Albert Langen

Albert Langen war ein europäischer Verleger – ein Grenzgänger, der quer durch Europa gereist war, mehr als ein Viertel seines kurzen Lebens in fremden Ländern verbrachte und mit vielen Anregungen von dort in sein Heimatland zurückkam. Im Dezember 1893 gründete er den Albert Langen Verlag, dessen broschierte Buchreihen mit ihren farbigen, von namhaften Künstlern gestalteten Umschläge und mit jungen Autoren wie Frank Wedekind oder Ludwig Thoma zum Durchbruch verhalfen. Und er erschloss den deutschen Buchmarkt für hier noch unbekannte Schriftsteller aus Skandinavien und Frankreich. Dazu gehörten die Skandinavier Knut Hamsun, Bjørnstjerne Bjørnson oder Selma Lagerlöf sowie Anatole France, Paul Hervieu, Octave Mirbeau oder Marcel Prévost aus Frankreich.

Weniger bekannt dagegen ist, dass Albert Langen auch die wilhelminische Presselandschaft mit seinen beiden Zeitschriften Simplicissimus und März spürbar veränderte.

Albert Langen wurde am 8. Juli 1869 als Sohn wohlhabender Industrieller in Antwerpen geboren. Erst nach dem Tod seines Großvaters zog die Familie nach Köln, wo Langen seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte. Nach der mittleren Reife begann Albert Langen eine kaufmännische Lehre, die er allerdings bald abbrach und 1890 nach Paris übersiedelte. Dort wollte er sich als Maler ausbilden lassen oder eine Kunsthandlung eröffnen. So bekam er schnell Kontakt zu dortigen Künstlern, Literaten und Intellektuellen. Sein lebenslanger Freund, der Zeichner Théophile Alexandre Steinlen, war ein wichtiger Illustrator des französischen Satireblatts Gil Blas Illustré, das für Langen zum Vorbild für seine Zeitschriftenidee Simplicissimus wurde.

Der Simplicissimus war eigentlich, anders als ‚Gil Blas Illustré, anfangs nicht als Satireblatt geplant, sondern als Literaturrevue seines Buchverlags. Gil Blas ist die Hauptfigur eines französischen Schelmenromans, ganz ähnlich wie die Hauptfigur des im Jahr 1668 erschienenen Romans „Der abenteuerliche Simplicissimus“. Dessen Leitspruch „Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen.“ war bereits in Heft 1 des Simpl das Motto dieser Neuerscheinung. Das Blatt wurde am 4. April 1896 aus Gründen der Werbung mit einer sehr hohen Auflage gestartet – die Angaben schwanken zwischen drei- und vierhunderttausend Exemplaren zum Stückpreis von zehn Pfennig. Verkauft wurden aber deutlich weniger.

 

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Copyright: Nicola Perscheid (1864-1930) (→ de.wikipedia, en.wikipedia, nl.wikipedia) - nl:Afbeelding:AlbertLangen1894.JPG, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=392387

Zu Beginn wurden vor allem die Texte darin von jungen in München lebenden Künstlern illustriert, von Zeichnern, die auch für die Zeitschrift Jugend arbeiteten. Erst langsam etablierten sich politische Karikaturen im Heft, die den Simplicissimus dann zum profiliertesten Oppositionsblatt der Kaiserzeit und bis heute berühmt gemacht haben.

Diese Politisierung begann schon im Erscheinungsjahr, als Langen Gedichte von Georg Herwegh abdrucken ließ, der einst in der 48er Revolution zu den Wortführern einer Demokratisierung Deutschlands gehört hatte – und zu den Begründern des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“, aus dem dann die SPD hervorging. Immer häufiger kam man daraufhin mit der Zensur ins Gehege, was allerdings die Beliebtheit und den Verkauf des Simpl durchaus förderte.

Zum richtigen Skandal kam es dann im dritten Jahr durch die so genannte „Palästina-Nummer“ des Satire-Blatts, als es in der Ausgabe vom 29. Oktober 1898 die Reise von Wilhelm II. ins Heilige Land auf die Schippe nahm. In Deutschland frotzelte man seinerzeit über die drei Kaiser aus dem Hause Hohenzollern: Wilhelm I. war der greise Kaiser; Friedrich III. der weise (oder leise) Kaiser und Wilhelm Zwo galt nun als Reisekaiser.“

Grund dafür war die Attitüde von Wilhelm II., sich mit theatralischem Pomp immer häufiger in Szene zu setzen. Besonders gern bei seinen Auslandsreisen mit Hilfe von Fotos und kleinen Aufnahmen in der aufkommenden Kinematographie. Genau das verulkte man in besagter „Palästina-Nummer“, die natürlich sofort beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen wurde, vor allem wegen eines Spottgedichts aus der Feder von Frank Wedekind.

 

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Erstausgabe des Simplicissimus

Das Cover zeigt in einer Karikatur von Th.Th. Heine den sich vor Lachen krümmenden Kaiser Barbarossa, der dem neben ihm stehenden Kreuzritter Gottfried von Boullion die Pickelhaube von Wilhelm II. zeigt, der mit den Worten antwortet:

„Lach nicht so dreckig, Barbarossa! Unsere Kreuzzüge hatten doch eigentlich auch keinen Zweck.“

Für diese Titelseite wurde Heine verurteilt.

Als Autor des Gedichts wurde ein „Hieronymus“ genannt. Leider hatte man vergessen, das Original-Script zu vernichten, das dann bei der Durchsuchung der Redaktionsräume der Polizei in die Hände fiel. Wedekind und der Zeichner Th. Th. Heine – der auch das Titelblatt gestaltet hatte – wurden wegen Majestätsbeleidigung verurteilt und mussten eine mehrmonatige Haftstrafe absitzen. Albert Langen floh ins Ausland, nach Frankreich, Norwegen und in die Schweiz und lebte fünf Jahre im Exil. Sein Verfahren wurde erst nach Zahlung einer Kompensation in Höhe von 20.000 Mark eingestellt. Bis zu seiner Rückkehr musste er den Verlag mit Hilfe seines Mitarbeiters Korfiz Holm aus der Ferne leiten.

1906 löste er den Simplicissimus aus seinem Langen Verlag und überführte das erfolgreiche Blatt in eine eigene GmbH, an der seine wichtigsten Mitarbeiter Olaf Gulbransson, Th. Th. Heine, Bruno Paul, Eduard Thöny, Ludwig Thoma und Rudolf Wilke beteiligt wurden.

Sein 1907 gegründetes zweites Blatt – März – die Halbmonatszeitschrift für deutsche Kultur – gehörte ebenfalls zu den erfolgreichen Magazinen im späten Kaiserreich. Es war linksliberal und zielte auf all jene demokratischen Kräfte, die nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die deutsch-französische Verständigung förderten, weil sie an die europäische Völkergemeinschaft glaubten. Herausgegeben von Albert Langen, Ludwig Thoma, Hermann Hesse und Hans Fischer alias Kurt Aram. Zu den Redakteuren gehörte der spätere Bundespräsident Theodor Heuss.

Albert Langen wurde nur knapp 40 Jahre alt. Am 30. April 1909 starb er an einer verschleppten Mittelohr-Entzündung.

(hhb)

 

Albert Langen – Ein europäischer Verleger von Helga Abret, 1993 im Verlag LangenMüller