Kriegs zwischen Deutschland und der Sowjetunion - nun wieder Parteiarbeit leisten. 1943 wurde er Redaktionssekretär bei der in Stockholm erscheinenden kommunistischen Zeitschrift Politische Information. Für die er mehrere Artikel unter den Pseudonymen Ber Wernau, Karl Scharf oder Max Richter verfasste.

Im Januar 1946 kehrte Rudi Wetzel nach Deutschland in die Sowjetische Besatzungszone zurück. Dort wurde er Hauptreferent in der Abteilung Presse und Rundfunk des Zentralkomitees der SED und im Jahr darauf Leiter der Auslandspressestelle. Von 1950 bis 1953 war Wetzel Chefredakteur des SED-Funktionärsblatt Neuer Weg und Präsidiumsmitglied der „Internationalen Organisation der Journalisten“. 1953 wurde er noch kurzzeitig Chefredakteur der Zeitschrift Friedenspost. Wenige Monate später übernahm er die Chefredaktion der vom SED-Zentralkomitee gerade gestarteten Wochenpost und wurde Vorsitzender des „Verbandes der Deutschen Presse (VDP)“. „Für die Wochenpost-Redaktion gewann er mehrere unabhängige Geister, von denen einige bereits andernorts angeeckt waren“, wie Klaus Polkehn in seinem Buch „Das war die Wochenpost“ schreibt. „So dass diese Wochenpost eigentlich eine journalistische Strafkompanie gewesen sei“, lautete der Spott, „voller politisch Vorbestrafter“. Und sein kollegiales Urteil: „Wetzel glaubte an die sozialistische Utopie, aber er glaubte nicht blind“.

1957 wurde Wetzel von beiden Positionen wieder abberufen und musste den Berliner Verlag verlassen. Grund dafür war sein Aufbegehren gegen die restriktive Informationspolitik der DDR-Regierung – Wetzel hatte zudem die Haltung der DDR-Regierung zu den Volkserhebungen in Polen und Ungarn im Herbst 1956 kritisiert. Gemeinsam mit Redaktionskollegen verfasste er am 27. Oktober 1956 einen Brief an das Politbüro der SED, in welchem die Wochenpost-Redaktion „wahrheitsgetreue und nicht einseitige Informationen“ forderte sowie die Einhaltung „der Leninschen Normen des Partei- und Staatslebens“ anmahnte. Ulbricht zitierte Wetzel daraufhin herbei und machte ihm klar, dass allein die SED die Linie bestimme, auf welche die Informierung der Öffentlichkeit ausgerichtet würde. Außerdem nahm er Wetzel besonders übel, dass dieser sich weigerte, einen auf dieser ZK-Linie liegenden Artikel über „Pressefreiheit“ für das SED-Zentralorgan Neues Deutschland zu schreiben. Was ihm als Illoyalität zur Partei-Linie ausgelegt wurde.

Ab da war Rudi Wetzel nur noch persona non grata und musste sich mit untergeordneten journalistischen Aufgaben begnügen. Im Juni 1957 wurde er Redakteur bei der Illustrierten Freie Welt – aber selbst dort schon im Februar 1958 wegen ideologischer Mängel wieder fristlos entlassen. Erst 1959 fand er erneut eine Redakteursstelle bei der Zeitschrift Urania und durfte außerdem für Zeitschriften wie Wissen und Leben schreiben.

1965 wurde Wetzel freischaffender Wissenschaftsjournalist. Seine Berichte und Reportagen erschienen in der schwedischen Gewerkschaftszeitung grafia und auch in einigen DDR-Zeitschriften. Als akkreditierter Journalist war es ihm zudem möglich, in den Westen zu reisen – aber ab 1968 stand er unter ständiger Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Denn er war ein Freund des Regimekritikers Rudolf Bahro und half diesem als Lektor bei der Redaktion des Buches „Die Alternative“, in welchem Bahro heftige Kritik am real existierenden Sozialismus übte. Nach der Verhaftung Bahros wurde auch Wetzel von der Stasi verhört, blieb aber persönlich weitgehend unbehelligt, wohl weil man den Eindruck erwecken wollte, Bahro sei ein Einzelgänger gewesen. Wetzels Frau allerdings verlor ihren Job in der „Akademie der Wissenschaften“.

Wetzels Verdammung dauerte bis 1990. Sein 80zigster Geburtstag im Januar 1989 wurde in keinem DDR-Medium erwähnt. Ganz anders als in der Bundesrepublik, wo man ihn als kommunistischen Nonkonformisten und Querdenker würdigte und an seine Maxime erinnerte: „Kopf hoch und nicht die Hände!“ Am 25. Januar 1990 wurde Rudi Wetzel dann aber in der DDR bei einem außerordentlichen Kongress des „Verbandes Deutscher Journalisten“ rehabilitiert. Rudolf Wetzel starb am 31. August 1992 in Berlin.

(hhb)

 

Biographische Datenbanken der Bundesunmittelbaren Stiftung des öffentlichen Rechts

 

Bücher:

Klaus Polkehn: Das war die Wochenpost: Geschichte und Geschichten einer Zeitung; Ch. Links Verlag, Berlin 1997