Olaf Gulbransson war als Karikaturist, Maler und Grafiker eine internationale Berühmtheit, vor allem als Zeichner für den in München erscheinenden Simplicissimus. Geboren wurde er als Sohn eines Buchdruckers am 26. Mai 1873 in Christiania, dem heutigen Oslo. Nach seiner Schulzeit absolvierte er in seiner Heimatstadt von 1885 bis 1893 die Kongelige Kunst og Haandverkskole, eine Kunst- und Handwerksschule. In dieser Zeit veröffentlichte Gulbransson bereits erste Karikaturen in den Satiremagazinen Pluk, Tyrihans, Trangviksposten, Paletten oder Fluesoppen und illustrierte zudem Bücher.
1900 reiste er nach Paris, um an der Akademie des italienischen Bildhauers Filippo Colarossi zu studieren, damals eine fortschrittliche private Kunstschule im Gegensatz zur staatlichen Ècole des Beaux-Arts. Die Académie Colarossi besuchten Künstler wie Lyonel Feininger, Wilhelm Lehmbruck, Jacques Lipchitz, Alfons Mucha und viele andere, darunter auch Frauen wie Paula Modersohn-Becker.
1902 holte ihn Albert Langen, der Verleger des sechs Jahre zuvor von ihm gegründeten Simplicissimus nach München, für den Gulbransson in den folgenden 42 Jahren vor allem arbeitete.
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1906 nahm er die bayerische Staatsbürgerschaft an und erwarb ein Haus nahe des Englischen Gartens. Er wurde Mitglied der „Freien Secession Berlin“ und veröffentlichte dort seine Zeichnungen. 1916 muss er, als bayerischer Staatsbürger, vorübergehend Militärdienst leisten, wie üblich als Zeichner von Propagandazeichnungen im Ersten Weltkrieg. Danach wohnte er wieder in München und wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
1923 heiratete Olaf Gulbransson zum dritten Mal, die Enkelin des norwegischen Dichters Björnstjerne Björnson und Nichte seines Verlegers Albert Langen. Die nächsten vier Jahre blieb das Ehepaar in Norwegen, wo Gulbransson ein Haus kaufte und nun auch für die Osloer Tageszeitung Tidens Tegn zeichnete. 1925 wurde er, zusammen mit Edvard Munch, Ehrenmitglied der Münchner Akademie der Bildenden Künste.
1927 kehrte er zum 60. Geburtstag seines Kollegen Th. Th. Heine nach München zurück und nahm dort wieder seinen Wohnsitz.
1929 wurde er als Nachfolger von Franz von Stuck Professor an der Akademie für Bildende Künste in München. Am Tegernsee kaufte er ein altes Bauerngehöft, den Schererhof, den er von da an bewohnte.
Natürlich hatte der Simplicissimus den Aufstieg der NSDAP satirisch „befrozzelt“, wie Gulbransson zum Beispiel in Heft 28 vom 6. Oktober 1930 aus Anlass der damaligen Reichstagswahl. Nach der Machtübernahme durch die Nazis war dann für den Simplicissimus Schluss mit politischer Inlandssatire. Während Th. Th. Heine die Kritik gegen die Nazis fortsetzen wollte und – nach einem Sturm der SA auf das Redaktionsgebäude – erst aus der Redaktion gedrängt wurde und dann als Jude aus Deutschland fliehen musste, passte sich Gulbransson an. Seit Hitler an der Macht war, verhielt er sich unkritisch und bezog sogar, offensichtlich wie erwünscht, gegen Thomas Mann Stellung, als einer von 45 Unterzeichnern eines „Protestes der Richard-Wagner-Stadt München“.
Als Reaktion auf fünf facettenreiche Vorträge von Thomas Mann zum 50. Todestag von Richard Wagner und nach Erscheinen seines Essays „Leiden und Größe Richard Wagners“ erschien in der Osterausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten vom 16./17. April 1933 ein Artikel. Der so begann:
„Nachdem die nationale Erhebung Deutschlands festes Gefüge angenommen hat, kann es nicht mehr als Ablenkung empfunden werden, wenn wir uns an die Öffentlichkeit wenden, um das Andenken an den großen deutschen Meister Richard Wagner vor Verunglimpfung zu schützen.“
Und weiter:
„Wir lassen uns eine solche Herabsetzung unseres großen deutschen Musikgenies von keinem Menschen gefallen, ganz sicher aber nicht von Herrn Thomas Mann, der sich selbst am besten dadurch kritisiert und offenbart hat, dass er die ‚Gedanken eines Unpolitischen‘ nach seiner Bekehrung zum republikanischen System umgearbeitet und an den wichtigen Stellen in ihr Gegenteil verkehrt hat. Wer sich selbst als dermaßen unzuverlässig und unsachverständig in seinen Werken offenbart, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger deutscher Geistesriesen.“
Unterzeichnet wurde dieser Aufruf gegen die Meinungsfreiheit von 45 prominenten Künstlern, Professoren, Politikern und Unternehmern, darunter Hans Knappertsbusch, Richard Strauss, Hans Pfitzner, der Bildhauer Bernhard Bleeker, der Brauereibesitzer Josef Pschorr und eben auch Olaf Gulbransson. Für Thomas Mann ein weiteres Signal, München schleunigst zu verlassen. Strauss bezeichnete das später „als diese böse Sache“, Knappertsbusch entschuldigte sich öffentlich und Gulbransson bat darum, seinen Namen wieder zu streichen – allerdings zu spät.
Nach 1945 wurde nun auch Gulbransson eines feigen Opportunismus bezichtigt. Er hatte in den Nazi-Jahren zwar anders als in den Weimarer Jahren keine politischen Satiren mehr gezeichnet und veröffentlicht, sich aber während der Nazi-Herrschaft nicht für Hetzkampagnen gegen Andersdenkende oder Juden missbrauchen lassen. Er veröffentlichte Bücher und bestückte Kunstausstellungen mit seinen Gemälden, Zeichnungen und Illustrationen. Während des Zweiten Weltkriegs aber verlangte man von ihm Karikaturen gegen die Feinde, vor allem gegen Winston Churchill. 1944 musste auch der Simplicissimus sein Erscheinen einstellen.
Nach Kriegsende fiel Gulbransson nicht unter das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“, er musste also kein Spruchkammerverfahren durchlaufen Er selbst bezeichnete seine in den Nazijahren entstandenen Arbeiten als „einer deutschen Gesinnung verpflichtend, jedoch nicht aus einer Partei entstammend.“ Die nach Kriegsende oft gestellte Frage lautete ohnehin: Kann man totalitäre Regime ohne Kompromisse überstehen?
Gulbransson zog sich auf den Schererhof zurück, zeichnete allerdings von 1946 bis 1950 noch für den Simpl, der dem Simplicissimus in jenen Jahren folgte. Und illustrierte Bücher und schuf Karikaturen für mehrere Tageszeitungen.
Am 18. September 1958 starb Olaf Gulbransson auf seinem Schererhof und wurde in Rottach-Egern begraben.
Im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee sind viele seiner Karikaturen, Zeichnungen und Gemälde ausgestellt.
(hhb)