Roger Willemsen war in allen Mediagattungen aktiv, als Korrespondent, TV-Moderator, Filmproduzent, Publizist oder Kolumnist. Nicht nur ein intelligenter, ein intellektueller Unterhalter in all diesen Disziplinen.
Geboren wurde er am 15. August 1955 in Bonn als Sohn seines Kunsthistorikers und einer Kunsthändlerin. Seine Kindheit verbrachte er in Bonn und besuchte dort das Helmholtz-Gymnasium. Sein Vater starb schon Anfang August 1971 an Krebs.
Nach dem Abitur studierte Roger Willemsen Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien, als Stipendiat des Evangelischen Studienwerks. 1984 wurde er mit einer Dissertation über Robert Musil promoviert.
Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Übersetzer und freier Autor, ging dann 1988 für drei Jahre nach London als Korrespondent für Zeitungen und Rundfunksender.
Ab 1991 wurde Roger Willemsen durch die live übertragene „Talkshow 0137“ beim Bezahlsender Premiere bekannt, in der er mehr als 1.000 Gäste interviewte. Dafür wurde er schon 1992 mit dem „Goldenen Kabel“ für die innovativste TV-Sendung und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Und im Jahr darauf mit dem Grimme-Preis in Gold.
1993 gründete er seine TV-Produktionsfirma „NOA-NOA“ und produzierte Dokumentationssendungen. Im Jahr darauf wechselte er zum ZDF und moderierte dort bis 1998 die Talkshow „Willemsens Woche“. Parallel dazu hatte er noch die Porträtreihe „Willemsens Zeitgenossen“ gestartet, in der er zum Beispiel Vivienne Westwood, Philippe Starck oder Quincy Jones vorstellte.
Deutscher Hörbuchpreis 2015; Roger Willemsen Preis für das beste Sachhörbuch
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Und so ging es Schlag auf Schlag weiter bis Anfang 2002, mit „Willemsens Musikszene“, „Gipfeltreffen“ oder „Nachtkultur mit Willemsen“. Zwischendurch noch die „Echo-Klassik-Gala“ sowie eine Hommage zum 100. Geburtstag von Bertolt Brecht.
Ab 2004 moderierte er dann die älteste deutschsprachige Literatur-Sendung „Literaturclub“ im Schweizer Fernsehen und im Hörfunk des WDR 5 das Literaturmagazin „SpielArt“.
Und bei NDRkultur startete Willemsen die wöchentliche Sende-Reihe „Roger Willemsen legt auf – Klassik trifft Jazz“ und stellte darin von 2009 bis 2015 in 279 Folgen jeweils eine Komposition aus Klassik und Jazz vor. Und mit seiner Kollegin Anke Engelke dann „Engelke & Willemsen legen auf“, nun mit einem erweiterten Spektrum aus der Pop-Musik – Hip-Hop, Rhythm & Blues etc.
Auch als Publizist, Essayist und Kolumnist blieb Roger Willemsen Zeit seines Lebens aktiv: Für die linksliberale Wochenzeitung Die Woche von Manfred Bissinger schrieb er bis zu deren Einstellung neun Jahre lang eine wöchentliche Kolumne. Viermal im Jahr veröffentlichte er im ZEIT-Magazin seine Kolumne „Willemsens Jahreszeiten“ und kommentierte darin humorvoll aktuelle Ereignisse aus Politik und Kultur. Außerdem hat er zahlreiche Bestseller auf den Buchmarkt gebracht.
Wenn man sich alle diese Aktivitäten anschaut, sein facettenreiches Lebenswerk, dann fragt man sich unwillkürlich, wie er das alles schaffen konnte. Vielleicht hilft da seine Aussage: „Zu den größten Glückszuständen gehört für mich der Zustand der Produktivität.“ Falls Enthusiasmus und Leidenschaft jemals Stress schaffen, dann sicherlich nur positiven.
Am 18. August 2015, drei Tage nach seinem 60zigsten Geburtstag wurde bekannt, dass Roger Willemsen wie sein Vater an Krebs erkrankt war. Kurze Zeit darauf starb Roger Willemsen am 7. Februar 2016 in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg. Er wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.
Roger Willemsen hatte sich sozial für mehrere NGOs Nichtregierungsorganisationen engagiert, zum Beispiel für Amnesty International und Terre des Femmes. Und war Mitglied bei der globalisierungskritischen Organisation Attac.
(hhb)
Quellen
Publizist Roger Willemsen ist tot / Deutschlandfunk am 8.2.2016
Alumni: Roger Willemsen / Helmholtz-Gymnasium Bonn am 27.2.2022
Zu schlau fürs Fernsehen: Der Publizist Roger Willemsen / WDR am 7.2.2026
Niels Tenhagen: „Der, der immer über Kultur redet“: Vor zehn Jahren starb der letzte große Intellektuelle des deutschen Fernsehens / STERN am 7.2.2026
Insa Wilke: Roger Willemsen, ein Welterklärer mit Herz / NDR am 11.2.2026
Insa Wilke: Der leidenschaftliche Zeitgenosse
Bücher + Schriften
Roger Willemsen: Figuren der Willkür / 1987
Roger Willemsen: Deutschlandreise / Eichborn Verlag, 2002
Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo / Zweitausendeins Verlag, 2006
Roger Willemsen: Afghanische Reise / S. Fischer Verlag, 2006
Roger Willemsen: Der Knacks / S. Fischer Verlag, 2006
Roger Willemsen: Die Enden der Welt / S. Fischer Verlag, 2010
Roger Willemsen: Momentum / S. Fischer Verlag, 2012
Roger Willemsen: Das Hohe Haus Ein Jahr im Parlament / S. Fischer Verlag, 2014
Roger Willemsen: Musik / S. Fischer Verlag, 2018
Roger Willemsen: Unterwegs. Vom Reisen / S. Fischer Verlag, 2020