Werner Wirthle

Werner Wirthle war ein deutscher Verleger, der nach dem Zweiten Weltkrieg engagiert dazu beigetragen hat, wieder ein freies Pressewesen in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Sein großes Ziel war bis weit in die fünfziger Jahre die Neugründung der vor dem Krieg von der Societät verlegten alten Frankfurter Zeitung – und dies auch noch nach der Gründung der F.A.Z. Das war sogar ein offizieller Unternehmenszweck nach der Neugründung der Societät im Jahre 1951. Diese Versuche sind jedoch gescheitert.

Werner Wirthle wurde am 23. August 1908 in Blaubeuren geboren, als Sohn des Präsidenten der Oberpostdirektion Tübingen. Er besuchte die Oberrealschule in Ulm und ließ sich danach im Leipziger Verlag B.G. Teubner zum Verlagskaufmann ausbilden. In Leipzig besuchte er außerdem die berühmte Meisterschule des graphischen Gewerbes.

1928 wechselte er zum Ullstein-Verlag, wo er noch nach dessen Arisierung als Assistent des Betriebsdirektors im Druckhaus Tempelhof tätig blieb. Bis zu seiner Einberufung im Jahr 1940, als er in einem Luftnachrichtenregiment dienen musste.

1945 machte ihn die amerikanische Besatzungsmacht zunächst zum Treuhänder der Frankfurter Societäts-Druckerei, von der einst die Frankfurter Zeitung, die Neueste Zeitung und die Frankfurter Illustrierte herausgegeben wurden und zu der ein renommierter Buchverlag gehört hatte. Ihr legaler Mehrheitseigner war noch immer die gemeinnützige Imprimatur GmbH und nicht wie nach der „Arisierung“ Amanns NS-Konzern Eher, der zudem am 29. Oktober 1945 durch das Kontrollratsgesetz Nr. 2 von den Alliierten verboten worden war.

 

article picture

Copyright: F.A.Z.-Foto / Helmut Fricke

Wirthle ließ die Imprimatur GmbH wieder auferstehen und erreichte schließlich 1949 die endgültige Rückgabe der Societäts-Druckerei diesen früheren Besitzer. Nächster Schritt, nun als Geschäftsführer von Imprimatur und Societät, war der Wiederaufbau des Unternehmens zu einem modernen Verlagshaus.

Schon 1946 hatte man die Frankfurter Neue Presse in der Societät gedruckt und wurde bald darauf auch deren Mitverleger. Ab September 1948 erschien die (Neue) Frankfurter Illustrierte und im Jahr darauf wurde aus der früheren Neuesten Zeitung das Boulevardblatt Frankfurter Nachtausgabe. Ab Oktober 1949 machte Wirthle dann die Frankfurter Societäts-Druckerei zum Drucker und Verleger der Gegenwart Zeitschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft.

Die ab 1. November 1949 erscheinende ►FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung – in Stil, Umbruch und Schriftbild der alten Frankfurter Zeitung angepasst – wurde damals allerdings bei der linksgerichteten Frankfurter Rundschau gedruckt. Dieser Druckvertrag dauerte bis 1961, was Wirthle wusste.

Wirthle hat immer zukunftsorientiert gedacht, geplant und für seine Ziele frühzeitig nach Verbündeten gesucht. Und sie in Stellung gebracht. Als die Gegenwart 1959 eingestellt wurde, vermittelte er die dort tätigen Redakteure aus der alten Frankfurter Zeitung um Benno Reifenberg, Dolf Sternberger, Fritz Hauenstein oder Herbert Küsel an die FAZ und hoffte so, dort seinen Einfluss zu erhöhen.

Denn Einfluss war für Wirthle nicht unbedingt eine Frage von Besitzverhältnissen, sondern eher das Ergebnis aus vertrauensvollen persönlichen Netzwerken. Sein ehemaliger Chef Hacker von der Ullstein-Druckerei war jetzt Betriebsleiter der Societäts-Druckerei. Friedrich Sieburg, auch er ein alter FZ-Mitarbeiter, beschrieb Wirthle einmal so: „Werner Wirthle kommt aus Schwaben, entstammt also einem Volkszweig, der Feinmechanik und Innerlichkeit, Unternehmertum und Schwärmerei – oft in der gleichen Person – in seinem Wesen vereinigt.“ Wirthle hat sich nie in den Vordergrund gedrängt, sondern mit zielorientierter Schläue und immer verlässlich seine Fäden gesponnen, Verbündete gesucht und gefunden. Auf diese Weise und durch fair gestaltete Übernahmen hat er die Frankfurter Societäts-Druckerei groß gemacht.

Aber die Societät erhielt lediglich einen Anteil an der FAZ – und auf dieser Basis zog Wirthle in deren Verwaltungsrat ein. Bis August 1991 blieb er Geschäftsführer der Societäts-Druckerei, wurde dann Aufsichtsratsmitglied sowie Kurator und Mitgesellschafter der ►Fazit-Stiftung Gemeinnützige Verlagsgesellschaft mbH. Die war von den Herausgebern der FAZ gegründet worden, um die Zeitung zukunftsfest zu machen und ihre redaktionelle wie unternehmerische Unabhängigkeit auf Dauer zu sichern.

Für sein berufliches wie mäzenatisches Engagement wurde Wirthle mehrfach ausgezeichnet: unter anderem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern oder der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt für seine langjährige Förderung des Städel-Museums.

Werner Wirthle starb am 2. August 2001 in Frankfurt am Main, kurz vor seinem 93sten Geburtstag.

Ernst Cramer, selbst Publizist und damals Vorstandschef der Axel Springer Stiftung, schrieb am 4. August 2001 über Werner Wirthle in der WELT: „Er liebte einerseits das gedruckte Wort und achtete andererseits die Menschen, die es hervorbringen. Er war eben, was es heute nur noch selten gibt, ein Verleger.“

(hhb)

Nachruf auf Werner Wirthle aus der FAZ vom 3. August 2001

Werner Wirthle in ►Namen und Nachrichten aus der FAZ vom 3. August 2001

Quellen:

Frankfurter Zeitung – Die Mayflower / SPIEGEL 1959

FAZ – Rote im Haus / SPIEGEL

Die WELT: Der Frankfurter Verleger Werner Wirthle liebte das gedruckte Wort

Bücher:

Oron J. Hale: Presse in der Zwangsjacke 1933-45, Droste-Verlag 1965

Günther Gillessen: Auf verlorenem Posten - Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich, Siedler Verlag 1986