Alois Winbauer

Alois Winbauer war ein konservativ-liberaler Journalist und Publizist, der zu keiner Zeit mit den Wölfen geheult hat. Auch in den schwierigen Nazi-Zeiten hat er seine journalistische Verantwortung, soweit das damals überhaupt möglich war, wahrgenommen.

Alois Winbauer wurde am 6. März 1896 in Niederbayern, in Geiselhöring/Landkreis Straubing geboren. Dort besuchte er das Humanistische Staatliche Gymnasium, wo er auch sein Abitur machte. Im Ersten Weltkrieg diente er ab 1915 an der Westfront vor Verdun und in Flandern und wurde dort schwer verwundet. Nach dem Krieg schloss er sich 1918 vorübergehend einem Freikorps an, der Volkswehr Regensburg.

1919 konnte er endlich das lange geplante Studium in Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität München beginnen. Während dieses Studiums lebte er zeitweise als Untermieter im Haushalt seiner Tante Franziska Braun, der Mutter von Winbauers 16 Jahre jüngeren Nichte Eva Braun, die später die Geliebte und Ehefrau Hitlers wurde.

Gegen Ende seines Studiums wurde Winbauer Redakteur der SDK Süddeutsche Demokratische Korrespondenz, dem Pressedienst der linksliberalen DDP Deutsche Demokratische Partei. Außerdem entwickelte Winbauer mit dem Süddeutschen Zeitungsdienst noch einen überparteilichen Pressedienst.

Dort enthüllte Winbauer im Dezember 1922, also lange vor dem Hitlerputsch im November 1923, dass die NSDAP mit erheblichen finanziellen Mitteln vom Bayerischen Industriellenverband unterstützt wurde.

Darüber berichteten dann Der Tag in Wien (am 16.12.1922: „Die bayrischen Fascisten“), die Freie Presse für Ingolstadt (am 18.12.1922: „Die Geldgeber des Herrn Hitler“), das Tagblatt – Organ für die Interessen des werktätigen Volkes (am 8.2.1923: „Sie leben von den Kapitalisten“) oder Arbeiterwille in Graz (am 24.6.1923: „Die Geldquellen der Hakenkreuzler“).

Im Juli 1923 übernahm Winbauer die Chefredaktion zweier der DDP nahestehenden Zeitungen, der Nürnberg-Fürther Morgenpresse und Nürnberg-Fürther Abendpresse. Ende 1925 wechselte er als politischer Redakteur zum liberalen Hamburger Anzeiger, damals die auflagenstärkste Zeitung in der Hansestadt. Ab Januar 1926 wurde er dort Ressortleiter Politik und ab Juli 1929 ihr Chefredakteur.

Alois Winbauer war Mitglied der DDP und ihrer Nachfolgepartei DStP Deutsche Staatspartei, ein Zusammenschluss zur Stabilisierung des Liberalismus und zur Abwehr des Nationalsozialismus als Interessenvertretung des konservativen Bürgertums. Andere Hamburger Partei-Mitglieder waren Bürgermeister Carl Petersen oder Senator Walter Matthaei. Winbauer hat in seinen Leitartikeln für den Hamburger Anzeiger stets kritisch gegenüber Hitler und der NSDAP argumentiert; nebenberuflich war er darüber hinaus für weitere Publikationen der DDP tätig.

Die Nazis wollten den Hamburger Anzeiger als wichtige Stimme des starken Hamburger Bürgertums besonders vor den Reichstagswahlen am 5. März 1933 einschüchtern – darum griff die SA am 27. Februar und am 5. März den Redaktionssitz im Girardet-Pressehaus am Gänsemarkt an, vor allem auf der Suche nach Winbauer. Denn der hatte noch am 30. Januar 1933 auf der Titelseite des Anzeigers „Hitler als eine ungeheure Gefahr für den Frieden unseres Volkes“ abgelehnt. Als die Redaktion dann auch noch ein angeblich aus dem Ausland stammendes und zum Widerstand aufrufendes Flugblatt abdruckte und sich lediglich mit einem kurzen ironischen Satz davon distanzierte, griffen die Machthaber ein, lösten Winbauer ab und ersetzten ihn durch ihren Parteigenossen Hans Jacobi, der bis dato das Partei-Organ Hamburger Tageblatt geleitet hatte.

Winbauer plante nach seiner Absetzung eine regimekritische Untergrundzeitung Der Begleiter, um die sich verbliebene Liberale sammeln sollten; doch daraus wurde nichts.

Nun ging er als Hauptschriftleiter zur NMZ Neue Mannheimer Zeitung, die im Verlag der Dr. Haas KG erschien. Dort leitete er die Redaktion bis zur Zwangsfusion im Januar 1944 mit der NS-Gauzeitung Hakenkreuzbanner. In diesen Jahren musste er sich zwar dem Regime unterordnen, hat es aber niemals wie gefordert enthusiastisch unterstützt. Sein Nachfolger Hans Joachim Deckert beim Mannheimer Morgen, wie das Blatt nach 1945 hieß, urteilte über Winbauer: „Er hat mit schlitzohrigem Charme eine bürgerliche Zeitung durch die Diktatur gesteuert.“ Dass er trotz seiner bekannten Haltung Hauptschriftleiter bleiben konnte, hatte er möglicherweise seiner Nichte Eva Braun zu verdanken – was ihn aber nicht von seiner generell kritischen Haltung gegenüber Hitler und dem NS-Regime abhielt.

Das beweist auch seine Nachkriegskarriere. 1946 wurde er Chefredakteur der Hamburger Freien Presse, nachdem er von den britischen Militärbehörden intensiv überprüft worden war und danach sogar vom Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess berichten durfte. Umstritten war später seine Aktion, ein deutsch-deutsches Gespräch zwischen den Lesern der Hamburger Neuen Presse und dem Neuen Deutschland in der DDR einzurichten. Die Leserbriefe sollten in beiden Zeitungen abgedruckt werden und dazu beitragen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Projekt wurde aber bald abgebrochen, weil in Ost und West Polemik und Propaganda dagegen überhandnahmen.

1952 holte die Mediengruppe Dr. Haas Alois Winbauer an seine alte Wirkungsstätte zurück, nun als Chefredakteur des Heidelberger Tageblatts. Mit Erreichen der Pensionsgrenze im April 1959 schied er dort als Chefredakteur aus, blieb dem Blatt aber als Chefkommentator verbunden.

1956 hatte Bundespräsident Heuss Winbauer das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

Alois Winbauer lebte lange in Hamburg-Wandsbek und starb am 17. Oktober 1983 im Alter von 87 Jahren in Neckarhausen.

(hhb)

 

Quellen:

Rita Bake: Verschiedene Welten II / Landeszentrale für politische Bildung - Seite 197

Vierteljahreshefte der Zeitgeschichte / Institut für Zeitgeschichte, München