Tomi Ungerer

Der Schriftsteller, Illustrator und Grafiker Tomi Ungerer wurde wegen des Umfangs und der Vielfalt seiner Arbeiten als „Picasso der Karikatur“ bezeichnet wurde. Sein Lebenswerk bestand aus rund 40.000 Zeichnungen und 160 Büchern.

Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer wurde am 28. November 1931 als jüngster Sohn einer alteingesessenen Uhrmacher-Familie in Straßburg geboren. In seiner mittelständischen Familie wurde französisch gesprochen, aber nach der deutschen Besetzung des Elsass musste er in wenigen Monaten nun Hochdeutsch lernen und kam zudem erstmals auch mit dem Elsässerdeutsch in Kontakt, jener regionalen Mischung der in dieser Region auch verbreiteten alemannischen und südfränkischen Dialekte. Das wurde von den Dorfkindern gesprochen, von denen seine Mutter ihre Kinder bis dato ferngehalten hatte.

In Colmar besuchte er die Matthias-Grünewald-Oberschule für Knaben, versiebte dort aber das Baccalauréat, das inzwischen wieder französische Abitur. Während der deutschen Besatzungszeit hatte er nach der Berlitz-Methode Englisch gelernt, das er so gut beherrschte, dass er nach Kriegsende als Dolmetscher für französische Offiziere tätig werden konnte. Außerdem steigerten diese Sprachkenntnisse nun sein Interesse am American Way of Life und an der amerikanischen Kultur, weshalb er sehr oft das US-Kulturzentrum in Straßburg besuchte.

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Dort kam er erstmals mit Cartoons von Saul Steinberg und Zeichnungen von James Thurber in Berührung und lernte die Fulbright-Stipendiatin Nancy White kennen, die später seine erste Ehefrau wurde. 1956 reiste Ungerer mit ein paar eigenen Zeichnungen und 60 Dollar in der Tasche nach New York. Dort begann er Kinderbücher zu illustrieren, arbeitete als Werbegrafiker und Illustrator sowie als Karikaturist für Medien wie New York Times, Esquire, LIFE, Holiday oder Harper‘s Magazin.

In den 1960er Jahren schockierte er die New Yorker Schickeria mit zwei Cartoon-Büchern, in denen er diese „upper Class“ auf drastische Weise aufs Korn nahm, mit ihrer Geldgier und dem an der Ostküste damals weit verbreiteten Sexismus. Was bei der dortigen High Society natürlich nicht gut ankam und dazu führte, dass er sogar vom FBI beobachtet und verhört wurde. Viele seiner Bücher, darunter auch Kinderbücher, wurden damals in den USA und in England verboten. Ungerers späterer Kommentar im Jahr 1993 dazu: „Meine Satiren waren härter geworden, das konnten die Amerikaner nicht akzeptieren. Ich wurde im Kongress attackiert, wie ich es wagen könne, Kinderbücher mit erotischen Zeichnungen zu machen. Ich habe geantwortet, dass es ohne Sex nun mal keine Kinder gäbe. Danach war ich in Amerika erledigt. Bis vor acht Jahren standen meine Bücher auf der schwarzen Liste.“

In den 70er Jahren verließ er New York und wich nach Kanada aus, zunächst auf eine Farm in Nova Scotia. Doch 1976 kehrte er dann endgültig nach Europa zurück, wo er abwechselnd in Straßburg und Irland lebte und arbeitete. In diesen Jahren engagierte er sich für die deutsch-französische Freundschaft und kämpfte dafür, dass die Zweisprachigkeit im Elsass erhalten bleibe, mit den beiden Sprachen Deutsch und Französisch, die dort weiter gleichberechtigt gesprochen werden sollten.

Bis zuletzt war er aktiv und schuf allein in seinen letzten 40 Lebensjahren rund 40.000 Zeichnungen und mehr als 140 Bücher, die in über 28 Sprachen übersetzt wurden. Was den deutschen Kunsthistoriker Werner Spies im Mai 2010 zu diesem Urteil veranlasste: „Sicher ist er ein grandioser Karikaturist, aber letztlich ist er ein großer Künstler, [...] und von der Fülle her ist er absolut einzigartig. [...] so etwas kennen wir sonst nur von Picasso ...“

Tomi Ungerer wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Deutschen Bundesverdienstkreuz sowie als Kommandeur der französischen Ehrenlegion. 2008 erhielt er den Medienpreis des Deutsch-Französischen Journalistenpreises, einen der wohl wichtigsten Medienpreise in Europa.

Tomi Ungerer starb am 9. Februar 2019 in Cork / Irland

(hhb)

 

Quellen:

Biographie von Tomi Ungerer

Werner Spies im Gespräch mit Frank Meyer: Von der Fülle ist er absolut einzigartig / Deutschlandfunk Kultur am 12.5.2010

Tomi Ungerer – Bilderbuchautor, Schriftsteller und Freigeist / WDR 9.2.2024

 

Bücher:

Tomi Ungerer: Das Kamasutra der Frösche / Heyne

Tomi Ungerer: Die Hölle ist das Paradies des Teufels / Diogenes

Tomi Ungerer: The Party / Diogenes

Kinderbücher:

Tomi Ungerer: Der Hut / Diogenes 2009

Tomi Ungerer: Die drei Räuber / Diogenes 2019