„Freyheit der Presse ist Angelegenheit und Interesse des ganzen Menschengeschlechtes. Ihr haben wir hauptsächlich die gegenwärtige Stufe von Kultur und Erleuchtung, worauf der größere Theil der Europäischen Völker steht, zu verdanken. Man raube uns diese Freyheit, so wird das Licht, dessen wir uns gegenwärtig erfreuen, bald wieder verschwinden; Unwissenheit wird bald wieder in Dummheit ausarten, und Dummheit uns wieder dem Aberglauben und dem Despotismus preisgeben. Die Völker werden in die Barbarey der finstern Jahrhunderte zurück sinken; und wer sich dann erkühnen wird Wahrheiten zu sagen, an deren Verheimlichung den Unterdrückern der Menschheit gelegen ist, wird ein Ketzer und Aufrührer heißen, und als ein Verbrecher bestraft werden.“ (Wieland 1785 über Pressefreiheit im „Teutschen Merkur“)
Wieland wurde am 5. September 1733 in Oberholzheim bei Biberach an der Riß als Sohn einer Pfarrerfamilie geboren. Unterricht erhielt er zunächst vom Vater und von Privatlehrern, besuchte aber auch die Biberacher Lateinschule und beschäftigte sich sehr früh mit den Aufklärern Voltaire, Bernard le Bovier de Fontenelle oder Pierre Bayle. Nach der Schulzeit begann er in Erfurt ein Studium der Philosophie und fing zu schreiben an, kleine Geschichten und Gedichte. 1750 studierte er in Tübingen kurze Zeit Jura, vernachlässigte das aber bald zu Gunsten seiner literarischen Interessen und wandte sich mit großer Intensität den Ideen der Aufklärung zu.
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Wieland wurde schon in den 50er und 60er Jahren des 18. Jahrhunderts zu jenem heiteren Aufklärer und Kulturbeobachter, als der er später bekannt, beliebt und viel gelesen wurde. Wieland hatte es aber angesichts seiner Sprachvirtuosität und wegen seines oft als frivol empfundenen Witzes nicht immer leicht. Gerade andere Literaten seiner Zeit – etwa die „Göttinger Hainbündler“ um Johann Heinrich Voß und Ludwig Hölty - verachteten ihn und grenzten sich konsequent von Wieland ab. Hölty bezeichnete ihn als ‚Wollustsänger‘, und auch der junge Goethe verspottete ihn 1774 in seiner Posse „Götter, Helden und Wieland“. Wieland reagierte gelassen und rezensierte das Machwerk seines späteren Freundes und lobte Goethes Farce als Meisterstück der Persiflage.
Denn Wieland war nicht nur Dichter und Denker, sondern da bereits der Publizist der auflagenstärksten Zeitschrift im 18. Jahrhundert, des Teutschen Merkur, der von 1773 bis 1810 erschien. 1773 zunächst als Literaturzeitschrift, in der er im Jahr darauf dann schon seine zeitkritische Satire „Die Geschichte der Abderiten“ in Fortsetzungen veröffentlichte. In dieser Zeitschrift setzte sich Wieland energisch für Pressefreiheit ein, die er als ein wichtiges Menschenrecht ansah. 1785, also noch vor der französischen Revolution, veröffentlichte er im Teutschen Merkur den Essay „Über die Rechte und Pflichten der Schriftsteller“, mit einer klaren Botschaft: „Freiheit der Presse ist Angelegenheit und Interesse des ganzen Menschengeschlechts.“ Und ab 1789 veröffentlicht er mehrere Aufsätze über die Französische Revolution, nun von ihm teilweise frei nach Lukian satirisch zu „Göttergesprächen“ verkleidet.
Als Publizist wollte er möglichst unparteilich bleiben, auch und gerade in seinen Kommentaren zur Französischen Revolution und später in seiner Beurteilung von Napoleon Bonaparte. Wielands Credo: „Kein einseitiges Urtheilen und Parteinehmen!“ Niemals wollte er irgendwelchen vorgefertigten Meinungen folgen, sondern zählte Unparteilichkeit und Wahrhaftigkeit zu den absoluten Pflichten eines Journalisten. Und immer wollte er zum Nachdenken anregen – ein Urteil sollte schon jeder seiner Leser selber fällen.
Heute müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen: seit Erfindung des Buchdrucks gab es die Zensur, zunächst vor allem durch die Kirchen. Erst im 17. Jahrhundert wurden erste regelmäßig erscheinende Zeitungen herausgegeben, in den deutschen Staaten geschätzt maximal 70. Im folgenden Jahrhundert erschienen dann bereits 200 bis 250 Titel, und die gerieten nun in die Optik staatlicher Organe, welche die darin veröffentlichten Meinungen in ihrem Sinne unter Kontrolle halten wollten. Damit wurde die Zensur auch auf politische und gesellschaftspolitische Themen ausgeweitet.
Aus der so entstandenen Finsternis wollten die Aufklärer ausbrechen, wieder Licht in die Dunkelheit bringen – Licht der Vernunft. Kants Aufforderung aus dem Jahr 1784 - „Sapere aude! - Wage es, weise zu sein!“ – dieses „wage es, dich deines Verstandes zu bedienen“ wurde zum Wahlspruch der Aufklärung.
Ab 1772 lebte Wieland in Weimar, zunächst als Erzieher der beiden Söhne der verwitweten Herzogin Anna-Amalia. Und hier gehörte er bald zum Weimarer Dichterkreis um die Herzogin, zu dem auch Goethe, Herder, Musäus oder Schiller gehörten. Von Weimar aus leitete er die Redaktion des Teutschen Merkurs bis 1798 und widmete sich der Literaturkritik, der Aufklärung oder der Übersetzung von Werken Lukians, von Horaz, Cicero oder Xenophon.
Von 1796 bis 1810 gab er mit einer kurzen Unterbrechung zusätzlich die Zeitschrift „Attisches Museum“ heraus und veröffentlichte darin u.a. die Komödien des Aristophanes und zwei Tragödien von Euripides.
Christoph Martin Wieland starb am 20. Januar 1813 in Weimar.
(hhb)
Quellen:
Wieland: Ueber die Rechte und Pflichten der Schriftsteller - in der Teutsche Merkur, 1785
Wieland: Politische Schriften, insbesondere zur Französischen Revolution – Verlag Franz Greno, 1988