Hermann L. Gremliza

Der deutsche Journalist, Publizist und Herausgeber Hermann L. Gremliza arbeitete als leitender Redakteur im Politikressort des SPIEGEL, den er nach einer Auseinandersetzung mit Rudolf Augstein Ende 1971 verließ. Ab 1972 wechselte er zur monatlichen Zeitschrift konkret und wurde ab 1974 bis 2019 ihr Verleger und Herausgeber.

Hermann Ludwig Gremliza wurde am 20. November 1940 in Köln geboren, wuchs aber in Gerlingen im Landkreis Ludwigsburg auf. Nach seinem Abitur am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart studierte er in Tübingen Geschichte und Philosophie und an der FU Berlin Politologie. 1966 beendete er sein Studium am Berliner Otto-Suhr-Institut als Diplom-Politologe.

In seiner Tübinger Zeit hatte er dort die Studentenzeitung Notizen herausgegeben und in ihr auch die braune Vergangenheit seiner Universität aufgedeckt.

Nach Abschluss seines Studiums begann er beim Spiegel-Verlag, zunächst in Berlin, wo man eine Anti-Springer-Zeitung - Arbeitstitel Heute - herausgeben wollte. Was allerdings scheiterte. So wurde er Redaktionsassistent in Hamburg und bald darauf leitender Redakteur im Politikressort. Ende 1971 verließ er das Magazin nach einem Streit mit ► Rudolf Augstein über redaktionelle Mitbestimmung.

Ab Oktober 1974 wurde Gremliza Herausgeber der neuen Zeitschrift Konkret. Die war 1955 zunächst als Studentenkurier gegründet und ab 1957 bis zu ihrem Konkurs 1973 in konkret umbenannt worden. Auch konkret wurde überwiegend in den Universitäten verbreitet. Inhaltlich begleitete sie damals die Studentenrevolte der 68er-Bewegung kommunikativ (Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl). Bis 1964 war sie von der DDR finanziell unterstützt worden. Als diese Zahlungen nach DDR-kritischen Berichten eingestellt wurden, versuchte man mit freizügigen Pin-up-Fotos mehr Auflage zu machen. So wurde das Blatt zu einer nichtssagenden aber noch immer radikalen „Polit-Porno-Postille im Yellow-Press-Stil“. Ende 1973 war dann Schluss, zumal wichtige Journalisten angesichts dieser Entwicklung das Blatt bereits verlassen hatten.

Auch Gremliza hatte nach seiner SPIEGEL-Zeit vorübergehend in der konkret-Redaktion gearbeitet. Nun kaufte er mit seiner SPIEGEL-Abfindung dessen Zeitschriftentitel und gründete 1974 den Neuen Konkret Verlag. Ab Oktober erschien dann Konkret in neuem Gewand mit dem Ziel, aus dem Magazin nun „die publizistische Speerspitze einer seriösen Linken“ zu machen.

In seinem neuen Konkret verfasste Gremliza für jede Ausgabe einen politischen Leitartikel, „Gremlizas Kolumne“, sowie eine Sprachkritik „Gremlizas Express“. Die wurde zu einer gern gelesenen Sammlung von Stilblüten aus der Feder seiner Kollegen in anderen Medien. Schon darin erkannte man sein Talent als furioser Leitartikler und glänzender Stilist. Außerdem machte er zahlreiche interessante Interviews mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur oder glossierte sie stilvoll und voller Witz, wie zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit, Gabriele Henkel, Heinz Konsalik oder ► Marcel Reich-Ranicki und viele andere.

1980 wandte er sich gegen die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß und unterstützte den „Anachronistischen Zug“ gegen Strauß – zusammen mit Heinrich Albertz,  ► Dieter Hildebrandt oder Udo Lindenberg.

1987 sorgte Gremliza für einen Presseskandal, als er öffentlich bekannte, Ghostwriter von Wallraffs Buch „Der Aufmacher“ zu sein. Was Wallraff übrigens nicht bestritt.

Im November 1989 trat Gremliza aus der SPD aus, deren Mitglied er jahrelang gewesen war. Der Grund für ihn: die SPD-Bundestagsabgeordneten hatten sich am 9. November zusammen mit allen anderen Parlamentariern erhoben und mit ihnen im Bundestag das Deutschlandlied gesungen, weil die Berliner Mauer geöffnet worden war. Das hatte ihn an den 17. Mai von 1933 erinnert, als die sozialdemokratischen Abgeordneten zusammen mit den Nationalsozialisten nach Hitlers „Friedensrede“ im Reichstag die erste Strophe dieser Hymne gesungen hatten.

Gegenüber Israel war Gremliza stets solidarisch und gegen jeglichen Antisemitismus – auch gegen den damals häufig vorkommenden Antizionismus in linken Gruppen. Er setzte sich aber stets für eine Zweistaatenlösung in Palästina ein.

Nach der Wiedervereinigung beriet er in den 90er Jahren die ostdeutsche Tageszeitung junge Welt – zu DDR-Zeiten war sie dort ein auflagenstarkes Blatt. Nach der Wende ging ihre Auflage von einst 1,6 Millionen auf dann 200.000 zurück.

Am 20. Dezember 2019 starb Hermann Gremliza im Alter von 79 Jahren in Hamburg. Fast ein halbes Jahrhundert war er bis dato Herausgeber seines neuen Konkret gewesen.

(hhb)

 

Quellen

Jörn Schulz: Radikal pro Israel / Jüdische Allgemeine vom 17.2.2014

David Hugendick: Stilvoll gegen Deutschland / DIE ZEIT vom 23.12.2019

Willi Winkler: Freibeuter mit messerscharfem Verstand / Südd. Zeitung 23.12.2019

Hermann L. Gremliza ist tot / SPIEGELkultur am 23.12.2019

Martin Krauss: Vielleicht der größte Journalist des Landes / Jüdische Allgemeine vom 23.12.2019

Norbert F. Pötzl: Der aufgeweckte Seminarist / SPIEGEL vom 24.12.2019

Roger Behrens: Einer gegen Dummheit / taz vom 28.12.2019

Markus Joch: Das Gegengewicht – Zum Tod des Publizisten Hermann L. Gremliza / Literaturkritik.de am 1.1.2020

 

Bücher + Schriften

Hermann L. Gremliza: Gegen Deutschland. 48 Nestbeschmutzungen / Konkret Literatur Verlag, 2000

Hermann L. Gremliza: Gesammelte Schriften, Band 1 – 1963 -1975 / Konkret Literatur Verlag, 2025