Hugo von Kupffer

Hugo von Kupffer war der wohl erste deutsche Journalist, der als Reporter auch dem einfachen Volk aufs Maul geschaut hat und ihre Lebensumstände teilweise mit deren eigenen Worten beschrieb. Heinrich Zille zeichnete das „Berliner Milljöh“ – Hugo von Kupffer erkundete es auf seine Weise. Er durchstreifte die Stadt und beschrieb die Berliner Arbeitswelten und das alltägliche Leben in authentischen, auf Fakten beruhenden Reportagen. Persönlich recherchiert, gut beobachtet und anschaulich wiedergegeben.

Hugo von Kupffer wurde 1853 als Sohn eines baltendeutschen Physikers und Meteorologen und einer Amerikanerin in St. Petersburg geboren. 1858 zog die Familie nach Dresden, wo von Kupffer sein Abitur machte und ein Medizin- und Literaturstudium begann. Beides brach er bald ab. Aus familiären Gründen reiste er in die USA, arbeitete kurz in Florida bei der Küstenvermessung und danach von 1875 bis 1879 in New York im dortigen Pressewesen. Als Journalist für verschiedene Nachrichtenagenturen und beim New York Herald. Der Herald gehörte damals zu den modernsten Blättern in den Vereinigten Staaten – eine Tageszeitung, von der man zeitgemäßes journalistisches Handwerk voller Informationen und Reportagen erleben und lernen konnte.

 

article picture

Copyright: Lilienfeld Verlag

Zurück in Deutschland arbeitete er erfolgreich als Redakteur für eine Literaturzeitschrift und andere eher politische Blätter. 1880 lernte er im Berliner Café Bauer den Verleger August Scherl kennen. Beide besuchten dies Kaffeehaus in Unter den Linden 26 regelmäßig, um unter den dort im Lesezimmer ausliegenden bis zu 800 Presse-Erzeugnissen vor allem die deutlich anders gestalteten Blätter aus Amerika zu lesen. Von Kupffer erzählte Scherl von seinen Erfahrungen in New York und beschrieb die dort deutlich anderen Pressestandards. Damit überzeugte er den Verleger, diese erfolgreichen Standards für seine geplante Neugründung zu übernehmen - den Berliner Lokal-Anzeiger als Central Organ für die Reichshauptstadt.

Der, wie in Amerika bereits üblich, auch durch Anzeigenwerbung finanziert werden sollte und so als neuer Zeitungstyp besonders preiswert zu haben sein würde. Die zum Kennenlernen kostenlos abgegebene erste Wochenausgabe vom 3. November 1883 hatte bereits eine Auflage von 200.000 Exemplaren. Der Lokal-Anzeiger erschien anfangs nur einmal pro Woche, kam dann aber schrittweise dreimal pro Woche und schließlich täglich heraus.

Hugo von Kupffer arbeitete 45 Jahre lang als Chefredakteur für den Berliner Lokal-Anzeiger. Seine redaktionelle Arbeitsweise beschreibt der Journalist Walther Kiaulehn in seinem Buch „Berlin – Schicksal einer Weltstadt“ wie folgt: „Dieser außerordentliche Journalist setzte bei seinen Lesern nichts weiter voraus, als die Fähigkeit lesen zu können. Jede Nachricht, die einen schwierigen politischen oder geographischen Begriff enthielt, wurde erläutert, und zwar immer wieder und immer so abwechslungsreich und geschickt, daß der Leser meist gar nicht merkte, daß die Redaktion ihn behandelte wie ein kleines Kind. Aber zweihunderttausend Berliner wollten damals eben so und nicht anders behandelt werden.“

Neu waren ab 1886 zudem von Kupffers Reporter-Streifzüge unter dem Pseudonym „Berlin Beobachter“. Diese Reportagen starteten also bereits zu einer Zeit, als der später so berühmte „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch gerade einmal ein Jahr alt war. Von Kupffer berichtete stets aus eigener Anschauung, nach Gesprächen mit den dargestellten Personen und ganz ohne schöngeistige „Feuilleton-Schwärmerei“. So entstanden seine ungeschminkten, authentischen Stadt-Reportagen.

Darin beschreibt er zum Beispiel die Berliner Wasserversorgung, besucht Schlachthöfe, macht Interviews auf Wochenmärkten, lernt Vertreter der Berliner Unterwelt kennen. Berichtet auch über die Situation in den Stadt-Gefängnissen – aus ein wenig eigener Erfahrung, weil er sich dort hatte mehrere Stunden lang in einer Zelle einschließen lassen. Er schildert die Hinrichtung eines Raubmörders, ist Gast beim Zirkus und begibt sich in eine ganz andere Unterwelt, in die stinkende Berliner Kanalisation. In seinen Streiflichtern erwähnt und erläutert von Kupffer neue wissenschaftliche Erkenntnisse, verzichtet durchaus nicht auf kleine Frotzeleien – alles im Hinblick auf die von ihm beabsichtigte Aufklärung und Weiterbildung der einfachen Massen. Dazu gehören Daten und Fakten, die er als investigativer Journalist seinen Gesprächspartnern aus der Nase zieht oder, falls notwendig, sie damit konfrontiert. Und seinen Lesern alles detailliert erklärt.

Diese Art Journalismus war für die boomende Millionenstadt Berlin damals völlig neu, weil ganz anders als von den bildungsbürgerlichen Medien wie etwa der Deutschen Rundschau gewohnt, für die etwa Theodor Fontane schrieb. Dort dominierte das schöngeistige Feuilleton, dort wurden Dinge und Ereignisse beschrieben, von denen der einfache Stadtbürger bestenfalls nur träumen konnte, falls er überhaupt schon etwas davon gehört hatte. In seinen mehr als 2.000 Artikeln mischte sich von Kupffer immer wieder unter das einfache Volk, durchstreifte ihre Wohnviertel, studierte ihre Lebensumstände, deckte kleine und große Skandale auf, schrieb amüsiert über Kuriositäten wie so manche merkwürdigen Schilder in Berlin. Er zitierte gern die „Berliner Schnauze“ seiner Mitbürger: Wo jeht et denn hier nach die Sonnenfinsternis?“ – so eine mitgehörte Frage über eine angekündigte Sonnenfinsternis. Alles schon in der Art, mit der später auch die Boulevard-Zeitungen ihre Verkaufserfolge erzielten.

1911 verkaufte der Berliner Lokal-Anzeiger 300.000 Exemplare pro Tag. Als Scherl sich ab 1913/14 langsam aus der Verlagsführung zurückzog und den Verlag 1916 ganz an Hugenberg verkaufte, blieb von Kupffer weiter Mitglied der Chefredaktion und Stadtreporter des Lokal-Anzeigers. Darüber hinaus übernahm er die Chefredaktion der Familienzeitschrift Allgemeiner Wegweiser, die er zu neuen Höhen führte.

Hugo von Kupffer, ganz sicher ein Prototyp des modernen Journalismus, starb im Jahr 1928.

(hhb)

 

---

Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge – die ersten modernen Reportagen aus Berlin, Lilienfeld Verlag; Leseprobe

Walther Kiaulehn: Berlin – Schicksal einer Weltstadt, C.H. Beck

Reporterstreifzüge“: Moderne Reportagen aus dem historischen Berlin, von Friederike Schwabel in Fachjournalist vom 30. Januar 2020