Der österreichische Star-Architekt Gustav Peichl war keinesfalls nur nebenher auch ein bekannter Karikaturist. Unter dem Pseudonym „Ironimus“ wurden zwischen 1949 und 2013 mehr als 12.000 seiner Karikaturen in zahlreichen Pressemedien sowie im ORF-Fernsehen veröffentlicht.
Gustav Peichl wurde am 18. März 1928 in Wien geboren. Er besuchte die Oberschule für Jungen in Mährisch-Trübau und dann von 1943 bis 1944 die Bundesgewerbeschule in Mödling. Von 1944 bis 1947 arbeitete er als technischer Zeichner im Stadtbauamt Mährisch-Trübau und schloss schließlich seinen Besuch der staatlichen Gewerbeschule in Linz mit Matura ab. Anschließend studierte er Architektur und finanzierte sein Studium auch durch seine Karikaturen.
Peichl hatte bereits als Siebzehnjähriger Mitte der 1940er Jahren begonnen, politische Karikaturen zu veröffentlichen, anfangs unter dem Pseudonym „Pei“. Ab 1949 benutzte er dann den Namen „Ironimus“ in der Zeitung Die Presse, später auch für die Süddeutsche Zeitung und schließlich im ORF, für den er zwischen 1971 und 1996 zu Silvester den jeweiligen „Jahresrückblick“ gestaltete sowie mit der TV-Sendung „Die Karikatur der Woche“ ein Millionenpublikum erreichte.
Schon früh am Morgen nach dem Aufstehen las er bis zu zehn Zeitungen, verinnerlichte den politischen Inhalt und erkannte so die Zusammenhänge zwischen aktueller Politik und dem Weltgeschehen. Daraus wurden dann seine stets auf Pointen zugespitzten Karikaturen vom jeweiligen Tag.
Gustav Peichl im Roten Salon des Wiener Rathauses. Anlass ist die Verleihung des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien an Luis Durnwalder.
Copyright: Franz Johann Morgenbesser from Vienna, Austria - Gustav Peichl-0282, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62482792
„Ich bin Karikaturist, weil ich ein politischer Mensch bin, aber ich glaube, dass auch Architektur einen immensen politischen Inhalt hat, denn ganze Gesellschaftssysteme bemühen den Architekten als Werkzeug,“ so Peichl 1972 in einem Interview mit der Wochenpresse. Und er habe immer Spaß an guten Politikern gehabt, so ein weiterer Kommentar von ihm: „Das hat ja begonnen bei Adenauer in der Bundesrepublik, bei Ludwig Erhard und Willy Brandt, dann Helmut Kohl und bei uns in Österreich Bruno Kreisky natürlich.“ Unvergessen aber auch seine Karikaturen zu Sinowatz, Waldheim, Kirchschläger oder Vranitzky. Unter den Politikern kursierte der Satz: „Es ist schlimm, von ‚Ironimus‘ karikiert zu werden – aber es nicht zu werden, ist noch schlimmer.“
Das Zeichnen von Karikaturen war für ihn mehr als nur ein Hobby – es war sein Zweitberuf: „Die Karikatur ist ein Ventil für mich. Sie erspart mir sozusagen den Psychiater.“ Seine Karikaturen und Cartoons wurden auch vom Express, vom Kurier oder dem Stern gedruckt. „Ich bin ein zeichnender Journalist. Bei mir kommt alles vom Hirn über die Hand in die Zeichnung,“ so die Erklärung über seine Arbeitsweise. Was Rainer Nowak, Chefredakteur von Die Presse, in einer Laudatio humorvoll bestätigte: „Er hat uns Innenpolitikjournalisten eigentlich überflüssig gemacht.“
Als Architekt hat sich Gustav Peichl zwar auch an der Tradition orientiert, dabei die Moderne aber immer im Blick behalten und sie architektonisch umgesetzt – aus Material, Farbe und Licht. So entstanden viele berühmt gewordene Bauten, nie aber solche wie heute oft üblichen riesigen Protzbauten. Als Beispiele für Österreich mögen dafür sieben Landesstudios des ORF stehen sowie das Karikaturenmuseum in Krems. In Deutschland stammen von ihm neben vielen weiteren Bauten die Bundeskunsthalle in Bonn, der Erweiterungsbau des Städel-Museums in Frankfurt am Main oder die Kindertagesstätte des deutschen Bundestags in Berlin.
1964 hatte Peichl zusammen mit Kollegen die Zeitschrift Bau – Schrift für Architektur und Städtebau gegründet und den österreichischen Pavillon für die Weltausstellung in New York entworfen.
1970 trat Gustav Peichl der Künstlervereinigung MAERZ bei. Von 1973 bis 1996 leitete er die Meisterklasse für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien und ab 1984 war er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, die auch den Nachlass über seine in Deutschland errichteten Bauten betreut.
Gustav Peichl starb am 17. November 2019 im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Wien-Grinzing. Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu Peichls Tod: „Mit Gustav Peichl haben Architektur und Karikatur eine prägende österreichische Persönlichkeit verloren.“
(hhb)
Quellen
Gustav Peichl / Wien Geschichte
Interview mit Gustav Peichl / in miesmagazin
Jedes Haus hat erotische Zonen – Architekt Gustav Peichl zum 90. / Deutschlandfunk am 18.3.2018
Adrian Kreye + Gerhard Matzig: Und zwischendurch den Zusammenhang der Welt verarbeitet – Zum Tod von Gustav Peichl / Südd. Zeitung am 18.11.2019
Gustav Peichl ist tot / SPIEGELKultur am 18.11.2019
Gustav Peichl ist tot / ORF am 18.11.2019
Beatrix Novy: Der Baumeister der Sinnlichkeit – zum Tod des Architekten Gustav Peichl / Deutschlandfunk am 18.11.2019
Wojciech Czaja: Stararchitekt Gustav Peichl mit 91 Jahren verstorben / Der Standard am 18.11.2019
Niklas Maak: Mit Spaß ernst machen – Zum Tod von Gustav Peichl / FAZ am 19.11.2019
Wohldosierte Ironie – Zum Tod von Gustav Peichl / Baunetz.de am 19.11.2019
Falk Jaeger: Gustav Peichl (1928 – 2019) – Architektur der Lustgefühle / german-architects.com am 20.11.2019
Bücher + Schriften
Gustav Peichl soll rund 30 Bücher veröffentlicht haben, darunter:
Gustav Peichl: Der kleine Geist / Residenz Verlag
Gustav Peichl: Das Wunder Österreich /
Gustav Peichl: Offene Geheimnisse – späte Zeichnungen und Collagen / Amalthea Verlag, 2019