Lucy von Jacobi

Die Schauspielerin, Journalistin und Autorin Lucy von Jacobi wurde am 8. September 1887 als Lucia Goldberg in Wien geboren. Sie war eine der ersten festangestellten Feuilleton-Redakteurinnen im Berliner Ullstein-Verlag. Damals eine Männerdomäne. In der gesamten Weimarer Republik gab es nur wenige festangestellte Journalistinnen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtete sie 1933 als Jüdin in die Tschechoslowakei, später nach Österreich und Italien und überlebte den 2. Weltkrieg in der Schweiz. Am 24. April 1956 starb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Locarno.

Lucy von Jacobi trat nach zwei Jahren Schauspielschule 1905 ihr erstes Engagement am Deutschen Theater in Berlin bei Max Reinhardt an, wo sie sich nach einer schweren Kindheit zum ersten Mal frei und angenommen fühlte. „Ich habe nun endlich eine Rolle bekommen“, schrieb sie in ihr Tagebuch. 1907 heiratete sie den promovierten Germanisten und Schauspieler Bernhard von Jacobi, bekam ein Kind und zog mit ihm nach München. Ihr Mann machte eine große Karriere, sie gab ihren Beruf auf und konzentrierte sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter. Kurz darauf notierte sie: „Ich leide zu Zeiten so sehr, dass ich zu ersticken glaube.“ Um sich aus diesem Tief zu befreien, begann sie 1913 erfolgreich feuilletonistische Texte zu schreiben. Den ersten verfasste sie über Picassos erste große Ausstellung, die nicht in Paris oder Barcelona, sondern in der Münchner Galerie Thannhauser eröffnet wurde.

 

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Copyright: Lucy-von-Jacobi-Archiv der Akademie der Künste

Kurz darauf trafen sie zwei Schicksalsschläge: Ihr sechsjähriger Sohn Hans starb im Februar 1914 an einer Lungenentzündung, und ihr Mann fiel im Oktober bei der Schlacht nah Douai in Nordfrankreich. Sie kehrte auf die Bühne zurück und unterschrieb 1919 einen Fünf-Jahres-Vertrag am Münchner Nationaltheater. Gleichzeitig fing sie wieder an zu schreiben. Ihre Kommentare zu Kulturereignissen zeichnete sie mit der Autorenzeile „Notizen einer Dilettantin“ und kokettierte so mit der Tatsache, dass sie keine akademische Ausbildung hatte. Zu ihrem Freundeskreis gehörten Rainer Maria Rilke, Olga und Arthur Schnitzler und Gustav Gründgens. Klaus Mann widmete ihr in seinem „Mephisto“-Roman ein kleines Porträt. Als „literarische Mitarbeiterin“ war sie ab Sommer 1924 für den neu entstandenen Rundfunksender NORAG in Hamburg tätig, ihr erster Radiobeitrag hieß „Die märchenhaften Frauen in Hauptmanns Werken“. Sie schrieb weiter für zahlreiche Zeitungen, unter anderen für die Weltbühne. 1924 übersetzte sie den Roman „Nana“ von Émile Zola ins Deutsche.

Nach einem halben Jahr als freie Mitarbeiterin wurde sie zum 1. Juli 1928 wurde sie als Feuilleton-Redakteurin bei der „Vossischen Zeitung“ fest angestellt. Als die Tageszeitung „Tempo“ am 11. September 1928 als „modernster Zeitungstyp Deutschlands“ auf den Markt kam, wurde sie dort „Redactrice“. Freunden gegenüber beklagte sie, sie müsse nun vor allem „spritzig, spritzig, spritzig“ schreiben, kurzweilige Unterhaltung liefern, aber „dafür bietet man mir ein gutes Gehalt“. Doch bald konnte sie sich als Film- und Theaterkritikerin einen Namen machen – mit Themen, die bislang ihren männlichen Kollegen vorbehalten waren.

Ihre Kritiken gingen häufig über eine reine Besprechung hinaus. So warnte sie in der der Besprechung des Historienfilms „Der schwarze Husar“ am 24. September 1932: „Jungens, Jungens, die ihr diesen Film seht: Es ist nicht immer so im Krieg! Nicht in allen Dorfwirtshäusern unter Blütenwolken erwarten euch verliebte Prinzessinnen. In Gaskriegen kann es manchmal ein bisschen anders kommen. Jungens, die ihr diesen Film seht: Schaut vorwärts, um Gottes willen! Seht, was auf euch zukommt.“ Bis 1933 druckte „Tempo“ etwa 2000 Artikel von ihr.

Mit der Machtübernahme Hitlers floh sie drei Jahre lang eher ziellos durch Europa, zunächst nach Prag, dann nach Wien, bis sie sich 1936 einen langgehegten Wunsch erfüllte: im toskanischen Fiesole eröffnete sie mit einer Freundin in der Villa Primavera eine kleine Pension. Kurz zuvor hatte sie ihr Heilkräuterbuch „Die Apotheke der Wiese“ beendet, in dem sie das Landleben feierte. 1938 erließ Diktator Mussolini die „Provvedimenti per la difesa della razza Italiana“ (Verordnungen zur Verteidigung der italienischen Rasse), wonach alle nicht-italienischen Juden ausgewiesen werden sollten. Ihr gelang die Flucht in die Schweiz, wo sie in Cureglia nahe Lugano lebte. Als ihr 1941 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, konnte sie nur mit illegalen Arbeiten Geld verdienen. Sie schrieb weiterhin Artikel und übersetzte mehr als ein Dutzend Bücher unter dem Pseudonym „Lino Rossi“.

Nach Ende des 2. Weltkriegs fragte sie verzweifelt: „... auf welchem Mistkaufen wird man mich verrecken lassen, wenn ich einmal nicht mehr verdienen kann?“ Ihre in Paris lebende Familie war von den Nazis ermordet worden. Deren Vermögen hätten sie und ihr Bruder erben sollen, doch jahrelanger juristische Streit verhinderte dies. Sie war auf Unterstützung von Freunden angewiesen. Eine neue Anstellung fand sie nicht. Deprimiert war sie über die schleppende und mangelnde Aufarbeitung der NS-Verbrechen und die ungebrochenen Karrieren darin verwickelter ehemaliger Nazis.

In einem Brief vom Februar 1946 schrieb sie: „… der vollkommene Mangel an Solidarität des Leidens, an Verpflichtungsgefühl, diese Leiden auszutragen u. auszuarbeiten, Mangel an Verantwortung, für das, was getan u. für das, was gelitten wurde, kurz: brutaler Egoismus u. d. uralte Trägheit d. Herzen u. jeglicher Mangel an Gefühlsfantasie – das nenne ich d. Nazi-Bazillus.“

Im Frühjahr 1954 wurde Lucy von Jacobi bei einem Spaziergang in Locarno von einem Motorrad erfasst, gegen eine Mauer gedrückt und schwer verletzt. Am 24. April 1956 starb sie an den Spätfolgen des Unfalls. Erst drei Jahre später erhielten ihr Bruder und der Verband Schweizerische Jüdische Fürsorge das Familienerbe ausgezahlt.

(ms)

 

Rolf Aurich / Wolfgang Jacobsen (Hg.): Lucy von Jacobi. Journalistin. Mit Aufsätzen von Lucy von Jacobi. Essays von Irene Below und Ruth Oelze.
edition text & kritik, München 2009.