Marie Marcks

Marie Marcks gehört zu den bekanntesten deutschen Karikaturistinnen. Mit Witz und Ironie setzte sie sich in ihren Zeichnungen mit so ziemlich allen jeweils aktuellen Themen auseinander: mit der Tagespolitik, der Frauenemanzipation, der sexuellen Aufklärung, mit dem Rechtsextremismus, dem Militär und der Rüstung, dem Alter und der Jugend bis hin zu Bildung und Erziehung. Ihre fein gezeichneten Karikaturen erschienen in der Süddeutschen Zeitung, in stern und SPIEGEL, in Emma oder Titanic und in vielen anderen Medien. Sie war eine erfolgreiche Pionierin im lange Zeit ja ausschließlich männlichen Karikaturisten-Gewerbe.

Marie Marcks wurde 1922 in eine kreative Familie hinein geboren: Ihr Vater war Architekt, die Mutter Grafikerin und Kunsterzieherin und ein Onkel war der Bildhauer Gerhard Marcks. Sie wuchs zunächst in Berlin auf, besuchte dann ein reformpädagogisches Internat im Schwarzwald, anschließend eine Kunstschule und studierte noch während des Zweiten Weltkriegs vier Semester Architektur in Berlin und Stuttgart. Dieses Studium brach sie aber ab, als sie ihr erstes Kind bekam. Sie arbeitete als selbständige Künstlerin in Heidelberg und schuf in den 40er und 50er Jahren vor allem Plakate. 1958 durfte sie den deutschen Beitrag zur EXPO 58 in Brüssel graphisch gestalten.

 

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Copyright: Britta Frenz

Zu Beginn der 60er Jahre veröffentlichte sie erste Karikaturen in der Zeitschrift atomzeitalter, einer Publikation für Sozialwissenschaften und Wissenschaftspolitik. Hier wurde sie von 1963 bis 1966 feste Mitarbeiterin und schuf Zeichnungen und Cartoons über die Atomwaffenversuche der Amerikaner, über das Wettrüsten im Kalten Krieg und die Friedensbewegungen als Reaktion darauf. Darunter Karikaturen über Wissenschaftler, die bewusst oder unbewusst dem Militär zuarbeiteten. Und bald darauf für zahlreiche weitere Publikationen, allen voran für die Süddeutsche Zeitung, die von 1965 bis 1988 ihre politischen Zeichnungen zweimal die Woche abdruckte, dafür aber gerade einmal 25 DM pro Karikatur zahlte. Die handelten von der Friedensbewegung und dem Rüstungswettlauf, von Vergangenheitsbewältigung, Neonazismus und dem aufkommenden Ausländerhass, von Erziehung und Schulbildung, Gleichberechtigung und Feminismus.

Ihr Stil orientierte sich zunächst an damals prägenden Vorbildern, an den Franzosen Jean Bosc oder Chaval sowie am französischen Satiremagazin Hara-Kiri. Aber auch an Wilhelm Busch.

Bald entwickelte Marie Marcks konsequent ihren eigenen Stil und konzentrierte sich in den 70er Jahren inhaltlich auf Themen wie Frauenemanzipation oder Gleichberechtigung. Damit und mit ihren tagespolitischen Karikaturen versorgte sie Publikationen wie die Süddeutsche Zeitung, Vorwärts oder Stern, die ZEIT sowie den Spiegel. Und natürlich die beiden bekannten deutschen Satire-Magazine Pardon und Titanic. Ihre Zeichnungen konnte man ihr sofort zuordnen: die meist hageren Figuren mit den langen Nasen und ihrem spitzen Kinn, oft mit Sprechblasen. Immer tiefsinnig, feinsinnig und scharfsinnig.

Sie erzielte schnell eine ungewöhnlich große Breitenwirkung mit ihren bissig gezeichneten und stets aktuellen Kommentaren zur Zeitgeschichte oder zu überholten Rollenklischees. Denn sie wusste genau, worüber sie auf ironische Weise und mit ihren Mitteln berichten konnte – sie war selbständige Kunstschaffende, Mutter von fünf Kindern und immer eine kritische Beobachterin der politischen Geschehnisse. Niemals jedoch zeichnete sie aus der Sicht einer Feministin: Sie kämpfte zwar für Frauenrechte, kommentierte mit der ihr eigenen Ironie, aber sie erkannte auch Auswüchse in der Frauenbewegung. Und in die „Nische Gedöns“, um Gerhard Schröder zu zitieren, wollte sie sich schon gar nicht abdrängen lassen.

