Anneliese Friedmann

Anneliese Friedmann begann ihre journalistische Karriere als Modekolumnistin bei der Süddeutschen Zeitung. Nach ihrer Heirat mit dem Chefredakteur der Münchner Abendzeitung begann sie, für dieses Blatt unter dem Pseudonym „Sibylle“ regelmäßig Mode- und Lifestyle-Kolumnen zu schreiben. Ab 1960 veröffentlichte Anneliese Friedmann ihre Sibylle-Kolumnen dann im Stern. Darin beschrieb sie alles, was die Menschen bewegte – im eigenen Leben, in der Politik oder in der Gesellschaft. Ihre scharfzüngig und pointiert geschriebenen Texte machten sie zur bekanntesten Kolumnistin in Deutschland. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1969 wurde sie Gesellschafterin des Süddeutschen Verlags und Herausgeberin der Abendzeitung. Inzwischen herrschte deutlich mehr Wettbewerb auf dem Münchner Zeitungsmarkt – denn seit 1968 gab es dort drei Boulevardblätter: neben der bis dato den Markt allein beherrschenden Abendzeitung nun BILD-München und die tz als Ableger des Münchner Merkurs.

Anneliese Schuller wurde am 30. Mai 1927 im oberbayerischen Kirchseeon als Kind einer Bauernfamilie geboren und wuchs in Freising auf. Schon als Schülerin schrieb sie in den Jahren des Zweiten Weltkriegs für das Freisinger Tagblatt. Nach ihrem Notabitur studierte sie an der Münchner Universität einige Semester Kunstgeschichte und Theaterkritik und besuchte einen Bildungskurs für Journalisten des Medienwissenschaftlers Otto Groth. Während dieses zehnmonatigen Abendlehrgangs – von der US-Besatzungsmacht als Reeducation gefördert, 1949 wurde dann daraus die Deutsche Journalistenschule – lernte sie ihren späteren Ehemann Werner Friedmann kennen, der dort Lokaljournalismus lehrte.

 

article picture

Copyright: Hans Enzwieser/Süddeutsche Zeitung Photo

Nach dieser Ausbildung bekam sie 1948 als einzige Frau ein Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung, angeblich weil sie in ihrer Bewerbung ihren Vornamen nur mit einem A. angegeben hatte. Denn Journalismus war nach dem Krieg eine reine Männerdomäne. Nach dem Volontariat blieb sie bei der SZ-Redaktion, in der Lokalredaktion und beim Modejournal. Nach ihrem Wechsel zur Abendzeitung leitete sie dort das Mode-Ressort und schrieb unter ihrem Pseudonym „Sibylle“ Mode- und Lifestyle-Kolumnen.

Da war Stern-Chefredakteur Henri Nannen auf die so wortgewandte wie elegante Journalistin aufmerksam geworden und bot ihr an, für den Stern zu schreiben. Sie willigte ein und servierte nun den Millionen Lesern des Sterns von 1960 bis 1970 ihre ganzseitigen wöchentlichen Sibylle-Kolumnen – eine Mischung aus Essay, Reportage und Kommentar. Die Themen konnte sich die mittlerweile Star-Journalistin selbst auswählen. Ihre Sibylle-Texte waren immer unterhaltsam und verständlich geschrieben, auf Augenhöhe für ihre Leser. Denn damit „sollte Tante Emma an der Bahnschranke in Wuppertal mal einen Blick in die abgeschirmte Welt der Schönen, Reichen und Berühmten werfen“, so lautete Henri Nannens einzige Forderung an sie.

Aber auch vor Großkopferten hatte sie in ihrer Sibylle-Kolumne keine Angst. Darin konnte sie, wie Klaus Harpprecht urteilte, von zärtlich ironisch durchaus auf metallscharf wechseln. Als Franz Josef Strauß sie nach dem Beitrag „Warum ich gegen Strauß bin“ wegen Beleidigung verklagte, sprach ein Gericht in München sie frei. Und Nannen telegrafierte begeistert: „Ich möchte Ihre Schreibmaschine küssen!“

1969 starb ihr Ehemann. Da übernahm sie in deutlich schwieriger gewordener Zeit als Herausgeberin die Leitung der Abendzeitung. Für ihre Stern-Kolumnen blieb jetzt keine Zeit mehr: „Ich brauchte meine ganze Kraft, um die Abendzeitung am Leben zu erhalten. Plötzlich war ich Herausgeber, Verleger, davon hatte ich nie geträumt, es mir nie gewünscht, und, das machte es so schwierig, nie erlernt. Eine harte Zeit.“

Anneliese Friedmann führte nach ihren Erfahrungen beim Stern auch bei der Abendzeitung ein innerbetriebliches Redaktionsstatut ein, um so die innere Redaktionsfreiheit zu sichern. Denn die AZ stand damals ziemlich links, sehr zum Ärger des Miteigentümers Dürrmeier – in jener Zeit als Willy Brandt „mehr Demokratie wagen wollte“. Darum gewann die neue Verlegerin zudem Alfred Neven DuMont als Partner für die Abendzeitung, der auf ihre Bitte hin den Dürrmeier-Anteil übernahm.

Als Verlegerin der Abendzeitung wurde sie in den 80er Jahren zum Vorbild für die Friederike von Unruh in Helmut Dietls Fernsehserie Kir Royal. Damals waren diese amüsanten Stories – mit der Verlegerin einer Boulevard-Zeitung und ihrem Klatschreporter „Baby Schimmerlos“ inmitten der Münchner Schickeria – ein beliebter „Straßenfeger“.

1998 erhielt sie den Publizistikpreis der Landeshauptstadt München. 2013 folgte der Henri-Nannen-Preis für ihr publizistisches Lebenswerk.

Am 7. November 2020 starb Anneliese Friedmann im Alter von 93 Jahren in München. Der ehemalige Chefredakteur der SZ Kurt Kister schrieb in seinem Nachruf: „Sie war eine kluge Kollegin, eine große Verlegerin und ein Glück für München.“

(hhb)

 

Nachruf in Der Spiegel

Nachruf aus der Abendzeitung