Kurt Ganske, am 14. Januar 1905 in Kiel geboren, zählt zu den großen Verlegerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als „Deutschlands unbekanntester Verleger“ scheut er jeden öffentlichen Auftritt, gibt nie ein Interview und sieht keinen Grund, der Öffentlichkeit Auskunft über seine unternehmerischen Aktivitäten zu geben. Da er sein Büro so gut wie nie verlässt, ist er für die meisten seiner über tausend Angestellten der große Unbekannte geblieben, sie haben ihn nie zu Gesicht bekommen. Seine leitenden Mitarbeiter müssen nach vorheriger Anmeldung zu ihm kommen.
Trotz dieser Zurückhaltung gelingt es dem Erfinder, Konstrukteur und Regent eines privaten Print-Imperiums, das so viele Facetten umfasst wie den „Leserkreis Daheim“, die Zeitschriften „Merian“, den „Jahreszeiten Verlag“ und den „Hoffmann und Campe Verlag“, die für den Erfolg erforderlichen Talente zu finden, zu fördern und an sein Haus zu binden. Der scheu auftretende Mann, der eher zögerlich redet, das distanzierte Sie selbst gegenüber seinen Freunden pflegt und von allen nur KG genannt wird, delegiert vertrauensvoll die Verantwortung an seine Geschäftsführer und Chefredakteure. Ein Kurs, der sich bewährt.
Sein Vater, Richard Ganske, war ein lesebegeisterter Werftarbeiter. Später verleiht er als Buchhändler Zeitschriften und Bücher. Am 1. April 1907 gründet er in Kiel den „Lesezirkel Daheim Richard Ganske“. Mit Mappen, die den Lesern eine klug kombinierte Wochenration an Lernstoff, Lebenshilfe und Literatur bieten. Sohn Kurt steigt mit 19 Jahren in das väterliche Geschäft ein, gründet Filialen in ganz Deutschland und wird 1929 Geschäftsführer. Er schafft es mit seinem Talent für Logik und Logistik, den Familienbetrieb mit 180.000 Abonnenten zum größten deutschen Lesezirkel auszubauen. Sein Unternehmen übersteht zwei Weltkriege, eine Hyperinflation, eine Wirtschaftskrise und eine Währungsreform. Sein Erfolgsgeheimnis: Er hält engen Kontakt zu seinen Abonnenten.
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Trotz der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Verlagsgebäude in Hamburg und Hannover gelingt es ihm, den Lesezirkel schnell wieder zu einem florierenden Geschäft zu machen. Noch heute, nach mehr als acht Jahrzehnten, ist Ganskes „Leserkreis Daheim“ der unangefochtene Branchenprimus. Der Aufschwung gewinnt an Fahrt durch die 1941 vom dänischen Verleger Martinus Christiansen erworbene 50-Prozent-Beteiligung am traditionsreichen Buchverlag Hoffmann und Campe, in dem einst die Bücher Heinrich Heines erschienen. 1950 übernimmt Kurt Ganske den Verlag komplett, dessen Autoren, allen voran Siegfried Lenz, immer wieder die Bestseller-Listen erobern.
Um seine wirtschaftlichen Erfolge aus dem Lesezirkel auf eine breitere Basis zu stellen, entscheidet sich Kurt Ganske, nicht nur Vermieter, sondern auch Verleger von Zeitschriften zu werden. Mut ist nötig, Ideen und Ausdauer. Als erste Herausforderung bringt er 1947 die Reisefachzeitschrift „Merian“ an den Start. Der erste Schritt glückt, er drückt aufs Tempo. Schon im folgenden Jahr übernimmt er den Jahreszeiten Verlag, der sein zweites Standbein wird. Er kann sich nun mit renommierten Zeitschriften wie „Für Sie“, und in späteren Jahren mit „Petra“, „Der Feinschmecker“ oder „Architektur & Wohnen“ schmücken.
Seit 1956 ist Kurt Ganske zwanzig Jahre lang Mehrheitsgesellschafter des Traditionsblattes „Rheinischer Merkur“. 1978 wird Hoffmann und Campe Gesellschafter des Deutschen Taschenbuchverlages. Die profitablen Unternehmen sichern ihm wirtschaftliche Stärke. Er stemmt sämtliche Investitionen aus seinem Privatvermögen. Sein Lebensmotto: Souveränität sichern und ausbauen.
Erstaunlich ist, dass Kurt Ganske, einer der effizientesten Verleger seiner Zeit, seinen Verlagskollegen und der sich selbst feiernden Medienwelt den Rücken kehrt, um ein zurückgezogenes, naturverbundenes Leben zu führen. In stiller Genugtuung über sein florierendes Unternehmen zieht er es vor, unverdrossen in der Natur zu wandern. So oft er kann, hält KG sich auf seinem Rittergut Hohenhaus in Nordhessen auf, das sein Lebensmittelpunkt wird. Dort pflegt der Kunst- und Literaturliebhaber intensiven Kontakt mit den Schriftstellern seines Verlages. Im Kreis seiner Jagdgesellschaften ist der leidenschaftliche Jäger gesellig und aufgeschlossen. Schon in jungen Jahren zieht es ihn in die Natur, als begeisterter Bergsteiger erklimmt er mehrere Drei- und Viertausender.
Kurt und Gerda Ganske, geb. Tolle, bekommen drei Söhne und eine Tochter. Kurt Ganske ist 70 Jahre alt, als er seinen Sohn Thomas 1975 zum Leiter des Merian-Verlages macht und ihn als Mitglied in die Hoffmann und Campe Geschäftsleitung holt. Vier Jahre später, am 20. März 1979, stirbt Kurt Ganske. Thomas Ganske wird in dritter Generation Vorstandsvorsitzender der Ganske Verlagsgruppe. 2015 gibt dieser seinem Sohn Sebastian die Chance, seine verlegerische Kompetenz im Vorstand der Ganske Verlagsgruppe unter Beweis zu stellen. (he)
Quellen:
Michael Jungblut „Herausforderungen und Antworten – Die Ganske Verlagsgruppe
Emanuel Eckardt „Halte Schritt – Kurt Ganske und seine Zeit“