Der im Jahr 1575 in Berlin geborene Christoph Frischmann war Herausgeber der ersten in Berlin gedruckten Wochenzeitung mit dem kuriosen Namen „Bericht was sich zu anfang dieß itzt angehenden 16.. Jahres in Deutschlandt, Franckreich, Welschlandt, Böhmen, Ungern, Nederlandt und in andern örten hin unnd wieder zugetragen“.
Eigentlich war Frischmann Kurfürstlicher Boten- und Hofpostmeister in der Residenzstadt Berlin-Cölln. Sein Sitz war der Posthof nahe der Nikolaikirche. Neben seiner Tätigkeit als Botenmeister hatte er offensichtlich den Auftrag, aus allen Regionen des Heiligen Römischen Reiches systematisch Nachrichten zu beschaffen. Bei den von ihm gesammelten Neuigkeiten handelte es sich um politische wie kriegerische Ereignisse sowie um Vorkommnisse, die den Hof, die Geistlichkeit, die Kaufleute und andere wohlhabende Bürger interessieren könnten. Briefboten, die regelmäßig aus Wien, Rom, Paris, Prag oder Amsterdam nach Berlin kamen und Nachrichten, auch von bezahlten Korrespondenten, mitbrachten, halfen dabei. Extraboten schickte Frischmann etwa nach Hamburg oder Leipzig. Oft sogar zu Pferde, um die Aktualität seiner Frischmann-Zeitung (so die spätere Bezeichnung) zu verbessern. Lokalnachrichten gab es zunächst nicht – die veröffentlichte man erst später in sogenannten Beyschriften, als die Zahl auswärtiger Avisen-Bezieher zunahm, die Interesse an Neuigkeiten aus Brandenburg hatten.
Die erhalten gebliebene und offenbar erste gedruckte Ausgabe der Frischmann-Zeitung (Download ca. 11 MB) trägt zwar das Datum 16. August 1617, muss aber später gedruckt worden sein, denn die letzte Nachricht stammt vom 5. September des Jahres aus Prag. Und das achtseitige, im kleinoktaven Buchformat gedruckte Blatt hat die laufende Nummer 36, was darauf schließen lässt, dass es schon Vorgänger gegeben haben muss. Wahrscheinlich handgeschriebene Meldungen für den Hof sowie öffentlich ausgehängte Avisen am Tor des Posthofes. In dieser Ausgabe 36 veröffentlichte Christoph Frischmann Nachrichten aus Görz am Isonzo, aus Rom, Lyon, Den Haag, Venedig, Köln und zuletzt aus Prag.
Erste Ausgabe der Berliner Zeitung vom 5. September 1617
Schon in dieser Ausgabe geht es um Krieg und Frieden in Europa: Görz war ein habsburgischer Vorposten gegen die Republik Venedig. Und es ist die Zeit unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg, des blutigen Religionsstreits zwischen Katholiken und Protestanten. Das kaiserliche Habsburg war katholisch, der Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg gehörte da als Calvinist zum protestantischen Lager.
Christoph Frischmann starb allerdings schon am 25. Februar 1618 in Berlin, also kurz vor dem Ausbruch des Krieges. Der begann bekanntlich am 23. Mai 1618 mit dem sogenannten „Prager Fenstersturz“. Da hatte Christoph Frischmanns jüngerer Bruder Veit die Zeitung übernommen und berichtete über dieses Ereignis ab Seite 9 in einer auf 17 Seiten erweiterten Ausgabe 26/1618 der Frischmann-Zeitung (Downoad ca. 13 MB).
Christoph wie Veit Frischmann konnten ihre Zeitung zunächst offenbar ohne Zensur-Eingriffe führen. Das änderte sich unter Kurfürst Georg Wilhelm, der wegen Veits kritischer Berichte über die Kriegsführung der Katholischen immer häufiger Beschwerden vom kaiserlichen Hof aus Wien bekam und damit selber unter Druck geriet.
Als Beispiel mag ein erhalten gebliebener Bericht über den Aufmarsch und die Schlacht bei Wimpfen im Mai 1622 (Download ca. 9 MB) gelten.
Also stellte man Veit Frischmann anheim, entweder die Wochenzeitung einzustellen oder den Kaiser nicht mehr zu erwähnen. In der Botenmeister Zeitung wurde Habsburg nicht mehr kritisch erwähnt, und die evangelische Sache nur noch in Beyschriften vertreten, die natürlich nicht nach Wien übermittelt wurden. Trotzdem war das Blatt zwischen 1632 und 1634 offenbar verboten.
1634 aber erhielt Veit Frischmann erneut die Weisung, „es solle sich ein Postdirector eusserist befleißigen, daß er von weit unnd nah gelegenen Orthen, Insonderheit aber von Freundt und Feindts Armeen gute Correspondentz unnd Avisen erlange, damit er auffm Nothfall, gute Nachrichten haben könne.“ Also führte er die Zeitung von da an in gewohnter Form und im Sinne des Berliner Hofes bis 1655 weiter.
1655 überließ er sie dann seinem Drucker Christoph Runge, der die Berliner Botenmeister Zeitung ab 1658 in Berlinische Einkommende Ordinar- und Postzeitungen umbenannte. 1704 kaufte der Buchdrucker Johann Lorentz die Zeitung schließlich von Runges Witwe. König Friedrich I. bestätigte ihm das Privileg für die einzige Zeitung in Berlin, die nun Berlinische Ordinaire Zeitung hieß.
(hhb)
Maritta Adam-Tkalec: 400 Jahre Zeitungsstadt Berlin: Wie Frischmann die erste Berliner Zeitung erfand – in Berliner Zeitung vom 14.8.2017
Christoph Walter: 400 Jahre Zeitungen in Berlin „Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen“ – in DIE WELT vom 25.9.2017
Bücher:
Peter de Mendelssohn, Lutz Hachmeister, Leif Kramp, Stephan Weichert: Zeitungsstadt Berlin / aktualisierte Ausgabe, Ullstein-Verlag, 2017