Sie wurde zur Kritikerin der Aufrüstung und der Atomeuphorie, nahm den Radikalenerlass aufs Korn und prangerte schon früh die Umweltverschmutzung an. Alles wunderbar nachzuvollziehen in ihren Karikaturen für die Süddeutsche Zeitung. Aber sich dabei vereinnahmen lassen wollte sie nie – die Themen ließ sie sich nie vorgegeben. Als Alice Schwarzer etwa verlangte, Männer ohne jede Abstufung als „Verbrecher“ darzustellen, war ihr das zu platt. Männer gehörten schließlich auch zu ihrer Familie und zu ihrem Freundeskreis.

Marie Marcks spielte eine wichtige Rolle in der Neuen Frankfurter Schule; dort war sie mit ihren Kollegen Traxler, Poth und Waechter eng befreundet. Neben ihrer journalistischen Arbeit zeichnete sie eine dreihundertseitige Autobiografie in zwei Bänden: „Marie, es brennt“ und „Schwarz-weiß und bunt“.

Bis zuletzt lagen ihr Themen wie Umweltzerstörung, Rechtsradikalismus, die europäische Einigung oder Fragen des Asylrechts am Herzen. „Politische Karikaturen, die bloßstellen statt belustigen, haben es nicht leicht", wusste Marie Marcks und bekannte: „Ich bin mit Abstand die meist indizierte Zeichnerin bei der Süddeutschen.“ Denn sie konnte sich bei ihrer Arbeit aufregen und dann ihrer Wut über empfundene Fehlentwicklungen sehr zugespitzten Ausdruck verleihen. Immer aber urteilte sie dabei über Dinge, die sie selber wahrgenommen hatte und glaubte beurteilen zu können. Etwa über Fehlentwicklungen im Städtebau: Stichwort „Neue Heimat“.

Sie brauchte ihre künstlerische Freiheit, verließ sich auf ihre Fantasie und auf ihren kritischen Blick. Auch als Karikaturistin war und blieb sie immer Anti-Ideologin.

Denn Antrieb für ihre Arbeit war auch ihre Familie. Sie hatte fünf Kindern das Leben geschenkt – denen wollte sie eine gute Mutter sein und sie vor allem nicht einer wieder hoch gefährdeten Welt überlassen. Schon darum wollte sie ihren Beruf, den sie zeitlebens für ihre Berufung gehalten hat, keinesfalls aufgeben. Außerdem inspirierten sie ihre Kinder oftmals, etwa dann, wenn sie ganz private Familienprobleme aufdecken und mit ihrem Zeichenstift festhalten wollte.

2008 wurde Marie Marcks der Deutsche Karikaturenpreis zugesprochen. Marie Marcks – diese Doyenne unter den deutschen Karikaturisten, die engagierte und unabhängige Frau mit ihrer lebenslang klaren und kritischen Grundhaltung – Marie Marcks starb im November 2014 in Heidelberg.

Ihr künstlerischer Nachlass wurde schon im Mai 2014 von der Kulturstiftung der Länder und unterstützt durch die Niedersächsische Sparkassenstiftung sowie die Stiftung Niedersachsen für das „Wilhelm Busch Museum“ in Hannover erworben.

 

(hhb)

 

Quellen:

An jeder Ecke waren Altnazis – Interview mit Marie Marcks / SPIEGEL vom 9.8.2012

Jasper Rothfels: Karikaturistin Marie Marcks feiert 90. Geburtstag / stern vom 25.8.2012

Paul Katzenberger: Marie Marcks zum 90. – Ab heute sagen wir Penis / SZ vom 25.8.2012

Barbara Sichtermann: Marie Marcks zum 90. Frauen können alles – sogar einparken / Tagesspiegel vom 25.8.2012

Eine gute Mutter? Diese Frage stellte sich früher überhaupt nicht / Interview von Bettina Wolf in StadtLandKind